Covid-007 und die Liebe meines Lebens:

Über Nacht nach Kanada.

5. April 2020

Flughafen Calgary, Einreise Kanada, ETA
Plötzlich in Kanada - eine Entscheidung Herz über Kopf

Der Verkehr auf der Straße summt. Ich sitze neben meinem Papa im Auto. Sonne scheint auf meine Knie und es ist 16 Uhr. Aus Intuition drehe ich das Radio lauter. „Deutschland schließt nun seine Grenzen zu den Nachbarländern Schweiz, Frankreich und Österreich“, sagt die Stimme. Auf einmal ist das Summen stärker. Lauter. Aber es kommt nicht mehr von der Straße, sondern sitzt tief in meinem Ohr. In einer Woche wollten mein Freund und ich uns in Island für einen zweiwöchigen Roadtrip treffen. Er ist Amerikaner und ich Deutsche. Dann kam Corona. Immer näher. Jeden Tag. Wenn Island nicht klappt, treffen wir uns halt einfach nur bei mir in Deutschland. So unser Notfallplan. Zu dem Zeitpunkt hatten die USA bereits eine 30-tägige Einreisesperre für Europäer verhängt. Die Stimme aus dem Radio wabert für ein paar Minuten durch meinen Kopf. Dann klickt etwas in meinem seltsamen Gehirn.

 

„Wenn Deutschland dichtmacht, bin ich weg“, sage ich plötzlich ganz ruhig.

„Haha, ja“, sagt mein Papa. Dann läuft ein Song von Clapton.

Eine Stunde später reiße ich zu Hause im Dunkeln meinen Koffer vom Schrank, beantrage in zwanzig Minuten online ein Visum und buche einen Flug nach Vancouver, Kanada. Es ist eines der wenigen Länder, das noch die Grenzen für Amerikaner und Deutsche gleichermaßen offen hat. „Vergiss Island. Vergiss die eine Woche bis dahin“, schreibe ich meinem Freund. „Ich komme nach Kanada. Jetzt.“ Denn ich wusste, es wäre jetzt oder nie. „Bist du dabei?“

„Go!“, sagt er nur. Die Sache ist klar. 

Mit Schlüppern und Laptop nach Frankfurt

Kanadische Flagge, Reise nach Kanada, Corona
Blick nach draußen: Kanada

Es ist sechs Uhr, als ich eine Banane mümmelnd im Flur stehe und meine Taschen noch einmal nach Reisepass, Handy und Kreditkarte abklopfe. Viel mehr habe ich nicht dabei. Ein paar T-Shirts, etwas Duschgel, drei Schlüpper und meine fabelhafte Sammlung an Medikamenten. Dank meines minimalistischen Lifestyles brauche ich nicht viel mehr als das, um jederzeit für alles bereit zu sein.

 

Am Horizont zeichnen sich pfirsichfarben die ersten Spuren des Sonnenaufgangs ab. Ich zimmere mit meinem Auto zum Bahnhof und fahre von dort mit dem ICE nach Frankfurt. Es hätte auch einen Flug von Düsseldorf nach Kanada über London gegeben. Doch ich will nirgendwo einen Zwischenstopp riskieren. Wenn James Bond, dann auch richtig. Mir ist heiß und kalt. Aber nicht wegen Corona, sondern weil ich weiß, dass ich irgendwo eine gewaltige Meise habe. Ich verschanze mein halbes Gesicht hinter meinem dicken Schal und versuche, möglichst nichts zu berühren. Als hinten im Abteil jemand hustet, bekomme ich fast einen Schlaganfall.

 

Am Flughafen ist gähnende Leere. Ich checke ein und eines meiner Ladekabel wird kurzfristig für eine Waffe gehalten. Irgendwas ist immer. Ich habe meinen Laptop dabei, schließlich muss ja weiter gearbeitet werden. Zumindest das, was mir als Digitale Nomadin und Schreiberin momentan noch an Aufträgen geblieben ist.

