Irre in Los Angeles (1) – Wie ich mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Hölle fuhr.

22. September 2019

Los Angeles, öffentlicher Nahverkehr, Erfahrungsbericht
Was geht ab in Los Angeles?

„Warum fliegst du nicht einfach nach Kalifornien, während ich weg bin?“, fragt mein Freund aus heiterem Himmel, als wir über seine fünftägige Abwesenheit debattieren. „Keine Ahnung“, erwidere ich. „Warum fliege ich nicht einfach nach Kalifornien?“

Zehn Minuten später buchen wir einen Flug für mich nach Los Angeles. Kabumm! Mein Lieblingswerkzeug bei Entscheidungen war schon immer der Holzhammer. Ganz oder gar nicht. Now or never. YOLO.

 

Eine Woche später lande ich in der flirrenden Hitze der Westküste. Nach vier Monaten im Busch von Wyoming kracht die kreischbunte, menschenüberflutete Metropole wie die Titanic in den Eisberg. Ich bin der Eisberg. Wie Gretel stehe ich am LAX Airport und versuche eingehüllt in eine Wand aus Smog zwischen dröhnendem Hupen und brüllenden Homo Sapiens ein paar Brotkrumen zu finden, die mir einen Hinweis auf die U-Bahn geben. Noch habe ich keine Ahnung, dass ich in den kommenden drei Stunden damit beschäftigt bin, mich in zwei Bahnen und drei Bussen quer durch die Stadt zu meinem Airbnb vorzukämpfen und dabei Bekanntschaften von der Bahn-Security bis zum Drogendealer zu machen. Hello, Los Angeles!

Die nicht vorhandene Metro im Flughafen von Los Angeles

Downtown Los Angeles, Busse und Bahnen, U-Bahn Los Angeles
Laut und voller Beton: Los Angeles

Jeder halbwegs brauchbare, große Flughafen hat eine Bahn-Station im Keller. Das erkenne ich auch in Los Angeles gleich nach einem flüchtigen Blick auf die Metro-Karte. Komisch, dass ich das verdammte Ding einfach nicht finden kann. Es ist heiß wie im Outback in der malerischen Beton-Unterwelt vor dem Airport. Während drölfzig dröhnende Busse vorbeidonnern, atme ich mal eben den CO-Gehalt von Berlin im gesamten Jahresverlauf ein. Auf dem Boden strömt ein undefinierbares Rinnsal dahin, das gleichermaßen Cola oder Pisse sein könnte. Ein winziger Pfeil mit der Aufschrift „Metro“ hat mich vor einer Viertelstunde verlassen und ich starre sinnentleert auf die Offline-Karte von maps.me. Kurz frage ich mich, wieso mir als Standort Los Angeles und nicht Kalkutta angezeigt wird. Dann verfalle ich in meinen Soloreise-Modus, ordne meine Gedanken und spreche eine Dame in Uniform an. „Ich bin irgendwie zu doof, um die Metro-Station zu finden“, sage ich diplomatisch-ehrlich.

Sie lächelt. „Ja, da musst du den Shuttlebus nehmen. Die Metro-Station ist ein paar Kilometer weit entfernt. Das wollen die 2022 oder so dann auch endlich mal ändern. Wir hängen da ein bisschen hinterher.“ Ich grinse beknackt. Großartig. Zum Glück zeigt sie mir die Stelle, wo der Bus abfährt. Und zwar direkt vor meiner Nase. Ich grinse noch beknackter.

Los Angeles: Was ist denn hier kaputt?

Route 66 Los Angeles, Santa Monica Pier, Verkehr LA
War irgendwie einfacher mit dem Auto vor 2 Jahren...

Als der nächste Shuttle kommt, steigt sie mit mir ein und wir fahren bis zur U-Bahn-Station. Zwischendurch reden wir über Japan und Flugangst und zimmern fast in ein Taxi, das vor dem Bus eine Vollbremsung macht. An der U-Bahn-Station finde ich heraus, dass der Zug überirdisch fährt. Bevor ich eine Fahrkarte kaufen kann, holt die Dame mit einem charmanten Augenzwinkern einen Generalschlüssel aus ihrer Security-Tasche und lässt mich geradewegs durch ein kleines Tor zum Bahnsteig.

