„Ich wollte das Abenteuer!“

Mit Fahrrad und Zelt von Bayern nach Andalusien.

23. Mai 2018

Abenteuerzeilen, Bloggerin auf Radtour von München nach Tarifa
Thomas und Silvia starten von München aus

München. Zwanzig Grad und Sonne. Silvia und Thomas schieben ihre Fahrräder auf die Straße. Die Drahtesel sehen ein bisschen aus wie bepackte Kamele. Mit zwei Reifen, statt zwei Höckern. Alles stimmt für eine kleine Radtour. Und die geht mal eben von München nach Tarifa. Andalusien. Spanien. Der südlichste Punkt des europäischen Festlandes.

 

Silvia hat ein ansteckendes und verschmitztes Grinsen. Die rotbraunen Haare zu einem Zopf gebunden, die grauen Sportschuhe geschnürt. Zwei Monate liegen vor den beiden. In denen sie durch schweizerische Landschaften, französische Dörfer, Gebirge und spanische Altstädte fahren. Schaffhausen, Genf, Valencia, Granada. Alles, was sie dabei haben, ist an ihren Fahrrädern festgegurtet. Mit Kraft in den Beinen und Sonne im Gesicht geht es jeden Tag ein Stück weiter Richtung Süden. Es sind nur 3000 Kilometer bis zum Meer. Den Wellen hinterher.

 

Individuelle Radreise: Der Weg ist das Ziel

Mit dem Fahrrad von Deutschland nach Spanien, lonelyroadlover
"Ob ich das überhaupt schaffe?"

„Die Idee hatte mein Freund Thomas“, erinnert sich Silvia. „Für ihn ist eine längere Radtour nichts Neues. Er ist schon mal nach China gefahren.“ Ach so – ja dann! Ich sammle kurz meine Contenance wieder ein. „Für mich war das Radfahren bisher aber eher nur Mittel zum Zweck“, sagt sie dann. „Es war auch eine Challenge, ob ich das überhaupt schaffe, jeden Tag im Sattel zu sitzen, siebzig bis neunzig Kilometer zu fahren und dann noch zu campen.“ Fasziniert hat die beiden das, was ich auch an Roadtrips so mag: Man nähert sich dem Zielort langsam an. Der Weg wird zur Erfahrung. Die Umgebung ändert sich nicht schlagartig, sondern kontinuierlich. Man hat die Chance, Menschen und Mentalitäten ganz nah kennenzulernen, statt mit Tonnen von Kerosin unter dem Hintern über sie hinwegzudonnern.

 

„Ich wollte das Abenteuer!“, sagt Silvia. „Ich wollte unbedingt mal etwas erleben, das nicht so einfach ist. Etwas, bei dem ich aus mir herauskommen muss.“ Von München aus startet das Paar nach Schaffhausen bis Genf. Dann nach Lyon und an der Rhône entlang bis Montpellier. „Wir sind der Mittelmeerküste bis nach Spanien gefolgt, haben dort Barcelona und Valencia passiert und sind dann durch das Gebirge nach Granada. Danach ging es wieder an die Küste nach Malaga und über Gibraltar zu unserem Zielort Tarifa.“ Als Silvia mit ihrem Freund loszieht, ist sie sich gar nicht sicher, ob diese Reise überhaupt etwas für sie ist. Doch sie findet: „Wenn man etwas nicht von Anfang an ablehnt, sondern sich nur unsicher ist, sollte man es auf jeden Fall versuchen!“

Sabbatical: Weg vom Computer – raus in die Natur!

Abenteuerzeilen, Radtour, Andalusien, Radreise
Wunderschöne Landschaften breiten sich vor den beiden aus

Eine Grenzerfahrung soll der Trip allerdings nicht werden. Keine 300 Kilometer am Tag durch beißenden Schmerz und sengende Hitze. „Wir haben immer Strecken und Entfernungen gewählt, die wir auch packen konnten. Im Gebirge nach Granada gab es stärkere Steigungen aber auch die haben wir geschafft.“ Silvia überlegt kurz. „Das ist dann natürlich ein richtig gutes Gefühl!“ Abenteuerpower!