Gegen den Strom in die falsche Stadt

Skyline von Calgary, Kanada im Winter, Alberta
Willkommen in Calgary!

Drei Stunden später sitze ich in einem monströsen Flieger voller Kanadier. Alle wollen nach Hause aus dem verseuchten Europa. Ich bin der kleine, neonfarbene Fisch, der in die entgegengesetzte Richtung schwimmt. Kenne ich aber schon. Mehr Sorgen machen mir wie immer diverse Turbulenzen und dass in meinem Essen Broccoli sein könnte. Als ich die Landkarte auf dem Monitor vor mir genauer ansehe, wundere ich mich ein bisschen, dass Vancouver auf einmal so weit im Landesinneren liegt. Es dauert weitere zähe Minuten, bis ich schnalle, dass ich gar nicht nach Vancouver, sondern nach Calgary fliege. Ich schaue auf mein Flugticket und dann wieder auf den Monitor. Ich habe offenbar bei der Buchung in meinem wirren Kopf die beiden Städte verwechselt. Naja, Mailand oder Madrid, Hauptsache Kanada.

 

Nach neun Stunden Direktflug lande ich über einer schneeweißen Arktis. Im Freefall Tower. Keine Ahnung, ob der Pilot ebenfalls vergessen hat, wo er landen wollte, doch wir fliegen ziemlich lange ziemlich hoch und donnern dann im steilen Sinkflug auf den Airport zu. Egal.

Ich durchlaufe die Immigration, lege meinen Pass vor, bekomme einen schrägen Blick vom Officer und ein Corona-Informationsblatt. Dann stehe ich auf einmal in einem Land, von dem ich vor 24 Stunden nicht viel mehr wusste als den Namen der Hauptstadt und dass es Berge hat. Als ich wieder W-Lan habe, sehe ich eine Nachricht von meinem Freund: „You just made it under the wire. Kanada schließt in den nächsten Tagen die Grenzen für Europäer.“ Nur kurze Zeit später schottet sich die EU gegen Amerikaner ab. Mein Freund hätte es nicht mehr reingeschafft, wenn wir bei unseren alten Plänen geblieben wären. Ich bin kurz davor, einen Schnaps zu trinken, habe aber nur Leitungswasser.

Neue Grenzschließungen und neue Kurzschlüsse

Reise Kanada, Straßen Kanada, Alberta
Weit offenes Land in Alberta, Kanada

Es ist Mittwoch. Mein Freund wird am folgenden Montag aus den USA mit dem Auto zu mir kommen. Ich bin relativ entspannt und freue mich auf ihn, während ich wie ein Penner in meinem Privat-Airbnb sitze und in Unterhose Mr. Bean auf Youtube schaue. Dieser Trip ist schon lange kein Urlaub mehr. Es geht nicht mehr um Sehenswürdigkeiten und Roadtrips. Draußen tobt die Apokalypse und mein einziges Ziel ist, meinen Freund bald für eine Weile in meine Arme zu schließen.

 

Donnerstag dann auf einmal die Schlagzeilen. Die USA und Kanada überlegen, die gemeinsame Grenze zu schließen. Bald. Mein Puls schießt auf 180. Ich funke meinem Freund, der wegen wichtiger familiärer Verpflichtungen eigentlich so überhaupt nicht vor Montag kommen kann. „Was machen wir?“ Es ist mehr ein SOS, als eine Frage.

Es dauert nur wenige Minuten, bis er das tut, was ich vor wenigen Tagen getan habe: Er lässt alles stehen und liegen, organisiert in wenigen Stunden die nächsten Wochen neu und ist am kommenden Morgen um 5 Uhr auf der Straße. 1.000 Kilometer liegen vor ihm.

