Digitale Nomadin: Ja verdammt, ich arbeite!

Tacheles über Geld, Zeit und Reisen.

17. November 2019

Fotografin und freie Texterin - als digitale Nomadin um die Welt
Mit Laptop und Kamera um die Welt - digitale Nomadin

Ich liege am Strand, eine Seestern-Maske in der Fresse, als sich plötzlich der Himmel auftut und Geld herabregnet. Dann schreibe ich ein bisschen gedünsteten Blödsinn auf diesem Blog und schon kommt Instagram persönlich und überhäuft mich mit Schecks. „Wie kannst du dauernd unterwegs sein?“ Ein Mysterium mindestens so krass wie das Verschwinden von MH17. Vielleicht habe ich auch reich geerbt, Gold im Grundwasser gefunden oder einfach ein Rad ab?

 

Die Wahrheit ist, dass ich eines Tages auf depressiv-verstimmtem Umweltpapier einen Fragebogen zur steuerlichen Erfassung ausgefüllt habe, um ihn auf dem Weg zum Büro der Rentenversicherung im obersten Stock eines Betonklotzes in Recklinghausen beim Finanzamt einzuwerfen. Unternehmensgründung in Deutschland. Da fährt die Euphorie Dreirad auf Koks.

Seitdem ist alles, was ich zum Geldverdienen brauche mein Laptop und WLAN. Nein, ich verkaufe keine dubiosen Energy-Drinks. Nein, ich jobbe nicht in Hostels auf Neuseeland. Nein, ich verdiene keinen Cent mit diesem Blog. Ja, ich kann von meinem Job leben. So gut wie nie. Denn ich bin endlich frei.

Ein ehrlicher Bericht. Wie ich es schaffe, neben sechs Monaten auf Reisen trotzdem ganz normal zu arbeiten und warum es eine böse Lüge ist, dass das jeder kann.

Vollzeit im Büro – irgendwas stimmt nicht mit mir!

Reiseblogger, digitaler Nomade, arbeiten unterwegs
Eine Reise, die das Leben verändert - und den Blick darauf

Neun Felder. Neun Felder hat das Glas meines Bürofensters zwischen den Kunststoffstäben. Gefängnis. Ein gut bezahltes, warmes und sicheres Gefängnis. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich habe Journalismus und Public Relations studiert. War das etwa falsch? Ich manage die Social-Media-Betreuung einer Kultureinrichtung. Ist das etwas nicht fancy genug? Ich raste aus. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich will meinen Computer nehmen und durch das Fenster mit den neun Feldern schmeißen.

 

Dann endet mein Vertrag. April 2017. Ich steige ins Flugzeug und mache mich auf in das Abenteuer meines Lebens. Vier Monate solo im Auto durch die USA. Mein Kindheitstraum. Zehn Jahre lang habe ich darauf gespart. Seit ich 16 Jahre alt war. Ich habe eine fast schon boshafte Ernsthaftigkeit, wenn ich etwas unbedingt will. Dinge passieren nicht einfach. Dinge passieren nur, wenn du sie tust.

Dann komme ich wieder. Geteert und beflügelt – von einem 12.000 Kilometer langen Roadtrip, magischer Natur, unfassbaren Begegnungen und dem Gefühl, gelebt zu haben. Nicht auf Magerstufe, sondern so richtig fett!

Die Langzeitfolgen einer Langzeitreise

Roadtrip USA, Lebenstraum, Weltreise
Wo komme ich her und wo will ich hin im Leben?

Jetzt zurück in den nächsten Vollzeitjob. Ich bin nämlich nicht Dagobert und der gesamte USA-Trip hat mich mal eben 11.500 Euro gekostet. JA MANN – lass uns doch mal über Geld sprechen, ihr Eichhörnchen! Was ist das denn immer für ein deutsches Gescheiße. Jeder ist neugierig und alle flüstern nur. Ist ja wie beim Spicken in der Schule.

 

Der nächste Vollzeitjob ist noch schlimmer als das Fenster mit den neun Feldern. Nach einer Woche kündige ich wieder. Mein Chef denkt, ich hätte geistige Cholera. Doch ich habe einfach nur begriffen, was mit mir nicht stimmt. Ich liebe meinen Beruf. Aber ich kann so nicht arbeiten! Nicht von 9 bis 18 Uhr auf einem ergonomischen Stuhl mit Lebenszeitverbrennung auf Glasfaser-Geschwindigkeit. 6 Wochen Urlaub an 52 Gesamtwochen im Jahr. An 5 von 7 Tagen in der Woche. Manchmal auch am Wochenende. Ja, das ist doch normal. Klappe zu, Affe still.

