Tausende Tote am Strand und ein Schloss im Meer.

20. Juli 2018

D-Day Friedhof Normandie, lonelyroadlover
Unendlich viele Kreuze am Meer

Das türkise Wasser glitzert in der heißen Mittagssonne. Unten am Strand rote und pinke Sonnenschirme. Oben fast 9.500 weiße Kreuze. 9.500 tote amerikanische Soldaten aus der Schlacht rund um den D-Day in der Normandie 1944. Erst denke ich, die Grabmale stehen bloß symbolisch für gefallene Kämpfer. Doch als ich mich umdrehe, sehe ich auf fast jedem hell leuchtenden Stein einen Namen mit Geburts- und Todesdatum. An manchen liegen frische Blumen. Die Namen sind Richtung Westen eingraviert. „Sie blicken nach Hause“, erklärt ein Guide. Ich höre seine Stimme nur im Vorbeigehen. Das schimmernde Meer, die friedlich heranrollenden Wellen und die zugleich unheimliche Stille. Durchbrochen vom Schreien der Möwen. Ich berühre das grüne Gras mit den Fingern und später den feinen Sand am Utah Beach. Ich will es greifen – das Unfassbare, das hier geschehen ist. Und doch rinnt es immer wieder davon.

 

Ruinen der Deutschen Geschütze am Gold Beach

Die deutsche Geschützgruppe von Longues-sur-Mer, Normandie
Die deutsche Geschützgruppe von Longues-sur-Mer

Wir fahren von Saint-Paul-du-Vernay aus an die Küste. Dort erleben wir tatsächlich unseren einzigen Host, der perfekt Englisch spricht. Er ist Lehrer. Das Dorf hat nur etwa 500 Einwohner und wir könnten nicht weiter weg von der Zivilisation sein als in dem kleinen Haus hinter der steinernen Kirche.

 

Als erstes steuern wir Gold Beach an. Alle Strand-Bezeichnungen waren Decknahmen der Operation „Overlord“, die im Zweiten Weltkrieg zur Befreiung Frankreichs und letztlich zum Sturz Hitlers geführt hat. Sie sind bis heute erhalten geblieben. Hier finden wir die Deutsche Geschützgruppe von Longues-sur-Mer. Zwischen den massiven Betonruinen ragen vereinzelt noch rostige Kanonenrohre heraus, die um ein vielfaches dicker sind als mein Bein. Die Sonne brennt, Grillen zirpen und bunte Blumen tanzen im Wind. Meine Hand gleitet an den zerbrochenen Geschützen entlang. Das Ganze ist so surreal wie ein Gemälde von Dali. In einige Bunker und Anlagen kann man sogar hineingehen. Ich stelle mich hinter eines der Bombenrohre und blicke durch einen Spalt hinaus zum blauen Meer. Es ist feucht und kühl in dem Gewölbe. Hätte ich hier stehen und auf völlig fremde Menschen schießen können? Ich muss raus. Der Gedanke ist zu wahnsinnig.

Ein Teppich aus Kreuzen bei wunderschöner Aussicht

Das Utah Beach Landing Museum in der Normandie
Das Utah Beach Landing Museum in der Normandie

Weiter geht es zum Omaha Beach. Dort liegt einer der bekanntesten Soldatenfriedhöfe der Normandie: die amerikanische Grabstätte von Colleville-sur-Mer. Ich habe schon zweimal Grab- und Gedenkstätten gesehen, die mich zutiefst beeindruckt und bewegt haben: das Holocaust Mahnmal in Berlin und der Friedhof von Arlington bei Washington DC. Doch dieses Mal ist etwas anders und ich komme noch nicht darauf. 9.387 Menschen liegen hier. Jedes Kreuz strahlt hell in der Sonne, an manchen liegen gelbe und lilafarbene Blumen. Und die Reihen hören nicht auf. Sie hören einfach nicht auf. All diese Menschen, die mit Fallschirmen mitten in der Dunkelheit an der Küste absprangen, mit Schiffen und Flugzeugen über die feindlichen Linien drangen. Und ihr Leben ließen. Nein, das klingt zu harmlos, denn seltsamerweise fühle ich auf einmal, was wirklich hier passiert ist. Menschen wurden im Laufen erschossen, zerfetzt, sie ertranken oder verbluteten im Sand. Menschen, die den Schrecken des Zweiten Weltkrieges beenden wollten mit einer Mission, die so unfassbar verrückt, gewagt und erfolgreich war. Der D-Day in der Normandie. Dessen folgende Kämpfe sich übrigens über mehrere Wochen erstreckten. Das war nicht einfach nur ein einziger Tag, so wie es oft klingt.



Landungsstrände in der Normandie
Unfassbare schöne Aussicht an einem unfassbar schrecklichen Ort

Hätte ich mich nachts mit einem kleinen Segeltuch auf dem Rücken aus einem Flugzeug gestürzt, in der Erwartung, am Boden niedergemetzelt zu werden?

