Das Schloss in den Wolken und Tibet in den Alpen – Garmisch-Partenkirchen.

19. Juni 2020

Kuhfluchtwasserfälle, oberer Aussichtspunkt, Garmisch-Partenkirchen, Gebetsfahnen
Sind das noch die Alpen?

Neuneinhalb Stunden bin ich unterwegs. Von der Umgebung um Köln bis Garmisch-Partenkirchen am Alpenrand. Ob ich mit dem Tretroller fahre, hast du gefragt? Nein – ich muss nur alle paar Kilometer anhalten, um meinem Freund Updates zu geben. Außerdem tut ab Würzburg mein Hintern weh.

Mein Freund und ich wären jetzt eigentlich in den USA. Zusammen. Aber Corona denkt, es wäre lustiger, wenn wir nicht zusammen sein können. Wenn ich allerdings eines nicht mache, dann bloß zu Hause rumheulen. Also habe ich beschlossen, sobald es geht, einen Solotrip durch den Süden und Osten Deutschlands zu machen. „Americans love Bavaria!“, freut sich mein Freund sofort – vor allem, weil ich ihn virtuell zu allen Orten mitnehme.

 

Gleich bei meiner Ankunft stellt sich heraus, dass mein schmerzender Hintern das geringste Problem ist. „Griaß God!“, sagt mein Gastgeber in Garmisch-Partenkirchen. „Hoisch Moisch Boisch!“

Ich gucke wie ein Esel im Regen. „Guten Abend“, sage ich dann mangels tiefgreifender, bayrischer Sprachkenntnis. Er führt mich durch die Ferienwohnung, deutet auf Schränke und Schalter und sagt: „Boisch, gell?“ Zum Glück ist der Mietvertrag auf Deutsch und als ich unterschrieben habe, kann ich mir endlich ein Rustipani in den Ofen werfen und die Füße hochlegen. Und das war erst der Anfang.

Eisiger Amazonas in der Partnachklamm

Partnachklamm, Garmisch-Partenkirchen, Naturwunder Deutschland
Die Partnachklamm - beautiful wild!

Es schüttet. Ich schaue den Prospekt der Partnachklamm an. Ziehen Sie regenfeste Kleidung an, selbst an Sommertagen, denn es kann in der Klamm sehr nass werden. Na, das passt doch! Nass bin ich ja schon, wenn ich nur meine Nase auf den Balkon halte. Ich ziehe meine Regenjacke, die wasserfeste Hose von meinem Schneemobil-Trip durch Yellowstone und meine Wanderschuhe an. In der Klamm ist eine Luft wie in einer Dampfgrotte. Allerdings wie in einer, in der die Heizung ausgefallen ist. Hinter dem Kassenhäuschen geht es gleich in einen Tunnel. Ich bin so früh da, dass ich fast allein bin. Und weil das so ist, rufe ich ganz laut „Boooh!“ im Tunnel. Einfach nur so.

 

Gleich darauf bleibt mir sie Spucke weg. Vor mir stürzt ein schmaler Wasserfall von den 80 Meter hohen Steilwänden. Der Weg entlang der Stahlseile, der in die überhängenden Felsen gemeißelt ist, führt direkt unter ihm hindurch. Als ich nach oben in die gigantischen Wassermassen schaue, fällt mir meine Kapuze in den Nacken und meine Haare sind in drei Sekunden nass. Nur 700 Meter lang ist die Klamm, doch die Ausblicke sind so gewaltig, dass ich andauernd stehenbleiben muss, um die mit Moos bewachsenen Wände, die kleinen Bäume, die sich an die Felsen krallen, und das schäumend braune Wasser, das durch die enge Schlucht schießt, zu verarbeiten. Wie silbernes Haar stürzen die Wasserfälle in den Abgrund. Ich fühle mich, als wäre ich im Amazonas. Mitten in Deutschland.