 

Weil es das ist, was du gelernt hast, als normal zu betrachten. Mit Dankbarkeit. Gefälligst. Für mich war das schief. Leicht schief vor meiner Langzeitreise und so schief wie Loriots Zimmerverwüstung nach dem Trip. Ich hatte die Welt gesehen. Die Schönheit von allem, was da draußen ist. Die Tür war offen. Ich war hindurchgegangen. Ich konnte nicht mehr zurück. Aber es regnete kein Geld am Strand. Auf den 500. Reiseblogger, der über die veganste Bar auf Bali schrieb, wartete auch keine Sau. Und meine reiche Erbtante ist wohl aus Versehen aus dem Stammbaum gefallen.

Gleich hinter mir kratzen Miete, Krankenkasse und Arbeitsamt mit ihren Fingernägeln auf Tafel. Was in zweiteufels Dreizack soll ich also tun?

Ortsunabhängiges Arbeiten als freie Texterin und Fotografin

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Arbeiten von überall auf der Welt - als digitale Nomadin

Ich entscheide mich schließlich nach zahlreichen schlaflosen Nächten, dass ich nicht mal in das modernste Home-Office-Teilzeit-Konzept im Silicon Valley passe. Ich will keine freien Stunden oder Tage. Ich will ein freies Leben. Der letzte Schluss: Wenn es nichts gibt, das passt, muss ich etwas erschaffen, das passt. Ich gründe mein eigenes Unternehmen. Und biete ab Januar 2018 freiberuflich meine Dienste als Redakteurin, Texterin, Pressereferentin, Fotografin und Social-Media-Managerin an. Für Fototermine muss ich anwesend sein – alles andere regele ich über Telefon, E-Mail und Internet. Scheißegal wo. Texte schreiben geht überall, wo mein Laptop ist. Meine Resultate an Kunden verschicken kann ich überall, wo WLAN ist.

 

Es klappt. Ich verdiene durchschnittlich 1.200 Euro netto im Monat im ersten Jahr bei rund 3 Arbeitstagen pro Woche und kann damit meinen ohnehin bewusst recht minimalistischen Lebensstil finanzieren und sogar noch etwas zurücklegen. Außerdem reise ich knappe elf Wochen. Zwei Wochen Roadtrip durch die Normandie, drei Wochen Roadtrip durch Andalusien, zwei Wochen mit dem Zug durch Italien, zwei Wochen zurück in die USA und dann noch für ein paar Tage nach Paris und Hamburg.

Die Knackpunkte: warum es geklappt hat und niemand auf euch wartet

Selbstständigkeit und Vorraussetzungen, arbeiten unterwegs
Selbstständigkeit ohne Plan funktioniert nur selten

ROMANTIK stopp – Realität an! Bevor gleich die Geigen vom Himmel fallen, verstimme ich mal kurz die Gitarre am Lagerfeuer der Begeisterung.

 

Warum hat das alles so gut geklappt?

 

  • ich hatte aus Versehen die richtige Ausbildung durch mein Studium (Journalismus & PR)
  • ich hatte genug Berufserfahrung durch meine Jahre im Vollzeitjob
  • ich hatte genug Kontakte durch vorherige Jobs
  • ich hatte genug Startkapital, um unbesorgt loszulegen
  • ich hatte Glück und direkt einen zweijährigen Großauftrag mit einer festen Summe pro Monat
  • ich habe absolut keine Probleme, mich zu Hause zu jeder Tageszeit und Wetterlage zum Arbeiten zu motivieren
  • ich habe absolut keine Probleme, unterwegs im Bus, am Strand oder am Flughafen zu arbeiten und kann mich extrem fokussieren
  • Worte sind meine Naturbegabung – ich bin effizient und schnell; die Buchstaben laufen mir quasi aus der Nase

Und damit sage ich ganz offen – und widerspreche vielen „Coaches“ und „Motivationstrainern“ – nö, das kann nicht jeder. Es ist eine Lüge, dass jeder mal eben alles hinwerfen und mit irgendeiner Online-Scheiße massenhaft Geld verdienen und um die Welt bimseln kann. Es reicht nicht, mal in der Schülerzeitungs-AG gewesen zu sein oder hobbymäßig über die zehn geilsten Cafés in Amsterdam zu schreiben. Das, was ich da mache, ist Business. Kundenakquise, Abrechnungen, Umsatzsteuervoranmeldung. Der Smoothie trinkende Reiseblogger mit seinem Tablet unter der Kokosflockenpalme ist die Fata Morgana des 21. Jahrhunderts. Niemand erwartet euch da draußen mit offenen Armen und schmeißt mit bunten Scheinen.