 

Auf einmal weiß ich, was komisch ist: das türkise Meer, das kleine Motorboot, das Lachen der Kinder am Strand. Alles ist so verdammt normal. Doch nichts wird hier je einfach wieder normal sein. Auch nicht in 150 Jahren. Als ich später am Utah Beach stehe, sammele ich Sand ein, weil ich das schon an vielen Stränden gemacht habe und zu Hause eine kleine Sammlung mit Gläsern habe. Es klingt vollkommen verrückt, aber ich habe mich in diesem Moment gefragt, ob ich wohl roten Sand finden werde. Natürlich nicht. Und dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass das Meer niemals wegwaschen kann, was hier vorgefallen ist.

 

Da es entlang der Landungsstrände der Normandie zahlreiche Museen und Gedenkstätten gibt, solltet ihr unbedingt mehr als einen Tag einplanen. Wir haben das Utah Beach Landing Museum besucht, das einen eindrucksvollen Film vom D-Day am 6. Juni 1944 zeigt sowie unglaublich viele Fundstücke und ein großes Bombenflugzeug in einem Hangar. So sehr ich es liebe, geschichtliche Schauplätze zu besuchen, so sehr gehen sie mir auch immer wieder unter die Haut. Erst jetzt habe ich wirklich verstanden, was in der Normandie geschehen ist. Wie schrecklich aber auch wie wichtig es gewesen ist für das Leben, das wir heute führen.

Die Kathedrale im Meer oder 15 Kilometer Ebbe

Der Mont-Saint-Michel im Abendlicht
Der Mont-Saint-Michel im Abendlicht

Einige Tage später trudeln wir in Pontorson ein. Das winzige Dorf liegt nahe am Mont-Saint-Michel. Unsere Gastgeberin spricht kein Englisch und wir kein Französisch. Doch statt blöder Erdbeercrêpes bekomme ich ein Handy unter die Nase gehalten, in das Nathalie gewandt hineinspricht, damit es für uns übersetzt. Wir sind positiv überrascht und freuen uns gemeinsam über die heutigen Möglichkeiten der Technik.

 

Noch am selben Abend ist gegen 22 Uhr Flut angesagt. Der Mont-Saint-Michel liegt nämlich mal mitten im Meer und mal so überhaupt nicht. Die Gezeiten hier sind die stärksten in ganz Europa und können das Meer bis zu 15 Kilometer (!) zurückweichen lassen. Hallelujah!

Passend zum Sonnenuntergang sind wir an der Kathedrale auf dem Berg. Der Shuttlebus bringt uns über eine lange Brücke bis vor die Tore der seltsamen Stadt, in der es tatsächlich mehrere Restaurants, Hotels und sogar einen Friedhof gibt. Ach ja, und ganze 33 Einwohner (Stand 2015).

Mont-Saint-Michel – eine Kirche gebaut aus verschiedenen Jahrhunderten

Die große Kathedrale auf dem Mont-Saint-Michel, Normandie
Die große Kathedrale auf dem Mont-Saint-Michel

Wir warten im zauselnden Wind darauf, dass die Flut kommt. Und die bricht mit Macht herein. Wellen schlagen zusammen, kleine Sanddämme kollabieren und innerhalb kürzester Zeit ist aus dem endlosen, leeren Watt, ein wogendes Meer geworden. Während ich zuvor noch die Warnschilder zur Lebensgefahr belächelt habe, wird mir nun ganz anders. Es ist, als hätte jemand sämtliche Hähne an einer Badewanne aufgedreht. Ich probiere meinen neuen ND-Filter an der Kamera aus, der eine hervorragend glatte Wasseroberfläche zaubert. Langsam glimmen die ersten orangefarbenen Lichter an der Insel auf.

 

Am nächsten Tag besichtigen wir die Kathedrale auf der Spitze der steinernen Insel. Sie ist riesig groß und besteht aus verschiedenen Gebäudeteilen. Die ältesten sind aus dem Jahr 708. An dieser Stelle einen herzlichen Gruß an meine amerikanischen Freunde, die immer denken, 1855 wäre „alt“. Über die Jahrhunderte kamen laufend weitere Bauten dazu, weshalb man verschiedenste Baustile beobachten kann. Und einen Haufen Möwen, die auf unser Picknick scharf sind.

Der Eintritt in die Kathedrale kostet 10 Euro (Stand Juli 2018) und obwohl der Berg im Sommer sehr überfüllt ist, mussten wir kaum anstehen. Auch innerhalb des Gebäudes verliefen sich die Besucherströme gut. An sich empfehle ich aber einen Besuch des Mont-Saint-Michel außerhalb der Saison – und immer einen feinen Blick in den Gezeitenkalender.

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