24/14: Quarantäne mit Lieblingsmensch im wilden Kanada – ein Erfahrungsbericht.

15. April 2020

Tiny House Kanada, Holzhütte Kanada, Alberta
Quarantäne in der Wildnis auf kleinem Raum - klappt's?

Draußen zu Hause. Eigentlich der Slogan eines Unternehmens, das teure, knallgelbe Multifunktionsjacken herstellt, damit sich der Freizeitabenteurer auf seinem Sonntagsspaziergang durch Oer-Erkenschwick auch mal ein bisschen cool fühlt. Doch für meinen Freund und mich ist es so etwas wie ein Lebensmotto. Wir sind immer draußen. In den Bergen, in großen Städten, am Meer. Hauptsache die Sonne pfeffert, der Wind beißt und es geht so richtig ab.

Dann kam Corona und damit meine wilde Flucht nach Kanada. Dort dann Quarantäne. Stay Home. Ein spannendes Experiment für eine Beziehung, die zwischen zwei Kontinenten stattfindet und durch Reisen, Roadtrips und kilometerlange Tagesgewaltmärsche geprägt ist. Für eine Beziehung, die gar kein richtiges Home hat, denn Home ist für uns überall.

 

Hier kommt ein Bericht, wie zwei Menschen mit Hummel im Hintern und Ameisen in der Hose (ja, so sagen die Amerikaner das), 14 Tage lang auf etwa 20 Quadratmetern in der eisigen Einsamkeit von Kanada aufeinandersaßen. Wie sie sich von neuen Seiten kennenlernten, Interessen entdeckten und herausfanden, was das wirklich größte Problem in ihrem Zusammenleben war.

Und draußen tobt Resident Evil

Landsschaft Kanada, Alberta, Rocky Mountains Kanada
Einsame Landschaft - Zombieapokalypse

Draußen liegt so dick Schnee, dass ich fast auf die Fresse fliege, als mir der Typ von Uber aus 1,5 Metern Sicherheitsabstand mein Essen zuwirft. Uber befördert nicht nur Fahrgäste, sondern holt auch Futter ab, das man vorher online bei einem Restaurant in der Nähe per App bestellt hat. Früher nannte man das Faulheit. Jetzt ist es plötzlich ein bedeutsamer Beitrag zur Rettung der Welt. Entsprechend bedeutsam trage ich die Pizza die Treppenstufen hinunter in das kleine Apartment, das mein Freund und ich uns in Calgary, Kanada, gemietet haben. Gerade noch so eben haben wir es über die Grenzen geschafft. Ich aus Deutschland und er aus den USA. Wir wissen: Das hier ist keine Reise. Kein Urlaub. Kein Roadtrip. Wir werden nichts sehen in Kanada. Wir sind eingelocht für 14 Tage und draußen tobt Resident Evil. Aber wir haben uns. Etwas, das plötzlich eine ganz neue Bedeutung gewinnt.

Zeit miteinander zu verbringen, war für uns schon immer ein hohes Gut. Zum einen wegen der Entfernung und zum anderen wegen des Altersunterschiedes. Und doch ist es dieses Mal noch intensiver. Viele unserer gemeinsamen Interessen wie Reisen, Wandern und Fotografieren fallen weg. Um uns herum sind vier Wände. Und dann hassen wir beide auch noch fernsehen.

Über das Leben und den Tod und wie man richtig spült

Straßen in Kanada, Autofahren in Kanada, Corona in Kanada
Wie unendlich ist das Universum - und Kanada?

Zum Glück sind wir Labertaschen. Und während wir an dem instabilen Holztisch mit der dekorativen Plastikdecke sitzen und Muffins und Tee frühstücken, sprudeln die Wörter aus einem nie endenden Brunnen von Politik über Philosophie bis Wissenschaft. Gibt es Reichtum nur, wenn andere Menschen arm sind? Haben wir einen freien Willen? Wie kann das Universum unendlich sein?