Was ist dein Lebensstil – und bist du glücklich?

Katze, reisen, digitale Nomadin
Arbeiten draußen mit Katze - geilstes "Büro" der Welt

Davon abgesehen: Nicht jeder ist für diesen Lebensstil gemacht. Kannst du in Ruhe schlafen, wenn du nicht weißt, was du nächsten Monat auf dem Konto hast? Kannst du dich motivieren, auch sonntags um 20 Uhr auf der Couch noch einen Text zu schreiben? Würdest du dein Konsumverhalten einschränken, um weniger zu arbeiten und weniger Geld zu verdienen und im Gegenzug mehr Zeit zu haben? Sind dir sechs Wochen Urlaub vielleicht einfach genug und brauchst du einen festen Tagesablauf?

 

Mein Lebensstil ist nicht die Ultima Ratio und Rettung der Menschheit. Das Leben eines anderen zu kopieren, hat noch nie wirklich etwas gebracht außer Papierstau im Fach der Entfaltung. Das wirklich Wichtige ist doch: Bist du glücklich?

Egal, wie du lebst und arbeitest und wovon du träumst.

frei getextet mit Geschäftspartnerin und interkontinentalem Job

Meine Geschäftspartnerin und Freundin Britta
Meine Geschäftspartnerin und Freundin Britta

Seit Anfang 2019 habe ich eine Geschäftspartnerin. Gemeinsam haben wir die Agentur frei getextet gegründet. Unsere Kunden sind unter anderem UNICEF, Brinkhoffs, die Landeszentrale für politische Bildung NRW, camperstyle, Ruhr Tourismus und der Sauerländische Gebirgsverein. An meinem Geburtstag habe ich einen Besuchstermin des Bundespräsidenten mit der Kamera begleitet.

 

Während meine weniger reisefreudige Business-Partnerin in Deutschland die organisatorischen Fäden zusammenhält, bin ich in diesem Jahr sechs Monate lang gereist – unter anderem fünf Monate in die USA zu meinem Freund und Verlobten, den ich 2017 auf meinem großen Trip kennengelernt habe. Die gesamte Zeit über habe ich weiter gearbeitet. Getextet, recherchiert, telefoniert und auch mal geskypt. Mit meiner Geschäftspartnerin, Kunden und sogar dem Finanzamt. Da muss man dann auch mal flexibel bis ein Uhr nachts wach bleiben, um bei acht Stunden Zeitdifferenz pünktlich um 9 Uhr deutscher Zeit mit dem Auftraggeber über die dritte Korrekturschleife zu sprechen.

In diesem Jahr habe ich pro Monat durchschnittlich 1.600 Euro netto bei 2 bis 3 Arbeitstagen pro Woche verdient. Im Februar waren es fast 5.000 Euro, im Juli einmal 650 Euro.

 

Die Freiheit und Lebenszeit, die mir dieser Job auszahlt, ist jedoch mit keiner Währung der Welt aufzuwiegen. Wenn mich jemand fragen würde, würde ich sagen, ich bin reich. Denn ich bin so glücklich, dass ich platzen könnte. Noch nie bin ich so viel gereist, habe so viel Zeit mit meinen Lieblingsmenschen verbracht, so viele Hobbys ausgeübt und so gesund gegessen und geschlafen wie jetzt. Noch nie war ich so selten krank, unzufrieden oder gestresst. Noch nie hatte ich weniger das Gefühl, etwas zu verpassen.