 

Noch etwas ist ihr wichtig: Rauskommen. Weg vom Computer. In die Natur. „Das entspricht ja dem kompletten Gegenteil von dem, was wir sonst den ganzen Tag machen.“ Im Büro sitzen. 40 Stunden. Thomas hat zum Zeitpunkt der Reise gekündigt und fängt erst später mit dem neuen Job an. Silvia hat einen Monat lang Urlaub genommen und sich im zweiten Monat durch eine „Sabbatical“-Regelung freistellen lassen. Ansonsten arbeitet sie Vollzeit. Auf ihrem Blog Abenteuerzeilen schreibt Silvia unter anderem auch über die Möglichkeit, sich ein solches Sabbatical zu nehmen und was ihr dabei beachten müsst.



Gepäck auf langen Radreisen: planen und reduzieren

Doch wie überlebt man eigentlich zwei Monate lang mit ein paar Sattel- und Gepäckträgertaschen? „Da die Taschen nur begrenzte Kapazitäten haben, kann man nicht so viel mitnehmen, wie man es normalerweise tun würde, wenn man einen Koffer packt“, erklärt Silvia simpel. Das heißt: Nachdenken, ausmisten, reduzieren. Schlimm? „Nein.“ Silvia lacht. „Das hat den Vorteil, dass man die drei Paar Schuhe zu Hause lässt, die man eh nicht tragen würde.“ Ins Radlergepäck gehören für die beiden aber auf jeden Fall Sport-Shirts, gepolsterte Hosen, Unterwäsche, Regenjacke, wasserfeste Gamaschen für die Schuhe und eine Fleecejacke. „Unsere Klamotten haben wir so geplant, dass man sie gut schichten kann. Das ist wichtig, falls es kalt wird. Ausziehen kann man immer was.“

Zum Glück bleibt der Regen während der gesamten Tour nahezu aus. Nur kurz hinter Barcelona wird es wolkenbrüchig. „Nachdem wir zum Mittagessen eine Pause eingelegt hatten, war es mit der Wärme und der guten Laune vorbei. Wir sind zwar den ganzen Tag weitergefahren, haben uns dann aber einen Bungalow gemietet, anstatt das Zelt aufzustellen.“

Ein Zelt in absoluter Stille

Radreise, Rapsfeld Schweiz
Endlose Felder in der Schweiz

Das Zelt ist während der Reise Thomas’ und Silvias mobiles Zuhause. Meist auf Campingplätzen, ein paar Mal auch wild. „Das war richtig schön. Wir haben es etwas abseits vom Weg aufgeschlagen. Dort konnte man es von außen auch nicht sofort sehen, da Wildcampen in Deutschland verboten ist. Also lagen wir dann in unserem Zelt und um uns herum nur der Wald und eine absolut friedliche Stille.“

 

Große Pannen erlebt das Paar nicht. Immer dabei sind aber trotzdem Werkzeug, Ersatzschlauch, Luftpumpe und Kettenöl.

Aber was wäre eigentlich gewesen, wenn Silvia plötzlich doch gespürt hätte, dass die ganze Sache nichts für sie ist? Sie ist pragmatisch: „Das Gute an der Reise war, dass wir unterwegs immer die Möglichkeit gehabt hätten, umzukehren. Wir sind von zu Hause aus los gefahren und hätten jeder Zeit den Zug zurück nehmen können.“

Wenn die Motivation weg ist und der Hintern wehtut

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Eine lange Radreise fordert auch eine Menge Motivation

