8.000 Kilometer, zwei Kulturen, eine Liebe: Fernbeziehung USA – Deutschland.

23. Januar 2021

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Die Liebe am anderen Ende der Welt - passiert

Es ist dunkel und ich sitze im Flugzeug. Mein Schädel dröhnt; mein T-Shirt fühlt sich an, als hätte ich mir Frischhaltefolie unter die Achseln geklebt und wäre dann für drei Tage in einer finnischen Sauna eingeschlossen gewesen. Am liebsten würde ich mein Gesicht auf das blöde Plastik-Klappbrett vor mir am Sitz knallen und sterben.

 

„Ich stand gestern ’ne Stunde im Stau bis ich bei meinem Freund war!“, beschwert sich eine Bekannte auf Facebook. Ich lache, während sich mein Sitznachbar ein dickes Zwiebelbrötchen auspackt und ich verzweifelt versuche, in die andere Richtung zu atmen. Wenn ich meinen Freund sehen will, sitze ich minimal 17 Stunden in drei Flugzeugen, verbrenne um die 800 Euro, rase 8.000 Kilometer durch 8 Zeitzonen und kriege sieben Herzinfarkte, weil die Flugverbindungen so knapp sind, die Security meine Schokolade für Drogen hält oder weil mein Portemonnaie plötzlich weg ist.

 

Ich bin Deutsche und mein Freund ist Amerikaner. Wir leben seit 2018 in einer Fernbeziehung auf zwei Kontinenten. Wir haben schon alles durch: ein nervenzerfetzendes Interview mit Homeland Security, filmreife Begrüßungsplakate, Heulattacken beim Abschied und eine Pandemie mit Grenzschließungen. Während den meisten bei sowas vor Stress schon längst das Kukident rausgeflogen wäre, schweißt uns der ganze Scheiß nur immer mehr zusammen. Eine Fernbeziehung – was sie ausmacht, wie wir sie überleben und warum die Liebe am Ende immer siegt.

Das Wiedersehen – Honigkuchenpferd an Heiligabend

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Lustige, bekloppte und liebevolle Begrüßungsschilder gehören für uns dazu

„Es wäre doch praktisch, wenn dein Freund wenigstens in New York leben würde“, sagt mein Papa manchmal. Klar. Direktverbindung Frankfurt – New York, das wäre schon schick. Jetzt ist mein Leben aber nicht besonders schick, sondern nur besonders. Und deshalb wohnt mein Freund im tiefsten Busch in den Rocky Mountains in Wyoming. Selbst nach 17 Stunden in drei Flugzeugen muss er mich meist noch zwei Stunden mit dem Auto vom nächstgrößeren Flughafen abholen. Die USA sind riesig und der wilde Westen ist weit.

Doch eine lange Anreise bedeutet auch lange Vorfreude. Meistens grinse ich während des gesamten Trips jede einzelne Person an, während mein Herz herumgaloppiert wie ein Honigkuchenpferd.

 

Mein Freund und ich haben einen Countdown auf unseren Handys, der anzeigt, wie viele Tage, Stunden und Minuten es sind, bis wir uns wiedersehen. Es ist jedes Mal so, als wäre ich wieder Kind und als wäre der Morgen vor Heiligabend. Jedes einzelne Mal. Und jedes Mal hat einer von uns ein beklopptes Begrüßungsschild am Start. Wenn wir uns dann aus der Ferne sehen, laufen wir nicht, sondern wir rennen. Umarmen uns. Und lassen uns minutenlang nicht mehr los.

 

Weil mein Freund aufgrund seines Alters nicht mehr arbeitet und ich digitale Nomadin bin, können wir uns oft mehrere Monate am Stück sehen. Bis wieder mal ein Visum ausläuft und wir für eine Weile zurück in unsere jeweilige Heimat müssen. Doch dieser Moment des Wiedersehens nach Wochen der Trennung ist der schönste Moment. Der Beginn einer fabelhaften Zeit mit dem wundervollsten Menschen der Welt.