Die 5 schrägsten Orte, an denen ich bisher gearbeitet habe

Unterwegs und glücklich als digitale Nomadin
Unterwegs und glücklich

Das mit dem ortsunabhängigen Arbeiten nehme ich wirklich ernst und mache keine Kompromisse. Einmal leider auch, weil ich mir als eigener Chef eine Krankschreibung direkt in den Abfall pinnen kann. Hier kommen meine Top 5 Orte, an denen ich schon gearbeitet habe:

 

  1. Im Krankenhausbett zwischen Darmspiegelung und MRT, als ich mit Colitis Ulcerosa diagnostiziert wurde
  2. Am Flughafen von Los Angeles um 4 Uhr morgens am Gate
  3. Nachts um 5 Uhr zu Hause auf der Couch nach 30 Stunden Flug mit heftigem Jetlag
  4. Im eiskalten Vorraum einer Autowerkstatt als mein Wagen drei Stunden zur Inspektion war
  5. In einem Hotelzimmer in Spanien bei 41 Grad im Schatten

 Ja, ich bin andauernd unterwegs. Und ja, verdammt, ich arbeite. Ich habe meinen persönlichen Weg zum Glück gefunden und fühle mich nicht mehr so, als würde etwas mit mir nicht stimmen. Denn es stimmt endlich. Alles.

Kommentare: 4
  • #4

    lonelyroadlover (Dienstag, 03 Dezember 2019 21:10)

    Hi Tamara :)
    Dankeschön! Es freut mich sehr, dass dir der Artikel aus der Seele gesprochen hat. Viele sehen nicht den Widerspruch, dass man viele Gewohnheiten und auch Luxus aufgeben muss, um so ein Leben leben zu können. Ich wollte endlich mal damit aufräumen. Romantik am Strand gibt's nur, wenn man vorher auch ordentlich gebuddelt hat.
    Liebe Grüße um die Welt!
    Sarah

  • #3

    lonelyroadlover (Dienstag, 03 Dezember 2019 21:07)

    Danke, Peter!
    Ich hatte echt langsam einen Planungsstau an Facepalms, wenn ich die ganzen Spekulationen über ortsunabhängiges Arbeiten so höre oder auch lese. EIgentlich wird immer nur gesagt, wie toll es ist, dass man irgendwo in seinem Van am Meer aufwacht und ab und zu mal bloggt. Das ist der totale Schwachsinn. So läuft das nicht. Aber wenn man mal was rausfinden will, dann ist sich jeder zu fein, mal Zahlen und Fakten zu nennen. Dann ist immer "Man muss nur an sich glauben!" oder "Komm in mein Coaching - das ist einmalig frei und kostet danach XXX Euro und DA sage ich dir dann in 7 Tagen, wie du das GANZ EINFACH auch kannst." Ja nee, is klar.
    Und zum Glück habe ich wenige (offene) Neider. Die Personen, die mir dahingehend mal nicht gut getan haben, habe ich alle STRG+Entf. Statt immer nur zu gucken, was andere haben, sollte man einfach mal seinen eigenen Traum klarkriegen und anpacken.
    Ich mag dich auch, Don Pedro!
    Cheers!
    Sarah

  • #2

    Tamara (Montag, 25 November 2019 11:17)

    Komplett ehrlich, ohne ein Blatt vor dem Mund – find ich herrlich! Und dass man als Selbsständige einfach oft mal sparen muss und sich nicht immer alles leisten kann, das vergessen viele, wenn sie von einem freien Leben als digitale Nomadin träumen.

    Sonnige Grüße aus Zypern

  • #1

    Don Pedro (Sonntag, 24 November 2019 10:03)

    Servus Sarah,
    da hast Du mal heftig die Tatsachen auf den Tisch geballert. Deine Worte sind eine wahre Freude und so verdammt ehrlich. Danke, dass Du es mal direkt und unmissverständlich auf's Tablet bringst.
    Grundvoraussetzung für freies Arbeiten ist immer grundsolide Ausbildung, unbedingter Willen, Durchhaltevermögen, Charakter und hartes Erlebens-Training. Von NIX kommt einfach NIX. Wischiwaschi ist nicht. Und wer es in seinem verkackten Hirn nicht kapiert und eifersüchtig nach Dir (und anderen Freigeistern) schielt, ist ein Depp ... "Ein Depp ist ein Depp, da kann die Sonne noch so schön scheinen" ...
    Ich finde es klasse, wie Du so intensiv lebst und freue mich sehr für Dich. Ich mag Dich.
    Sonnige Grüße
    Don Pedro ... Corleone war gestern ...

 

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