 

„Gut, dass du in Calgary bist. Das liegt recht nah an der Grenze“, sagt er. Es trifft mich wie ein Schlag, dass ich eigentlich nur aus Versehen wegen einer Verwechslung in Calgary bin. Ich trage den großen Glauben in mir, dass nichts im Leben aus Zufall passiert. Selbst dann nicht, wenn wir mal so richtig scheiße am Boden liegen.

Nervenaufreibende Stunden ohne ein Signal

Reisepass Deutschland und USA
Zwei Staaten - ein Dilemma: Corona und die Grenzen

Während mein Freund noch unterwegs ist, verstärkt sich die unklare Nachrichtenlage. Die USA und Kanada bekräftigen die Grenzschließung. Ich google herum, bis mir die Fingernägel abbrechen. In einigen Quellen klingt es, als wäre die Entscheidung noch offen, in anderen, als wäre die Grenze schon zu. Ich bekomme Herzflattern. Dann spüre ich Tränen in meinen Augen. Was, wenn alles umsonst war.

 

Ich rufe meine beste Freundin in Deutschland an. Und während ich in manischen Dreiecken und Quadraten das Apartment ablaufe, redet sie vier Stunden mit mir. Über unsere Abi-Party vor zehn Jahren, über die bescheuerte Frisur von unserem Mathelehrer, über alles und nichts – nur um mich davor zu bewahren, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Ich habe derweil über drei Stunden nichts mehr von meinem Freund gehört. Mein Magen hat sich in eine dicke Krampfader verwandelt. Das einzige, was ich bis 15 Uhr gegessen habe, ist ein Keks. Ich fühle mich fremd in meinem eigenen Leben. In der Welt, in der ich lebe. Was ist los. Wie klein wir Menschen sind. Wie viele Präsidenten wir wählen können und wie viel Geld verdienen. Aber am Ende zeigt uns die Natur, wer wirklich die Macht hat. Ich fühle mich gejagt und zugleich demütig, weil ich weiß, dass das Virus etwas in jedem von uns verändern wird. Für immer. Es wird uns zeigen, was wirklich wichtig ist. Auf was es wirklich ankommt. Und dass die Blumen und Bäume im Frühling auch ohne uns blühen.

Happy End nach Achterbahn und Chaos

Fernbeziehung USA Deutschland
Du und ich und die Liebe

Auf einmal sehe ich eine Nachricht auf meinem Handy. „In Canada“, ist das einzige, was sie sagt. Darunter ein kleines Herz. „Ohaaaa!“, schreie ich mitten in einen Satz meiner besten Freundin.

„Was ist?!“, fragt sie alarmiert. Ich schlage mir die Hand vor den Mund. Für einen Moment atme ich einfach nur. Ich kann nicht lachen, nicht weinen und nicht reden.

„Er hat es geschafft“, sagte ich dann leise. Es ist, als würde eine eiserne Stange in meiner Brust brechen.

 

Als ich kurze Zeit später aufgelegt habe, gebe ich in einem irren Impuls „Abba“ auf Youtube ein. Der erste Song ist „Mamma Mia“. Ich springe vom Bett auf und hüpfe wie ein Kind ins Wohnzimmer. Dann singe ich völligen Blödsinn, renne mit dem Knie vor den Küchentisch und muss mich erstmal setzen.

Zwei Stunden später parkt mein Freund vor dem Haus. Ich stapfe durch den Schnee und nehme ihn einfach nur in den Arm. Lange. Am Himmel ziehen Wolken im Abendlicht vorbei.

Was danach geschah

Cabin in Kanada, Holzhütte, Tiny House Kanada
Unser Refugium in der Wildnis von Kanada

Zwei Wochen haben wir in Kanada verbracht. Einen Teil in Calgary und einen Teil in einer kleinen Holzhütte in der Wildnis. Gesehen haben wir aufgrund der Quarantäne nichts außer ein paar Bergen und Kornfeldern. Aber das spielte keine Rolle. Wir hatten uns. Und wir haben herausgefunden, dass das Versprechen „in guten und in schlechten Zeiten“ für uns ein Fundament ist, das auch die größte Zombieapokalypse nicht erschüttern kann und weit mehr als nur Worte ist.

