Ein Jahr nach der Reise:

Warum mein Leben nicht mehr dasselbe ist.

7. April 2018

Michigansee Chicago, USA, Bloggerin
Wer alleine reist, denkt viel nach: Michigansee Chicago

September 2017. Stumm tanzt die Kerzenflamme im bunten Glas auf dem Holztisch. Ich blicke aus dem Fenster meines Lieblingscafés mit einem Himbeer-Minze-Eis vor mir. Zwei Monate bin ich nun wieder zu Hause. Zurück von meiner viermonatigen USA-Soloreise. Meinem Kindheits- und Lebenstraum. Und weil ich gelernte Journalistin bin, denke ich manchmal gern in Schlagzeilen und theatralischen Zitaten. Ich bin 26 Jahre alt und habe meinen Traum gelebt – alles andere ist jetzt Zugabe. Es hört sich unheimlich gut an. Ich habe es gemacht. Ich habe es nicht aufgeschoben bis ich alt und krank sein würde. Großartig!

 

Bis mir einfällt, dass ich in den kommenden Jahrzehnten ja trotzdem irgendwas tun muss. Am liebsten würde ich in diesem Moment sofort wieder meine Koffer packen und mich in ein Flugzeug knallen. Oder zu Hause total zurückgezogen ein Buch über mein Abenteuer schreiben. Aber das funktioniert nur im Film. In der Realität bin ich umzingelt von Krankenkassenbeiträgen, Mietkosten und Lebenslauflücken. Kaum einer fragt noch „Wie war denn dein Trip?“ – aber alle wollen wissen: „Und was machst du eigentlich jetzt?“

Einfach nur wieder reinfinden – oder auch nicht

Leo Carrillo State Park, Kalifornien, Strand, Highway 1, lonelyroadlover
Dunkle Wolken am Horizont

Ich bin ein Glückspilz. Schon eine meiner ersten Bewerbungen klappt und ich fange in Kürze meinen neuen Vollzeitjob an. Wenn ich danach gefragt werde, sage ich schnell, dass ich mich total freue. Im Grunde bin ich einfach nur aufgeregt. Das wird schon! Ich würde neues Reiseguthaben ansparen können und es war ohnehin klar, dass nach dem Trip der Alltag zurückkommt.

 

An meinem ersten Tag sind die Kollegen gleich sehr nett. Nur in Bezug auf die Aufgaben hatte ich wohl andere Vorstellungen gehabt. Naja, ich muss halt erst einmal wieder reinfinden. Als ich abends über eine Stunde im Stau stehe, sehe ich mein Gesicht im Rückspiegel meines Autos und dunkle Schatten unter meinen Augen.

 

Am zweiten Tag stehe ich schon auf dem Hinweg eine Stunde im Stau. Dann sitze ich neun Stunden im Büro und friere so sehr, dass ich schon wieder schwitze. Ich blicke aus dem Fenster, sehe dünne Federwolken über der Stadt und mein Magen zieht sich zusammen. Als ich im Dunkeln nach Hause komme, glühen meine Wangen. Zugleich fühle ich mich so eiskalt und leblos wie eine Puppe. Fest blicke ich in den Badezimmerspiegel. „Das wird schon! Du wirst dich daran gewöhnen“, sage ich. Dann muss ich mich abwenden, weil ich weiß, dass ich lüge.

Am dritten Tag knalle ich nach Feierabend die Autotür zu, drücke die Innenverriegelung rein und heule eine Viertelstunde lang in der untersten Etage des Parkhauses.



Wenn man sich wünscht, etwas nie gedacht zu haben

Monument Valley, USA, Bloggerin, lonelyroadlover
Wer einmal gesehen hat, was geht, kann nicht mehr zurück

Während ich vier Monate lang allein unterwegs gewesen bin, wunderschöne Landschaften gesehen und verrückte Menschen getroffen habe, Panikattacken und Lachanfälle hatte, habe ich in meinem tiefsten Herzen gespürt, was es bedeutet, zu leben. Nicht nur zu existieren. All die schlauen Zitate über sinnvolles Leben haben sich in etwas Greifbares – in eine unglaubliche Erfahrung und Wahrheit – verwandelt. Auf einmal weiß ich mit Bestimmtheit etwas, was ich schon immer latent gespürte habe. Ich weiß, was mir im Leben wirklich etwas bedeutet: Zeit. Zeit in fremden Ländern. Zeit mit lieben Menschen. Zeit für meine Hobbys und Leidenschaften. In diesem Moment will ich dieses Wissen nur noch aus meinem Schädel schlagen, aus meinem Herzen reißen. Denn es scheint völlig unvereinbar mit allem, was jetzt offenbar für viele Monate und vielleicht sogar Jahre vor mir liegt. Ich bin zurück in einer Existenz, die sich fünf Tage lang auf ein Wochenende freut, das dann viel zu schnell vorbeifliegt. Weil man es nicht schafft, in zwei freie Tage alles zu stopfen, was unter der Woche zwischen Monitoren, Telefonen und Berufsverkehr langsam erstickt. Mir ist bewusst, dass dies das falscheste Leben ist, das ich führen kann. Ich handele gegen meine innersten Überzeugungen.