 

Kurz darauf sitzen wir gemeinsam in der Metro und lästern über Trump. Rap dröhnt durch das Abteil, weil ein paar Kids kein anderes Zuhause für ihren Ghettoblaster gefunden haben. Fassaden mit Graffiti ziehen vorbei, verrottete Gerippe von Gebäuden und sehr szenischer Müll. Überall sind Häuser. Bis zum Horizont. Eine Armee aus Presslufthämmern dröhnt. Die Türen öffnen sich kurz, ein Betrunkener pöbelt, grölt „God bless America!“ und schwenkt einen Kissenbezug. Die Türen schließen sich wieder. Mir ist etwas schwindelig. Wo sind meine Berge? War die Welt schon vorher so kaputt? Was soll’s. Wenn man alleine reist, gibt es nur eine Richtung: vorwärts. Kopfüber. Ohne Heulerei.

Als die Bahn an meinem Umsteige-Punkt hält, verabschiede ich mich von der netten Bahn-Dame. Jetzt muss ich nur noch mit der dunkelblauen Linie zur hellblauen Linie fahren und von dort ein paar Meter zum Airbnb laufen.

Wo geht’s denn hier zum Ghetto?

Santa Monica, Graffiti, Street Art, Strand Los Angeles
Ach, wie gerne wäre ich schon am Strand...

Die dunkelblaue Linie ist abgerissen. Ich meine, komplett. Inexistent. Ich latsche erstmal mitten in die Baustelle über einen merkwürdigen Bahnübergang ohne Schranken. Ein Pfeil besagt, dass irgendwo ein Schienenersatzbus fährt. Sind wir hier in Wuppertal oder was? Und was sollen dauernd diese Pfeile, die ins Nichts führen?

 

In einer Ecke voller dreckiger Wolldecken, wo es gefährlich stark nach öffentlichem Urinal riecht, liegen zwei Spritzen auf dem Boden. Möglicherweise bin ich in einer nicht ganz so affengeilen Gegend von Los Angeles gelandet. Angst und Vorurteile sind allerdings die schlechtesten Ratgeber auf Reisen. Also wende ich mich an den nächstbesten örtlichen Obdachlosen, der mit seltsamen Tütchen hantiert und frage, was mit der verdammten Bahn los ist.

„Ist abgerissen“, erklärt er mir fröhlich.

Dann schickt er mich zurück zur Metro-Station, gibt mir eine genaue Beschreibung der Haltestelle für den Bus und wünscht mir Glück. Ich wünsche ihm einen schönen Tag und gebe ihm ein paar Dollar, die für mich immer noch aussehen wie Monopoly-Geld. Problem gelöst! An der Haltestelle gabelt mich eine mütterliche Polizistin auf und verfrachtet mich in den Bus. Rätselhafterweise muss ich schon wieder nichts bezahlen.

Standrundfahrt für lau oder „Wo bin ich?“

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Einmal schräg Grinsen für das Selfie!

Die nächsten anderthalb Stunden sitze ich in einem röhrenden Bus im Verkehrschaos von Los Angeles, ohne einen Schimmer, wo ich aussteigen muss. Deshalb verprasse ich ein paar Prozent Akkuleistung darauf, meine Position auf Google Maps zu orten, um herauszufinden, wann und ob ich mich der hellblauen Metro-Linie nähere. Hoffentlich ist sie nicht auch abgerissen. Als der Bus eine irritierende Wendung macht, lade ich zur Vorsicht schnell die Uber-App runter. Ein paar skurrile Mitreisende lachen schallend und pfeffern irgendwas durch den halben Bus, dass es kracht. Ich mache das, was ich in prekären Situationen immer mache: lächeln und winken.

 

Irgendwann sehe ich plötzlich ein Schild, das mir bedeutet, dass wir uns tatsächlich noch in diesem Leben der hellblauen Linie nähern. Ich breche mir den Finger am Halteknopf ab und falle fast aus den sich plötzlich öffnenden Bustüren.