 

Inzwischen ist mein Freund wieder in den USA und ich verbringe noch eine Woche allein in Calgary, bevor mein Rückflug nach Deutschland geht. Aufgrund der aktuellen Grenzschließungen konnte keiner den anderen in sein Heimatland begleiten. Wir hoffen, dass die guten Zeiten bald zurück sind. Währenddessen blühen die Blumen und Bäume und ich möchte euch ein Zitat von einem meiner Lieblingspoeten, Oscar Wilde, ans Herz legen: „Everything is going to be fine in the end. If it's not fine, it's not the end.“

Kommentare: 5
  • #5

    Peter Gerhardinger (Sonntag, 05 April 2020 13:13)

    Danke für Deine Worte Sarah, die die Gesamtsituation des einzelnen Individuums während des Supergaus auf der Erde trefflichst beschreiben.
    Alles wird vortrefflich; es werden nur die Karten neu gemischt. ��

  • #4

    Lonelyroadlover (Samstag, 04 April 2020 19:50)

    Liebe Helen,
    wie schön, von dir zu hören. :) Manchmal ist man ja ganz erstaunt, wer diesen Blog alles liest. :D Ich erinnere mich noch daran, wie ich damals gebannt deinen Blog aus Frankreich verfolgt hatte und dich unheimlich mutig fand. Wir hätten nie gedacht, dass jemals alle Grenzen weltweit zugleich schließen würden und wir jemals in so eine Situation kommen könnten. Das schien einfach utopisch. Aber jetzt lernen wir, wie priveligiert wir alle waren. Mit unseren Reisepässen, unserem Geld, unserer Unbesorgtheit. Ich werde definitiv nochmals anders über unsere Welt denken. Und noch mehr versuchen, meine positive Energie weiterzugeben. Gerade in schlechten Zeiten. Alles Gute dir!
    Sarah

  • #3

    Lonelyroadlover (Samstag, 04 April 2020 19:46)

    Hey Tobi!
    Danke von Herzen für deinen Kommentar. :) Es ist ein Motto, das uns beide irgendwie inzwischen verbindet. Ich freue mich, dass ich dich mit der Geschichte bewegen konnte und dass wir einfach nie aufgeben werden, wie Walt Disney zu denken!
    Ein virtuelles Weinglas auf uns seltsames Künstlervolk!
    Sarah

  • #2

    Helen (Samstag, 04 April 2020 19:15)

    Liebe Sarah!
    Ich freue mich total für dich und deinen Freund, dass ihr es geschafft habt euch trotz innen- bz. außenpolitischer Beschlüsse der unterschiedlichen Regierungen zu sehen.
    Ich kann deinen Kurzschluss absolut nachvollziehen.
    Lange habe ich nicht daran geglaubt, dass ich mal so fühle, doch auch ich hätte wie du alles stehen und liegen lassen, um zumindest die Chance zu haben ihn zu umarmen.
    Wie unheimlich ungewohnt es für unsere junge deutsche Generation ist, dass plötzlich unsere Nationalitäten über geöffnete bzw. geschlossene Türen entscheiden. Wie leicht uns Selbstverständlichkeiten von der Natur genommen werden können. Wohl dem, der jetzt lernfähig ist und wehe uns allen, sollten wir daraus keine Lehren ziehen.
    Beste Grüße und eine gute Heimreise wünscht dir
    Helen

  • #1

    Tobias Krebs (Freitag, 03 April 2020)

    Mir fällt nicht viel dazu ein, ausser: danke für diesen Blogpost.
    Um es in den Worten von Walt Disney zu sagen:
    "First, think. Second, dream. Third, believe. And finally, dare."
    Oder schlicht und einfach:
    "If you can dream it, you can do it."
    Bleib gesund!

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