Für manche klingt das vermutlich, als wären wir Supernerds. Irgendwo sind wir das auch – und schon immer gewesen. Wer, außer Jehova, redet schon lieber über das Leben nach dem Tod, als sich bei Netflix den neusten Scheiß reinzuziehen?

 

Danach spüle ich die Teller ab und mein Freund läuft alle drei Sekunden vorbei, um zu gucken, ob ich europäisch oder amerikanisch spüle.

Ja, wir haben in diesen Tagen viele winzige aber urkomische Unterschiede in unseren Kulturen gefunden, die sonst im Alltag einfach untergegangen sind.

Fass dir an die eigene Nase – oder auch nicht

Beziehung mit Altersunterschied, Humor in Beziehung, Liebe, Fernbeziehung
Immer was zu lachen: Nehmt euch nicht so ernst

Darunter zum Beispiel, dass ich in Deutschland meist automatisch nach dem Kochen ein Fenster in der Küche aufmache, damit die Luftfeuchtigkeit rauszieht und es nicht schimmelt. In der Gegend, wo mein Freund lebt, steht Luftfeuchtigkeit dagegen nicht mal im Duden. Da ist es so trocken, dass sie dort mit Luft duschen. Kleiner Spaß, so schlimm ist es auch nicht.

Er blickt verwirrt auf das offene Fenster. Als es zu ist, blicke ich wie ein Otto auf das geschlossene Fenster. Dann lachen wir beide laut.

 

Eine sehr wichtige Sache in Beziehungen – mit oder ohne Corona – ist, dass man sich und seine Gewohnheiten nicht immer so ernst nehmen sollte. Und dass man erst einmal auf seine eigenen Macken schauen sollte, bevor man die Klappe zu weit aufreißt.

„Weißt du, was an Corona echt nervt?“, frage ich. „Dass man sich nicht dauernd an die Nase fassen darf!“ Denn das mache ich sehr gern. Irgendwas juckt und kribbelt immer. Mein Freund sieht mich lange an und versucht, möglichst unauffällig seine Hand wieder auf den Tisch zu legen. „Ich habe gehört, der Vater meiner Tochter macht das auch gerne“, sagt er dann und grinst.

Lesestunde mit Sherlock

Kanada im März, Schnee in Kanada, Straßen Kanadas
Schneeromantik draußen vor dem Fenster

Am Nachmittag liegen wir oft gemütlich zusammen im Bett und lesen uns etwas vor. Erst beömmeln wir uns über die Geschichten von Winnie Puuh, wobei ich Lachtränen in den Augen habe, während mein Freund die Stimmen der verschiedenen Tiere nachmacht. Dann entdecken wir die Abenteuer von Sherlock Holmes im Original. 1886 geschrieben und 2020 immer noch hochspannend. Vor allem, wenn der britische Sherlock plötzlich eine ziemlich coolen, amerikanischen Akzent hat.

 

Wenn wir genug von Wörtern haben, schauen wir uns Fotos an. Natürlich hatte jeder von uns auch schon ein Leben, bevor wir zusammengekommen sind. Und weil unsere gemeinsamen Abenteuer gerade Sendepause haben, erzählen wir uns von früheren Trips. Zum Glück habe ich meinen Laptop mit allen Bildern dabei. Wir reisen spontan gedanklich nach Andalusien, Japan und in die Normandie.

„Als du gesagt hast, du willst mir Fotos zeigen, war ich erst skeptisch“, erklärt mein Freund später, während ich heimlich beobachte, wie amerikanisch er die Teetassen spült.

„Ich weiß“, erwidere ich. „Das Trauma von Dia-Abenden mit der Verwandtschaft und so.“

„Das Trauma von Dia-Abenden mit der Verwandtschaft und so“, sagt er trocken und wir lachen schon wieder. „Aber du hast eine Art, so über Erlebnisse zu sprechen, dass sie auf einmal ganz real sind, obwohl ich nicht dabei war“.

