Die Tiny Home Renovierung:

Farbe im Haar und Flüche im Flur.

7. Februar 2019

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Let's get green - und laut singen in der Hütte!

Mit meinem Handy in der Hand schreie ich „Guten Morgen!“ in den Baumarkt und stampfe selbstbewusst in den Hauptgang. Ich habe einen mit gelber Farbe bekleckerten XXL-Hoodie an, eine Schlabberhose mit pinken Sprenkeln und eine bekloppte Kappe für Kinder von Bob der Baumeister auf dem Kopf. Es ist das ungefähr neunundachtzigste Mal, dass ich hier auftauche. Innerhalb von zwei Wochen. Ich brauche mal wieder Farbe, Folien, Schrauben, Glühbirnen, Schleifpapier und das Gefühl, meine Kreditkarte an der Kasse zu schreddern. Seit Anfang Januar arbeite ich an der Renovierung und Verschönerung meines Tiny Homes. Alleine. Weil ich es kann. Mit null Ahnung, großer Klappe und höchster Motivation. Ich habe Pläne geschrieben, Youtube-Tutorials geschaut, ganz Amazon bestellt. Inzwischen sind die ersten Wände gestrichen, die ersten Zähne – ähm, Nägel – gezogen und die Bude befindet sich irgendwo zwischen Tine Wittler und Drittem Weltkrieg.

 

Hier gebe ich euch einen fantastischen, verrückten und ehrlichen Einblick in die erste Phase meiner handwerklichen Profession. Warum mein ganzes Haus aus Themenräumen besteht, wieso die Küche aussieht wie ein Knallbonbon und wie ich mit meinen bloßen Händen einen Metallhaken abgebrochen habe.

Das Tiny House: Sinatra im Eingang und Sterne überm Bett

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Selbstgebastelte Maske für das 60s-Badezimmer

Die ersten Kisten sind im Tiny House, der erste Vogel ist vom Kühlschrank verjagt – es kann losgehen. Zwar sieht das Heim bereits ganz ansehnlich aus und ich könnte direkt einziehen, aber was fehlt, ist mein Spirit. Ich gebe es zu, ich war schon immer ein riesiger Fan von thematischen Räumen. Also begann meine gesamte Planung auf dem Papier mit Überlegungen, Verwerfungen und ziemlich schrottigen Skizzen. Nach hundertfachen Anläufen war irgendwann endlich klar, wie der Hase erschossen werden würde.

 

Mein Schlafzimmer wird das Jule-Verne-Reisezimmer. Mit alten Landkarten, kleinen Flugzeugen, Globen – und einem Sternenhimmel. Ja, ich werde die Decke dunkelblau streichen und Sterne aufsprayen. Wenn ich nicht vorher von der Leiter falle. Außerdem kommt ein verrückter Kronleuchter rein mit 14 verschiedenfarbigen Lampenschirmchen, die ich überall auf der Welt gekauft und gesammelt habe.

Mein Flur wird ein Urban Graffiti-Dschungel mit Fototapete und anderem Kreativzeugs. Der Eingangsbereich verwandelt sich in eine schwarz-weiße Blues-Jazz-Bar mit Instrumenten an den Wänden, Sinatra über der Garderobe und hängenden CDs.

Kommen wir zur Küche, die ein knallig-beeriges American Diner mit einem Haufen USA-Blechschildern von meiner großen Reise 2017 wird. Bleibt noch das Wohnzimmer, das zu einer gelb-grünen Natur-Oase mit japanischem Touch und hängendem Garten mutiert. Ach ja, und das Badezimmer natürlich! Ohne Scheißhaus geht es ja dann doch nicht. Hier hält eine 60er-Jahre Schauspieler-Kabine Einzug mit Audrey Hepburn, einer pinken Maske und einem Seifenspender in Ananasform.

 

Wo das alles herkommt? Aus meinem wirren und bunten Hirn. Wie viele Inspirationsblogs, Wohnzeitschriften und Hausbau-Serien ich vorher gesehen habe? Keine. Mein Anspruch ist, dass alles aus meinen eigenen Gedanken entsteht.

Lass mal das Sofa grün streichen!

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Das Wohnzimmer: 30 Stunden geschuftet und immer noch nicht fertig...

Jetzt ist es so, dass ich den gesamten Januar über noch in meiner kleinen Übergangs-WG in Wuppertal wohne. Also komme ich nur ab und zu zum Renovieren vorbei. Das bedeutet aber auch, dass ich bisher weder Wasser, noch Heizung angeschlossen habe. Zumal die Wasserleitungen draußen nicht abisoliert sind und im Frost bersten könnten, wenn das Wasser in ihnen steht und ich mehrere Tage nicht da bin.