Abschied und Trennung – Ausrasten am Flughafen

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Wieder im Flugzeug - zwischen Visa, Grenzen und Abschied

Ja, und dann sind da die Momente des Abschieds. Grund dafür sind, wie eben kurz erwähnt, unter anderem begrenzte Visumstage. Sowas kennt man nicht, wenn man in Herne lebt und der Partner in Castrop-Rauxel.

Aber wenn man in ein Land außerhalb der EU möchte, muss man meist ein Besuchervisum beantragen, das einem erlaubt, für eine bestimmte Anzahl an Tagen in dem jeweiligen Land zu verweilen. Oft sind es 90 Tage. Ich habe für die USA ein besonderes Visum, ein B2-Visum, das mir Aufenthalte von bis zu 180 Tagen am Stück erlaubt. Das ist aber dann auch alles, was ich pro Jahr zur Verfügung habe. Mein Freund kann derzeit für 90 Tage nach Deutschland kommen.

 

Wie ihr seht, lässt sich damit schon einiges an gemeinsamer Zeit basteln, wenn man es schlau plant. Aber das ist es eben: Fernbeziehungen brauchen einen Plan. Mal eben abends noch auf einen Wein rüberkommen, geht nicht. Jedenfalls bin ich noch nie 17 Stunden geflogen, um einen Wein zu süffeln. Und dann ist da natürlich immer die Angst vor einem Notfall, bei dem es selbst im günstigsten Fall von Tür zu Tür 24 Stunden dauert, bis man bei dem jeweils anderen ist, selbst wenn man sofort zum Flughafen rast.

 

Der Moment des Abschieds, an dem man sich zum letzten Mal durch eine Glasscheibe zuwinkt und dann auf einer Rolltreppe voneinander wegfährt, ist ungefähr so klasse wie Gelbfieber mit akutem Darmversagen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon durch Flughafengänge gewandelt bin, während mir die Tränen über das Gesicht gelaufen sind und Leute geglotzt haben. Ich habe inzwischen sogar einen Song, den ich in diesen Momenten höre. Broken Crown von Mumford and Sons. Das ist der beschissenste Moment. Ever.

Distanz und Trennung – wie klappt es?

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Tot am Flughafen nach 30 Stunden ohne Schlaf

Eine Frage, die wir immer wieder hören, ist: „Wie macht ihr das, während ihr getrennt seid?“

Wie schon erwähnt, haben wir eine sehr günstige Jobsituation. Mein Freund ist „retired“ und ich arbeite frei von zu Hause als selbstständige Texterin und Fotografin. So haben wir jeden Tag viel Zeit, um uns über WhatsApp zu unterhalten. Wir diskutieren dort eigentlich alles von der besten Gewürzmischung für Nudelsuppe über Rechnungen und Pläne bis hin zum Tod. Wir reden beide gern und viel und fühlen uns einander näher, wenn wir trotz der Distanz möglichst viel direkt miteinander teilen können.

Abends, deutscher Zeit, machen wir immer einen Videochat, wo mein Freund mir ein Buch vorliest und ich meist irgendwann dabei einschlafe. Es ist schön, ihn lachen zu hören und dabei zu sehen. Außerdem versuchen wir immer, so schnell wie möglich einen neuen, festen Termin für ein Wiedersehen festzusetzen und Flüge zu buchen. Das ist dann der Moment, wo der Trennungsschmerz in Vorfreude kippt und ich vor Aufregung immer ganz viel Schokolade essen muss. Normalerweise versuchen wir, dass nicht mehr als zwei Monate zwischen unseren Zusammenkünften liegen.

 

Übrigens: Am Anfang unserer Beziehung waren die Abschiede immer so schlimm wie eine Schmeißfliegenplage. Aber je öfter man das macht, desto einfacher scheint es zu werden. Vor allem, weil wir voller Vertrauen wissen, dass wir uns wiedersehen werden.