Eine Hitzewelle schlägt mir ins Gesicht. Meine Hände kleben und am blassen Himmel wiegen sich Palmen im Wind. Ich mache ein verrottetes Selfie und schicke es meinem Freund. Ich habe die U-Bahn gefunden. Mal wieder, schreibe ich.

Was machst du für eine Scheiße. Ruf dir ein Taxi, erwidert er irgendwo zwischen Humor und echter Sorge. Die U-Bahn fährt überirdisch.

Ich beschließe, dass ein Taxi etwas für Loser ist und kaufe tatsächlich mein erstes Ticket. Für rasende $1,75. Dann fahre ich stinknormal mit der hellblauen Linie Richtung Santa Monica.

Kein Bock auf Laufen und noch eine seltsame Busfahrt

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Meine erste Fahrkarte - nach zwei Stunden

Eigentlich wollte ich die 1,6 Kilometer von der letzten Metro zum Airbnb laufen. Eigentlich wollte ich vor zwei Stunden da sein und den Abend am Strand verbringen. Da ich nur mit Handgepäck in Form eines Rucksacks unterwegs bin, brechen mir mittlerweile fast die Schultern ab. Außerdem habe ich seit den trockenen Salzplätzchen im Flugzeug aka Vogelfutter auch nicht mehr wirklich was gegessen. Ich bin kurz davor, bei Starbucks einzufallen, kann mich aber gerade noch beherrschen. Direkt vor der Tür von Starbucks halten Busse. Da mein Ticket zwei Stunden lang für alle Bahnen und Busse gültig ist, befinde ich, dass ich keinen Bock mehr habe, zu laufen. Die Informationen an der Haltestelle sind reichlich spärlich. Aber ich muss eh nur einmal kurz die Hauptstraße rauf. Soll wohl klappen. Ich steige in den nächsten Bus, der kommt, und tatsächlich die Hauptstraße hinaufzimmert. Die Klimaanlage würde sogar das Schmelzen der Polkappen verhindern und an der nächsten Station unter einer Brücke stehen sieben Zelte mit noch mehr Obdachlosen.

Dann biegt der Bus plötzlich ab.

Warum ich an Karma glaube!

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Das Airbnb im Abendlicht - endlich!

Ich gucke verstört und bräsig aus dem Fenster. Am liebsten würde ich dem Kind vorne links den Donut klauen. Bevor sich der Bus noch weiter von meinem geplanten Ziel verabschieden kann, steige ich aus. Es ist noch ein Kilometer von hier zum Airbnb. Whatsoever! Ich laufe los. Auf der vierspurigen Schnellstraße neben mir gewittert der Abendverkehr. Ein paar Meter vor mir läuft ein Mann in Lumpen, der einen leeren Einkaufswagen schiebt. Ich finde, dass ich trotz allem heute richtig viel Glück hatte. Weil ich mal wieder so richtig nette Menschen getroffen habe. Ich renne und tippe dem Mann auf die Schulter. Dann gebe ich auch ihm ein bisschen Monopoly-Geld. Er freut sich einen Keks und erklärt mir dann sogar noch die Richtung, die ich ohnehin wegen meiner Karte weiß.

 

Als mir der pinke Himmel entgegenschreit und die ersten Sterne wie milchige Flecken erscheinen, krieche ich mit nassem Fuß (wegen Gartensprinklern) zu meinem Airbnb. Meine Vermieterin reißt die Pforte auf und drückt mir erstmal ein Wasser in die Hand.

Ein paar Minuten später stehe ich vor der Entscheidung, meinen gähnenden Hunger bei McDonalds oder einem dubios-versifften, mexikanischen Food-Truck an der Hauptstraße zu stillen.

Ich kaufe einen Burrito. Auf Spanisch. Ich spreche überhaupt kein Spanisch. Egal, die Food-Truck-Menschen und ich haben trotzdem eine Menge Spaß. Der Mist schmeckt köstlich und meiner Magenschleimhaut geht es auch am nächsten Tag noch fantastisch. Willkommen in Los Angeles!

 

Auch 2017 war ich auf meiner großen Soloreise durch die USA schon einmal in Los Angeles. Was ich da erlebt habe, könnt ihr in meinem Reisetagebuch nachlesen.

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