Minimalismus – mehr als weiße Wände.

24. Oktober 2021

Minimalismus neu gedacht, Tiny Living, Digitale Nomaden
Was bedeutet es, minimalistisch zu sein?

Manche Themen sind plötzlich Trend. Allerdings kriege ich davon nie was mit. Meistens sitze ich nämlich irgendwo in irgendeiner Wildnis und fotografiere Elche. So habe ich irgendwann erfahren, dass „Über sein Leben ausrasten und überflüssige Dinge loswerden“ inzwischen „Minimalismus“ heißt.

 

Und es ist fast sowas wie eine Religion. Denn wehe, man ist nicht richtig minimalistisch. Es scheint geradezu eine geheime Liste an Sachen zu geben, die man auf gar keinen Fall mehr besitzen oder tun darf, wenn man ein echter Minimalist sein will, und Sachen, die geradezu notwendig scheinen, um einer zu sein.

 

Uff. Das klingt entsetzlich nervig. Wie immer, wenn jemand versucht, aus einer kleinen, persönlichen Idee ein großes Ding mit Regeln und Grundsätzen zu drehen, um anschließend scharf darüber zu richten.

 

Was ist also dieser Minimalismus? Weiße Wände? Muss ich alles wegwerfen, auf alles verzichten und plastikfrei auf einem Drahtesel mit einer milden Gabe ins Schaufenster des nächsten Second-Hand-Ladens donnern?

Ich denke nicht. Ich denke, Minimalismus bedeutet zuerst einmal, seinen Kopf aufzuräumen. Um danach zu entscheiden, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Denn das wünschen wir uns doch am Ende alle: glücklich sein. Also lass uns das doch mal versuchen!

Minimalismus: Erstmal den Kopf entrümpeln

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Einen Haufen Sperrmüll im Kopf

Seinen Kopf aufzuräumen, habe ich gesagt. Jetzt könnte man denken: Was ist das denn für ein esoterisches Geschwafel.

Aber wenn wir mal kurz innehalten, dann sind unsere Gedanken, unsere Ansichten und unsere ganze Lebensweise schon seit unserer Kindheit beeinflusst und vollgerümpelt wie ein Haufen Sperrmüll.

 

Vom Lebensstandard der eigenen Familie. Von Werbung und Medien. Von Freunden und von Gruppen, in die wir gesteckt wurden. Von Lehrern und Mentoren. Von Menschen, die uns erklären, wie man etwas aus sich macht und wann man jemand ist.

 

Wir wachsen auf mit dem Wissen: Diese Klamotten, diese Möbel, diese Wohnung, dieses Abo, dieses Auto, dieser Job, dieses Einkommen, dieser Standard ist normal. Und wenn nicht, dann sollte ich es unbedingt schnellstmöglich erstreben. Höre ich doch dauernd am Küchentisch von der Familie, online von Influencern, in Werbeclips, in Seminaren. Immer mehr, immer weiter, immer besser. Darauf zu verzichten, wäre ja, als würde man sein aktuelles Lebensprogramm gegen Windows 98 eintauschen.

Konsum und Krempel: kritische Fragen an einen selbst

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Einfach mal ein paar Grundsätze hinterfragen

Das ist der Moment, um den Kopf aufzuräumen. Und ein paar kritische Fragen aufzuwerfen. Sich umzuschauen. Nicht bildlich, sondern ganz direkt, in der eigenen Butze und im eigenen Alltag:

  • Was liegt da eigentlich so alles rum?
  • Materiell in Form von Gegenständen und immateriell in Form von Verträgen?
  • Wie oft benutze ich es? Wirklich?
  • Warum habe ich mir das eigentlich überhaupt mal angeschafft?
  • Wie oft bin ich gestresst und müde? Und warum?
  • Warum übe ich diesen Job aus?
  • Warum bin ich in dieser Beziehung?
  • Warum lebe ich in dieser Stadt und in dieser Wohnung?

 Und die kritischste Frage:

  • Bringt es mir Erfüllung, Freude, Glück und Zufriedenheit?

Was weg muss und was bleiben muss – Minimalismus anders gedacht

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Was ist wirklich wichtig im Leben? Was muss weg und was bleibt?

Wenn es das tut: perfekt! Denn genau das ist für mich der Punkt beim Minimalismus: Wenn mich etwas glücklich macht, dann muss ich es nicht abschaffen, wegschmeißen und mich selbst geißeln, nur um Minimalist zu sein.