Das bedeutet, dass ich jedes Mal sechs Lagen Klamotten anziehe, um bei drei Grad und sieben Stunden Arbeit nicht total abzuscheißen. An manchen Tagen sehe ich meinen Atem beim Streichen. Nur die Harten kommen in den Garten. Oder ins Tiny Home.

 

Mit Malervlies, Pinseln, Rollen und Farbe bewaffnet steht fest, dass ich als erstes einmal streichen muss. Überall. Ich will sofort anfangen und „noch eben“ alles abkleben. Haha. Nach zwei Stunden möchte ich am liebsten das Klebeband wie eine Frisbee aus dem Fenster werfen. Auf dass jemand daraus ausrutscht und sich den Hintern bricht. Ich trete zurück. Jede Kante ist säuberlich präpariert. Ich bin völlig fertig. Und es sieht aus, als wäre faktisch noch NICHTS passiert. Grandios.

Ein Gefühl wie 100 Jahre

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Erstmal den ganzen Mist auswaschen!

Etwas unmotiviert werfe ich ein bisschen Folie über das Sofa, das so groß und schwer ist, dass ich es nicht raustragen kann. Wird schon schiefgehen. Zwei Minuten später ist der erste grüne Klecks auf dem Stoff. Ich fluche. Kein Wasser im Haus. Ich spucke auf ein Spültuch und mache alles noch etwas schlimmer. Dann lege ich schnell was drüber.

 

Natürlich brauche ich am Ende zehnmal so lang, wie ich dachte. Ich reibe meine eisigen Hände, an denen die Hälfte aller Fingernägel abgebrochen sind und futtere ein kaltes Sandwich mit Käse, der so hart ist, dass ich jemanden damit erschlagen könnte.

Trotzdem bin ich nach dem ersten Tag zufrieden, latsche noch einmal heftig durch gelbe Farbe und werfe die Pinsel ins Auto, um sie zu Hause in der WG auszuwaschen, wo ich so was Abgefahrenes wie warmes und fließendes Wasser habe. Dort saue ich dann auch gleich mal die ganze Küche ein, bevor ich endlos unter der Dusche stehe und nie wieder aus dem Bad will. Gegen Mitternacht krieche ich ins Bett und mache eine Liste mit Dingen, die noch fehlen. Dann bestelle ich Blödsinn bei Amazon und schaue eine Dokumentation über Nordkorea. Um halb drei habe ich immer noch Rückenschmerzen.

Klebeband-Unfälle und das falsche Gelb

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Wer macht denn sowas! Klebeband muss man benutzen können...

Leider bin ich danach erst einmal zwei Wochen außer Gefecht, weil mich eine heftige Krankheit erwischt hat. Dazu demnächst mehr. Das wirft mich etwas zurück, doch ich kann es nicht ändern. Gesundheit geht vor. Aber nur ein bisschen. Denn zwei Tage, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen bin, stehe ich wieder im Tiny House. Ich habe neues Gelb für das Wohnzimmer gekauft und fange an, eine zweite Lage zu streichen. Als ich das Klebeband zwischen der grünen Ecke und der gelben Wand abziehe, merke ich, dass ich beim letzten Mal wohl einen ziemlich dummen Gehirnfurz hatte – denn ich habe das Klebeband nicht versetzt, sondern mit beiden Farben drumherum gestrichen. Und jetzt ist da ein weißer Streifen. Ich fasse mir an die Stirn und habe plötzlich einen gelben Pony. Auf geht’s ans Reparieren!

 

Als ich etwas später wiederkomme, ist irgendetwas komisch. Die Wand ist fleckig. Die Gelbtöne unterschiedlich hell. Ich bekomme einen kleinen Anfall und glotze auf die Farbtöpfe. Selbe Firma. Selber Farbname. Wollen die mich verscheißern? Dann sehe ich, dass ich einmal die matte Version und einmal die glänzende Version gekauft – und gestrichen! – habe. Unfassbar! Ich blicke das Desaster einige Minuten lang an und gehe dann ins Bistro, um mir beinahe einen Schnaps zu bestellen.

 

Danach düse ich in den Baumarkt („Hello again!“) und kaufe ich noch einmal die matte Version, um den ganzen Mist ein weiteres Mal zu überstreichen. Lesen müsste man können.