Gab es eine Situation, in der einfach nur alle scheiße war und der Weg zum nächsten Bahnhof ihre Gedanken kreuzte? Sie muss nicht lange nachdenken. „Einen Moment hatten wir relativ am Anfang, als wir nach fünf Tagen in Schaffhausen angekommen waren. Das erste Mal auf der Reise lagen wir in einem warmen Bett und waren total müde vom Radfahren. Die Motivation war weg. Darüber haben wir dann gesprochen und beschlossen, dass wir weitermachen werden. Wir wollten einfach nicht wieder nur doof zu Hause herumsitzen, sondern die freie Zeit auch wirklich nutzen!“ Sie denkt kurz nach. „Tatsächlich hat das Weiterfahren richtig gut getan und die Motivation kam nach einer Weile auf der Straße von selbst.“

 

Und auch die Erlebnisse am Wegesrand wiegen manchen Muskelkater auf. Besonders begeistert ist Silvia von Valencia. „Ich hatte die Stadt gar nicht so auf dem Schirm, aber die vielen Orangenbäume und die helle Innenstadt haben mir sofort gefallen.“ Auch Granada ist den beiden in Erinnerung geblieben. „Da sind wir schon um vier Uhr morgens aufgestanden, um noch Eintrittskarten für die Alhambra zu bekommen.“ Jetzt bin ich besonders neugierig, denn ich werde im August für drei Wochen einen Roadtrip durch Andalusien machen und auch durch Granada und Tarifa kommen. Karten für die Alhambra habe ich jetzt schon online reserviert – vielen Dank an Silvia!

 

Ein bisschen vorab zu üben, schadet übrigens nicht, wenn man eine längere Radreise plant. „Ich bin vorher mit dem Rad mehrmals die Woche zur Arbeit gefahren, anstatt die U-Bahn zu nehmen. Mir hat das auf jeden Fall geholfen, da sich mein Hintern an den Sattel gewöhnen konnte. Sonst macht das so gar keinen Spaß!“

„Das Wichtigste ist doch die Zeit, die uns zur Verfügung steht!“

Lonelyroadlover, Blog, Reportagen
Eindrücke aus Spanien

Mehrere Monate unterwegs zu sein, frei von allem und draußen in der Welt, verändert einen. Ich habe das selbst nach meiner viermonatigen Reise erlebt. Ansichten und Lebensweisen können sich umkrempeln und ins Schwimmen geraten. Ein bisschen geht es auch Silvia so. „Vor der Reise war mir mein beruflicher Werdegang am wichtigsten. Ich wollte so viel wie möglich erreichen und das in möglichst kurzer Zeit. Überstunden gehörten zum Alltag und damit die Hoffnung, dass sich das irgendwann auszahlen wird.“ Was es natürlich nicht tat.

Nach der Reise resümiert sie: „Ich habe herausgefunden, dass das Wichtigste doch die Zeit ist, die uns zur Verfügung steht. Wenn wir ausgebrannt zu Hause sitzen, hilft uns das Geld, das wir verdienen, nicht mehr viel.“ Etwas, das ich sehr gut nachvollziehen und bestätigen kann.

Dann fügt sie hinzu: „Ich möchte viele schöne Erfahrungen sammeln, andere motivieren und auch einen bewussteren Umgang mit unseren Ressourcen anstreben. Die Radreise hat mir gezeigt, dass ich keinen Schrank voll Klamotten brauche, sondern dass ich sehr gut auch minimalistisch glücklich leben kann.“

 

Mehr über Silvias Abenteuer – und die Radreise – findet ihr auf ihrem Blog Abenteuerzeilen, den es auch auf Facebook und Instagram gibt.

 

Alle Bildrechte liegen bei © Silvia Ammerl/Abenteuerzeilen

Kommentare: 1
  • #1

    Sarah (Sonntag, 27 Mai 2018 20:54)

    Sehr schön geschrieben! Man findet sich doch in mancher Zeile wieder ;). Valencia ist echt eine gnadenlos unterschätzte Stadt, dabei kann sie doch ihren beiden größeren Stadtgeschwistern definitiv das Wasser reichen.

Stories, Road Trips, Wanderlust! Inspirierende Geschichten von Reisenden und dem Leben "on the road". Ein Blog, der dich ermutigt, rauszugehen und zu leben. ♥


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