 

Wenn es mich erfüllt, Filmklassiker zu schauen, dann brauche ich vielleicht einen großen Fernseher mit teurem Sound-System. Wenn es mich glücklich macht, groß zu kochen, brauche ich vielleicht außergewöhnliches Küchen-Equipment. Wenn es mich zufrieden macht, jeden Abend müde von einem Job nach Hause zu kommen, dann ist es vielleicht ein anstrengender, aber erfüllender Beruf. Wenn dieser Mensch neben mir mein Herz wärmt, dann ist ganz sicher, dass wir uns auch ab und zu auch streiten, aber er ist es wert.

 

Und hier kommt die Message: Minimalismus ist nicht, einmal mit dem Arm den ganzen Tisch des Lebens leerzufegen. Minimalismus ist, den negativen Bullshit um sich herum so zu reduzieren, dass man genug Geld, Zeit und Energie hat, sich auf genau das zu konzentrieren, was einem Glück bringt.

Eine Langzeitreise zum Nachdenken

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Unterwegssein mit nicht viel hat mir die Augen geöffnet

Vor vielen Jahren habe ich während einer einschneidenden Langzeit- und Soloreise bemerkt, dass ich nur sehr wenige Gegenstände und wenig Platz brauche, um glücklich zu sein. Ich hatte bloß einen kleinen Koffer und habe monatelang immer wieder dieselben drei (gewaschenen) Shirts getragen, dasselbe Paar Schuhe, kein Make-up, kein Fernseher, kein Netflix, und hatte oft nur einen kleinen Raum mit Bett. Ich habe gemerkt, was ich missen kann, ohne es zu vermissen.

 

Ich habe aber auch gemerkt, was ich unbedingt brauche, um glücklich zu sein. Professionelles Fotografieren macht mich glücklich. Ich brauche eine gute Kamera. Ich möchte mobil, spontan und unabhängig sein; dorthin fahren, wo mich der Wind weht. Deshalb liebe ich es, ein Auto zu haben. Ich mag Social Media und ich benötige einen Computer für meinen Job als freie Texterin. Also besitze ich ein Smartphone und einen schnellen Laptop. Ich reise gerne und bin oft ziemlich enthusiastisch, deshalb möchte ich mir Flug- und Zugtickets leisten können und wünsche mir einen Partner, der meine Lebensfreude mit mir teilen kann.

 

Nach meiner Soloreise bin ich für eine Weile in ein Tiny House gezogen, bin von einem Vollzeitjob im Büro in die Selbstständigkeit gewechselt, habe mich von negativen Menschen getrennt und habe bei einem Umzug etwa drei Viertel all meiner Gegenstände aussortiert. Mit den Fragen im Hinterkopf, die ich euch vorhin schon gestellt habe.

Es war eine Befreiung. Nun nicht mehr nur im Kopf.

Es ist nie zu spät zum Umdenken

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Neudenken und sich von negativen Dingen trennen, die einen zurückhalten

Klingt nicht minimalistisch genug? Ist mir currywurscht. Denn was zählt, ist nicht die Menge aller weggeworfenen Sachen, sondern die (Lebens)Qualität, die einem so eine Aktion bringt.

Minimalismus bedeutet für mich, Dinge aus dem Leben zu entfernen, die die eigenen Träume und das eigene Glück Stück für Stück auffressen. Das kann etwas Materielles sein wie eine viel zu große Wohnung mit viel zu hohen Nebenkosten, zu teure Verträge, zu wenig Geld, weil man sich zu viele Gegenstände angeschafft hat, die man gar nicht benutzt. Es kann auch etwas Immaterielles sein wie der psychisch belastende Job, eine toxische Beziehung, zu wenig Zeit für die Familie.

 

Das Gute: Es ist nie zu spät, sich selbst all die kritischen Fragen zu stellen und den Kopf aufzuräumen. Vom Sperrmüll alter Zeiten. Von Gewohnheiten, von Erwartungen anderer, von veralteten oder falschen Erwartungen an sich selbst. Es ist nie zu spät, die eigene, ganz persönliche Form von Minimalismus und Glück zu finden.

 

Wenn du mehr konkrete Ideen für Veränderungen im Leben suchst, dann schau doch mal bei meiner Anleitung zum Glücklichsein vorbei.

„Ich habe heute nichts zu tun – außer fröhlich zu sein.“

[Paul Simon von Simon & Garfunkel]

Kommentare: 1
  • #1

    ROSICA (Sonntag, 24 Oktober 2021 16:39)

    Mega inspiriert von dir seit der ersten Sekunde. Oft bekommen wir keine Luft zum Atmen und sind ständig erschöpft. Dieses ständige MÜSSEN und SOLLEN und NOCH MEHR HABEN erstickt uns. Ich bin glücklich das im Dezember endlich hinter mir zu haben und nur wir vier �‍�‍�‍�. Mehr brauche ich nicht ❤ LG ROSICA

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