Schloss Neuschwanstein und der Schweizer Käse

Schloss Hohenschwangau, Schlösser in Deutschland
Schloss Hohenschwangau

Weil das Wetter danach ein kleines bisschen besser wird, mache ich am kommenden Tag einen Trip nach Schloss Neuschwanstein. Ich kriege zwar immer einen Anfall, wenn mein Freund von dem bekloppten Märchenschloss schwärmt, doch wie kann ich es ignorieren – es ist halt wirklich schön. Kitschig-schön. Und so ganz ohne Asiaten bekomme ich das nie wieder zu sehen! Ich fahre etwa 50 Minuten von Garmisch nach Hohenschwangau. Ach ja – da gibt es nicht nur Schloss Neuschwanstein, sondern direkt gegenüber auch noch Schloss Hohenschwangau. Das weiß nur keiner, weil König Ludwig II einfach zu viele Schlösser gebaut hat, während er sich Einhornstaub durch die Nase gezogen hat.

 

Schloss Hohenschwangau sieht aus wie Schweizer Käse. Gelb und rechteckig. Wegen Corona gibt es momentan nur Online-Tickets, die auf die nächsten 200 Jahre ausverkauft sind. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, interessieren mich die Königsprötteln auch gar nicht so rasend. Man muss ja nicht immer einen auf Hochkultur machen. Die unfassbar prunkvolle Architektur tut es auch. Von Schloss Hohenschwangau ist es ein 40-minütiger Fußweg rüber nach Neuschwanstein. Ich denke, dass man auf dem Weg sicher einen tollen Blick auf beide Schlösser hat. Dann sehe ich 40 Minuten lang nur Wald und Pferdekacke von den Touristen-Kutschen auf dem Asphalt. Bis ich plötzlich direkt vor Neuschwanstein stehe.

Durch die Pöllatschlucht in den Abgrund

Neuschwanstein Marienbrücke
Die klassische Postkartenansicht von der Marienbrücke aus

Ganz ehrlich – von Weitem hat es mehr Charme. Es ist einfach der Gesamteindruck, der verzaubert. Ich laufe weiter zur Marienbrücke, die sich 90 Meter über die Pöllatschlucht spannt, wo ein Wasserfall tost und der seitliche Blick auf Neuschwanstein wie eine Postkarte aussieht. Nichts für schwache Nerven. Erste Bauversuche unternahm 1845 König Maximilian II. Allerdings konstruierte er die Brücke aus Holz. Da kann König Ludwig II nur lachen. Weil er seinen Hintern nicht in die Pöllatschlucht fallen sehen wollte, ersetze er das Bauwerk 1866 durch eine filigrane Eisenbrücke. Wer kann, der kann.

 

Von der Marienbrücke führt ein Weg durch die Pöllatschlucht zurück ins Tal. Wenn man gerne über ein durchsichtiges Gitter über dem tosenden Wasser läuft. Also ich fand es klasse! Dann hänge ich noch bis 20:30 Uhr am Alpsee herum, weil ich auf den Sonnenuntergang warte, bevor ich zurück nach Garmisch fahre.

Leider will ich am nächsten Tag den Sonnenaufgang am Schloss sehen. Der ist um 5 Uhr. Also muss ich um 4 Uhr los. Um 3:20 Uhr geht der Wecker. Ich habe zwei Stunden geschlafen und genau ein offenes Auge. Geniale Planung. Im Stockfinsteren fahre ich eine gewundene Straße zwischen schwarzen Wäldern, Sternenhimmel und Nebelbänken hinauf bis ich wieder bei Neuschwanstein ankomme. Allerdings dieses Mal von einer anderen Seite. Ich parke und laufe im Morgengrauen auf eine Wiese zu.

Sonnenaufgang auf Neuschwanstein mit Kühen des Todes

Neuschwanstein im Sonnenaufgang
Neuschwanstein im Sonnenaufgang - ist das geil oder was?

Die Wiese hat ein Drehkreuz am Eingang. Aber nicht, damit keiner reinkommt, sondern damit die Kühe nicht rauskommen. Freies Weideland. Ich fühle mich mulmig im Morgengrauen. Die gefleckten Tiere haben große, goldene Glocken um den Hals und liegen in der nassen und farblosen Wiese. Es läutet ganz leise von überall her. „Wenn dir die Kühe zu nahe kommen, musst du sie einfach umschubsen“, hat mein Freund gestern noch fröhlich gescherzt. Eine Kuh blickt mich mit großen Augen an und wedelt mit den Ohren. Ich renne weg. Nach einem anstrengenden Aufstieg, bei dem ich ganz bestimmt in Scheiße getreten bin, erreiche ich den Berghang, von dem aus sich ein gigantischer Blick auf Neuschwanstein auftut. Ich setze mich auf meine Jacke und warte. Hundert Vogelstimmen mischen sich in die Morgenstimmung. Es ist unfassbar atmosphärisch und keiner außer mir ist hier draußen. Dann geht ganz langsam die Sonne auf. Die Bergspitzen fangen an, zu glühen. Erst violett, dann knallpink, dann rot und orange. Ich flippe aus und vergesse für einen Moment sogar die Kühe. Ein Traum – und unbedingt wert, um 3:20 Uhr aufzustehen, auch wenn meine Augen brennen, als hätte ich mir Niespulver reingeschüttet.