Tiny House Romantik in der Wildnis von Kanada

Sonnenuntergang Kanada, Fort MacLeod
Sonnenuntergangsromantik in Kanada

Von unserem Apartment in Calgary siedeln wir nach einer Weile in eine winzige Holzhütte von 20 Quadratmetern in der totalen Wildnis um. Sie hat zwei Etagen und ist ein klassisches Tiny House. Mit beinahe luxuriöser Küchenzeile, in die Wand eingebautem Bücherregal, künstlichem Kamin, Badezimmer und Leiter. Die führt in ein kleines Nest mit Kissen und Decken direkt unter dem Dach. Alles ist offen, hell und gemütlich. Noch bevor wir unsere Taschen auspacken, machen wir wüst Fotos und Skizzen, denn genauso – nur ein bisschen größer – wollen wir unser eigenes Haus einmal bauen.

 

„Schau mal, die Sonne“, sage ich. Wir blicken hinaus. „Sieht aus wie ein riesiger Pfirsich.“

„Guck, wie der Schatten neben der Scheune auf den Boden fällt. Als ob es ein Drache wäre“, sagt mein Freund. Ich weiß, dass wir viel mehr gemeinsam haben als eine bescheuerte Serie oder eine Lieblingspizzasorte (oder den Hang, uns an der Nase zu kratzen). Wenn ich meinen Freund 24 Stunden, 14 Tage lang in unmittelbarer Nähe habe, dann schaue ich 24 Stunden, 14 Tage lang in einen Spiegel. Wir lachen über den gleichen Nonsens, wir haben zeitgleich die gleichen Ideen, wir philosophieren, bis der Mond scheint und wir sind mit sehr wenig sehr glücklich, solange wir zusammen sind.

Der Ernstfall tritt ein

Tiny House Kanada, Architektur Tiny House
Ganz schön gemütlich hier

Nur einen einzigen, echten Krisenfall haben wir dann doch. Es knistert unten in der Küche, während ich durch das kleine Dachfenster auf die weite Landschaft, die goldenen Felder und den violetten Himmel schaue.

„Sarah“, sagt mein Freund sehr ernst. „Wir haben ein Problem.“

„What?“, rufe ich diplomatisch. Brennt die Wand hinter dem Kamin, oder was?

„Wir haben fast keine Kartoffelchips mehr.“

Oh nein. Es ist schlimmer als der Kamin! Angstvoll haste ich die Leiter herunter, um mir ein Bild von der Katastrophe zu machen. Ein paar lausige Krümel liegen auf dem Boden der Tüte. Und das, wo wir doch beide offiziell Kartoffelchipsmonster sind.

 

Das Haus liegt 50 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt und außerdem ist der Supermarkt Sperrzone. Nachdem wir uns die sieben verbliebenen Krümel geteilt haben (wir müssen immer alles teilen und haben deshalb auch schon mal eine Olive in vier Stücke geschnitten), beschließen wir, Mister Bean auf Youtube zu gucken. Der spricht britisch, das verstehen wir wenigstens beide nicht, und wenn die berühmte, blaue Schrottkarre mit den drei Rädern um die Ecke kommt, ist eh alles vorbei und wir liegen einfach nur noch vor Lachen auf dem Boden.

Fazit

14 Tage, 24 Stunden auf winzigem Raum in einem fremden Land, mit drei T-Shirts aus dem Rucksack und ohne Kartoffelchips. Wir haben durch die Isolation herausgefunden, was wir schon vorher geahnt haben: Wir brauchen nicht viel, außer uns. Die wichtigsten Dinge im Leben kosten weder Geld, noch sind sie materiell. Liebe, Lachen, Vertrauen, Worte und das Gefühl, dass jemand da ist, der den gleichen, kleinen Dachschaden hat, wie man selbst.

„Eigentlich könnte ich für immer hierbleiben“, sage ich am letzten Abend und schaue die Pfirsichsonne an.

Mein Freund nimmt meine Hand. „Genau das habe ich auch schon gedacht. Aber warum sage ich das überhaupt. Du weißt es ja sowieso.“

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