Fernbeziehungen, Corona & Grenzschließungen – loveisnottourism

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Reisen und Fernbeziehungen während Corona

Normalerweise. Denn dann kam 2020. Und Corona. Und plötzlich haben die USA eine Einreisesperre für Europäer und die EU eine Einreisesperre für Amerikaner erklärt. Das war ein verficktes Drama, um es nett auszudrücken. Denn Ausnahmeregelungen für Partner gab und gibt es teils immer noch nicht. Wir wurden und werden gleichbehandelt wie Bier saufende Touristen, die aus Spaß immer noch rumreisen wollen.

Die weltweite Bewegung #loveisnottourism hat in dieser Hinsicht inzwischen einiges erreicht, sodass Deutschland mittlerweile trotz anhaltender Grenzschließungen eine Ausnahmeregelung für Partner in Langzeitbeziehungen geschaffen hat. Die USA dagegen haben das leider auch nach zehn Monaten noch nicht geschissen bekommen.

 

Wer momentan seinen amerikanischen Partner von Europa aus besuchen will, muss sich erst 14 Tage lang in einem Drittstaat aufhalten – ich habe das im September 2020 über Aruba gemacht – um dann in die USA einreisen zu dürfen. Vollkommen bekloppt. Das hat so viel mit Virusschutz zu tun wie Fisch mit Marmelade.

 

Viele andere Paare in Fernbeziehungen weltweit sind immer noch getrennt und leiden seit fast einem Jahr unter großem psychischen Stress. Wir hoffen, dass sich die Situation durch die Impfungen demnächst entspannt.

Unsere Hexenjagd in 2020, um uns trotz Corona zu sehen, könnt ihr unter anderem in diesen Artikeln finden:

Closing the Gap: Wann zieht ihr zusammen?

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Zuhause überall - Hauptsache mit dir

Eine weitere Frage, die uns oft gestellt wird, ist: „Wann zieht ihr zusammen? Wann wanderst du aus?“

Closing the Gap heißt das unter Menschen in Fernbeziehungen. Etwas, das vermutlich 95 Prozent aller Paare in so einer Situation gern machen würden. Wir allerdings nicht. Überraschung. Wäre ja auch komisch, wenn irgendwas hier mal normal wäre.

 

Wie sind beide extrem reiseverrückt und haben viel Zeit. Ich kann von überall aus arbeiten. Lange Distanzen zu fliegen, macht uns nicht wirklich was aus, wenn man sich damit abfindet, dass man sich spätestens auf dem dritten Flug gern das Zwiebelbrötchen des Sitznachbarn ins Gesicht donnern will.

 

Wir sind ehrlich gesagt sehr begeistert darüber, dass wir zwei Zuhause auf zwei Kontinenten in zwei Kulturen haben. Mein Freund möchte noch so viel in Europa sehen und ich liebe die USA, Kanada und Südamerika. Eine Home Base an beiden Orten zu haben, ist ziemlich cool. Außerdem haben wir beide starke Bindungen zu Familie und Freunden. Wir können uns beide nicht vorstellen, die Heimat komplett aufzugeben. Und das müssen wir auch nicht, da wir (in Nicht-Coronazeiten) frei hin- und herreisen können und auch mal ein paar Wochen ohneeinander überleben.

 

Das Wichtigste ist für uns, dass wir wissen, was uns unsere Liebe wert ist und dass sie alles kann. Sogar eine Pandemie, Grenzen und 8.000 Kilometer überstehen. Fernbeziehungen brauchen Vertrauen, Leidenschaft, Resilienz, Herz – und Verrücktheit. Und wir haben von allem ganz viel.

Wie du vielleicht weißt oder gesehen hast, haben wir nicht nur eine Fernbeziehung, sondern auch noch eine Beziehung mit Altersunterschied. Dazu bald mehr hier auf meinem Blog.

 

Wenn du eine Frage zu unserer Fernbeziehung oder zu Fernbeziehungen allgemein hast, schreib mir gern eine Nachricht über Instagram, Facebook oder per Mail an sarah@lonelyroadlover.com.

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