Die Zugspitze: Mit der Bahn auf Deutschlands höchsten Berg

Zugspitze, Deutschlands größter Berg, Zahnradbahn
Eisige Schneewelten auf der Zugspitze

Weil ich schon mal so früh wach bin (und etwas irre), fahre ich danach eine Stunde zur Zugspitze und nehme vom Tal aus die Bahn auf Deutschlands höchsten Berg. Ja, da fährt aus dem Tal heraus eine Bahn auf 2.962 Meter Höhe. Allerdings keine normale, sondern eine Zahnradbahn. Die verläuft auf einer Art Einschienbahn und wird durch ein Zahnstangengetriebe bewegt. Damit kann sie statt der für einen normalen Zug üblichen 5 Prozent Steigung einfach mal 25 Prozent überwinden.

 

Oben stolpere ich erstmal halb blind – im Tunnel war es finster und hier draußen liegen mindestens dreißig Zentimeter Schnee – aus der Station. Ein blau schimmerndes Panorama der Alpen erstreckt sich vor mir. Berge wie ein Meer bis zum Horizont. Wow! Das goldene Gipfelkreuz schimmert, ist aber so dermaßen verschneit, dass es selbst mir nicht ganz geheuer ist, dort ohne Spikes und Seil hinzuklettern. Stattdessen kaufe ich mir einen plörrigen und teuren Kakao, weil mir der schneidende Wind fast das Gesicht gefriertrocknet. Nachdem ich ausgiebig alle Berge von oben inspiziert habe, fahre ich mit der Seilbahn wieder nach unten. Erst als sich das Teil in Bewegung setzt, wird mir klar, dass das fast wie Fliegen ist. Und ich habe ja Flugangst. Als ich ohnehin schon kurz vor der Ohnmacht bin, entdecke ich auch noch das gläserne Quadrat im Fußboden. Mein Freund schickt mir eine Nachricht: „Dann siehst du ja die anderen sieben Gondeln, die schon abgestürzt sind!“ Sehr komisch.

Kurztrip in die Karibik am Eibsee

Eibsee, Bayern, Bergseen in Deutschland
Traumhafter Eibsee - karibisch schön

An den letzten beiden Tagen zieht das Wetter in Form einer Apokalypse über das Land. Erst wandere ich um den wunderschönen und karibisch-türkisen Eibsee. Die Sonne kracht und die vielen kleinen Inseln schimmern im glitzernden Wasser. Fast wie weiße Strände zeichnen sich die hellen Steine am Ufer ab. Der See ist so klar, dass ich noch aus 50 Metern Entfernung die Füße einer Ente unter Wasser sehen kann.

Der Eibsee ist so groß, dass es ungefähr drei Stunden dauert, einmal ganz um ihn herumzulaufen. Wenn man dabei auf Abwege gerät und einen Bach für einen Trampelpfad hält, dauert es auch schon mal fünf Stunden. Und man hat nasse Füße. Wer auch immer „man“ ist. Der See liegt direkt unter der massiven Zugspitze und sticht mit seiner Schönheit beinahe den Lake Tahoe im Westen der USA aus. Ich muss zugeben, dass ich mich fast an Kanada erinnert fühle und Deutschland gar nicht so scheiße langweilig ist, wie ich dachte.

 

Abends bin ich wieder in meiner Butze und starte gerade den täglichen Videochat mit meinem Freund, als es heftig blitzt und rumst. Ich halte mein Handy ans Dachfenster, damit mein Freund das Spektakel miterleben kann. Ein Solotrip bedeutet nicht, dass man ganz allein ist. Zumindest, wenn Technik und Beziehung funktionieren.