 

Am Wochenende halte ich es schließlich nicht mehr aus. „Ich muss kündigen“, sage ich laut und es fällt eine Tonne Asbest von mir ab. Am selben Abend schreibe ich die Kündigung und stehle mich am Montag - eine Woche nach meiner Einstellung - in das Büro meiner sehr verständnisvollen Vorgesetzten. Ich fühle mich furchtbar und sie versucht sogar noch, mich in einer etwas interessanteren Abteilung unterzubekommen. Es geht nicht. Nachdem vermutlich die Hälfte meiner Kollegen an meinem Geisteszustand zweifelt, beschließe ich, noch so lange zu bleiben, bis eine Nachfolgerin für mich klar ist. Am Ende bin ich fast noch drei Monate dort und verlasse die Firma zwei Tage vor Weihnachten endgültig.

Totaler System-Neustart

Sarah Bauer, Freie Texterin, Zeilenaufbruch, Ruhrgebiet, Kultur, Tourismus
Mehr Flexibilität, mehr Ortsunabhängigkeit - yeah!

Januar 2018. Zwischen der Kündigung und dem letzten Arbeitstag ist allerdings eine Menge passiert. Ich habe geweint, getobt, geplant, an Selbstständigkeit und digitales Nomadentum gedacht – und alles wieder eingestampft. Zu hohe Kosten, zu hohe Risiken, Wahn. Anfang Januar schreibe ich neue Bewerbungen – überwiegend auf Halbtagsjobs. Wie ein Fisch in einem Glas schwimme ich immer wieder dieselben Gedanken ab, stoße mit dem Kopf an, komme nicht weiter. Es gibt Tage, an denen regnet es durch und ich wünsche mir, dumm und einfältig geboren worden zu sein. Einfach nie gemerkt zu haben, dass ich mir ein Leben abseits vom Hamsterrad wünsche. Nicht anders zu sein. Mich über sechs Wochen Jahresurlaub und betriebliche Altersvorsorge zu freuen. Ich kann nicht. Ich laufe innerlich beinahe Amok.

 

Und dann plötzlich: Ein freier Auftrag tut sich auf. Über fünfzig Ecken. Auf einmal klingelt das Telefon. Der Auftrag ist so groß, dass er mir die gröbsten Kosten – die bei einer Selbstständigkeit wie Felsbrocken auf einen stürzen – erst einmal mehrere Monate vom Hals halten würde. Ich renne kurz kopflos rum. Dann sammele ich meine sieben Sinne ein und tu es. Ich sage zu. Ich springe kopfüber ins eisige Wasser. Behördengänge, Papierkrieg. Aber ich lebe wieder. Ich habe Bauchweh. Aber endlich nicht mehr vor Zweifeln und Perspektivlosigkeit, sondern vor Aufregung.

 

März 2018. Meine kleine Firma gibt es jetzt seit zwei Monaten. Zeilenaufbruch. Texte und Fotografie für Tourismus und Kultur. Die ersten Schwimmzüge sind getan. Das Wasser ist manchmal dünn wie Eis, aber es trägt.

Vielleicht mag es für einige problemlos sein, nach einer langen Reise mit vielen Eindrücken einfach so zurück ins Leben zu finden. Ich musste feststellen, dass es für mich unmöglich war, einfach so wieder nach Hause zu kommen. Was jetzt kommt? Zugabe!

 

Wie ging es euch nach einer langen (Solo)Reise? Wie seid ihr mit dem Alltag umgegangen und wo steht ihr heute? Wenn ihr Lust habt, mir eure Geschichte zu erzählen, dann meldet euch gern über sarah@lonelyroadlover.com oder Facebook.

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Kommentare: 2
  • #1

    Reiseholz (Montag, 09 April 2018 18:53)

    Zurückkommen war schrecklich. Nach 2 Wochen bin ich wieder gestartet. Ich glaube, beim Reisen ist man auf einem hohen Glückslevel und es braucht viel Zeit, um wieder runterzukommen. Ich habe dies auch bei anderen beobachtet, die ihr Leben verändert haben. Der berufliche Ehrgeiz ist nach dem Reisen minimal.

  • #2

    lonelyroadlover (Montag, 09 April 2018 19:58)

    Hey Reiseholz!
    Schön, dass du deine eigenen Erfahrungen mit mir teilst. Nach 2 Wochen wieder zu starten, ist hart. Das war es für mich schon nach 2 Monaten. Ich denke auch, dass man einfach eine ganz andere Lebensart gewohnt ist und plötzlich realisiert, in welch engem Korsett man vorher gesteckt hat.
    LG
    Sarah

Stories, Road Trips, Wanderlust! Inspirierende Geschichten von Reisenden und dem Leben "on the road". Ein Blog, der dich ermutigt, rauszugehen und zu leben. ♥


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