Plan B: Kuhfluchtfälle nach Felssturz

Untere Kuhfluchtwasserfälle, Farchant, Wasserfälle in Deutschland
Untere Kuhfluchtwasserfälle

Als ich am nächsten Tag mit etwas zu knusprig getoasteten Sandwiches zur Höllentalklamm aufbreche, finde ich mich vor Ort zwischen einem Haufen roter Lastwagen mit der Aufschrift „Katastrophenschutz“ wieder. Durch das Unwetter in der Nacht wurde die Klamm von einem massiven Felssturz verschüttet. 60 Wanderer sitzen auf einer Hütte fest und werden mit einem Hubschrauber gerettet. Im Tal hat die Feuerwehr 350 Leute aus ihren Wohnungen evakuiert.

 

Also überlege ich mir einen Plan B. Die Kuhfluchtwasserfälle in Farchant! Von der Stadt aus wandere ich einen tosenden Bach hinauf zwischen Nebel, der sich in Kiefern verfängt und Gischt, die in den Himmel steigt. An einer Holzbrücke wartet ein fabelhafter Blick auf die unteren Fälle, die durch den Regen abgehen wie Schmitz’ Katze. Etwas höher liegt der Aussichtspunkt auf die oberen Fälle. Dann ist eigentlich Schluss. Wäre da nicht so eine gestrichelte Linie auf meiner Offlinekarte von maps.me. Sie führt zu einem Stern, an dem „Aussichtspunkt Obere Kuhfluchtfälle“ steht. Es sieht aus, als könnte man in einer Viertelstunde zum oberen Rand der insgesamt knapp 270 Meter hohen Fälle wandern. Ich steige auf.

Wanderung in die Nebel von Tibet

Kuhfluchtwasserfälle, oberer Aussichtspunkt
Ein spiritueller Ort in den Bergen

Der Weg ist so steil wie eine Pyramide und die Wurzeln so rutschig wie eine Schleimschnecke. Mehrere Wanderer mit weitaus besserer Ausrüstung kommen mir entgegen und berichten, sie hätten den Aufstieg abgebrochen und es würde noch prekärer werden. An drei Stellen bleibe ich mit brennender Lunge und pochenden Beinen stehen, verschwitzt im kalten Regen und frage mich, was ich hier tue und ob ich nicht auch besser umdrehe. Dann erreiche ich ein erstes Aussichtsplateau mit Blick auf Garmisch-Partenkirchen. Häuser so klein wie Legosteine. Es gibt mir Auftrieb. Noch neun Minuten, sagt meine App. Neun Minuten für 300 Meter. Weil es so steil und krass anstrengend ist. Ich schiebe mich den Berg hinauf, ächze und sterbe. Aber ich will. Ich will einfach. Und dann zeigt mir die Karte einen kleinen Abzweig. Der in der Realität mit nichts gekennzeichnet ist und nur ein kaum sichtbarer Trampelpfad von etwa 20 Zentimetern Breite ist. Er wird noch schmaler und führt an der Kante des Abgrundes entlang. Auf einmal höre ich das Tosen von Wasser. Und dann, mitten in einem Geröllfeld sehe ich die gigantischen, senkrecht abfallenden Kuhfluchtfälle von oben.

 

Und nicht nur das: Auch viele, winzige Steinpagoden und eine Reihe bunter Gebetsflaggen. Nach über zwei Stunden Schinderei bin ich plötzlich mitten im Nebel an einem zutiefst spirituellen Ort. Völlig unerwartet. Begegnet bin ich schon lange keinem Menschen mehr. Aber dafür nun dem Geist des Berges. Ich setze mich unter die Flaggen und weiß: verdammt geile erste Woche hier draußen!

Kommentare: 2
  • #2

    Lonelyroadlover (Sonntag, 05 Juli 2020 10:39)

    Hahaaa, danke ihr Zwei! :) Mir ging es genauso, als ich noch eure Berichte aus Asien gelesen habe und schon hier festsaß. Wir müssen durchhalten. "Tü düü düü... die weite Welt ist bald wieder für Sie zu erreichen!"
    Liebe Grüße!
    Sarah

  • #1

    Tani und Sarah (Samstag, 27 Juni 2020 08:59)

    Gerade in einer Zeit in der wir vom Fehrnweh zerfressen werden, war es wieder einmal unglaublich schön deinem mitreißende Bericht zu folgen. Wir freuen uns auf morgen.
    Liebe Grüße Tani und Sarah

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