Eine Ladung Pink für die Küche – und kein Beton in Sicht

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Positive Bonbon-Stimmung in der Küche

Irgendwann bin ich dann aber doch mal fertig mit dem verdammten Wohnzimmer. Heißt ja auch Wohnzimmer und nicht Streichzimmer, oder? Voller Begeisterung widme ich mich der Küche, die wie ein graues Gefängnis aussieht. Erst einmal reiße ich einen Haufen fettiger und dämlich verklebter Folie von den Wänden. Dabei stoße ich auf mehrere Nägel, die ich mit aller Gewalt und vier verschiedenen Werkzeugen minutenlang unter Schweißausbrüchen aus dem Karton ziehe. Ja, mein Tiny House hat keine Betonwände, sondern ist im Grunde ein Papphaus. So wie die Butzen in den USA. Ein Stößchen auf die Elementarversicherung.

Vor einigen Tagen habe ich mir einen Schlagbohrer gekauft. Der kann auch Stahlzement. Falls ich draußen mal einen Brunnen durch die Steinplatten graben will, um Goldfische anzubauen.

 

Schließlich ziehe ich mit Malervlies und Rollen in die Küche und beginne damit, sie in Berry-Rot-Pink zu streichen. Ich bekomme enorm gute Laune von der Farbe, was fast schon wieder die lästige Jalousie wettmacht, die einfach nicht aus ihrer Halterung will. „Verfluchtes Pergament-Scheißteil!“, schreie ich den hässlichen Fetzen an, den das nur mäßig beeindruckt.

Der Garderoben-Ausraster

Schraube dull gedreht - was hilft? Lonelyroadlover
Stress mit der Garderobe...

Am Ende des dritten Tages meiner Renovierung möchte ich noch die Garderobe im Flur abschrauben, weil sie in den Eingangsraum versetzt werden soll. Sagt mein Plan. Drei Schrauben löse ich mal eben mit Links und dem Akkuschrauber. Aber das vermaledeite Ding hat vier Schrauben. Und eine davon hat keinen Bock und dreht sich dull. Der Akkuschrauber rattert wie ein Hubschrauber. Ich stütze mich an der Garderobe ab, die prompt in Schieflage gerät – weil sie ja nur noch an einem Haken hängt. Wer hätte das gedacht. Ich schwanke mit dem Schraubgerät fuchtelnd durch die Luft.

 

Danach lese ich mir ein paar Tricks auf Google durch und probiere sie der Reihe nach durch. Alufolie auf dem Schraubendreher hilft nicht. Hammerschläge auf die Schraube gehen besser. Ich greife zum guten, alten Schraubenzieher und versuche es noch einmal per Hand. Plötzlich löst sich das Ding einen Millimeter. Aber nur einen. Dennoch. Motiviert dadurch hole ich mir ein kleines Schränkchen, steige empor, klammere mich mit aller Kraft an den Türrahmen und rufe etwas wie „Dwjbk@v=$&§qr38qrAD!!“ während ich beinahe meine Schulter auskugele. Kurz darauf fällt fast die Tür zu und ich klemme mir fast die Hand ab. Aber nur fast. Die Schraube und ich kämpfen fast eine Viertelstunde. Ich schwitze wie verrückt und alles tut weh. Aber aufgeben kommt nicht infrage.

Der Kracher – die Garderobe fällt!

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Neuer Schabernack: 25 cm lange Schrauben für einen Palettentisch

Natürlich passiert beim großen Finale der Klassiker – mit einem Mal löst sich die Schraube und die Garderobe kracht dramatisch splitternd nach unten, während irgendwas Metallisches wegfliegt. Ich bin total beeindruckt und rufe erstmal „Hosianna!“ in den Schraubenzieher, während stummer Applaus aufbrandet. Dann sehe ich, dass einer der Haken komplett abgebrochen ist und das Schränkchen eine dicke Macke hat. Egal – das wollte ich eh wegwerfen, weil es genervt hat. Ich könnte es andererseits auch auf den grünen Fleck im Sofa stellen. Das wäre sehr surreal. Salvador Dalí würde ausflippen vor Begeisterung.

 

Mit meinen letzten Kräften schiebe ich die extrem schwere Garderobe in den Vorraum und stürze mich auf meine Wasserflasche, da ich kurz vor der Verdurstung durch Verdunstung stehe. Jetzt fahre ich noch 88 Kilometer im Dunkeln nach Hause in meine WG. Aber Autofahren ist eine meiner Leidenschaften – es beruhigt mich.

Als ich abends im Bett liege, spüre ich jede Faser meines Körpers. Ich grinse. Was für ein großartiges Gefühl!

Schnell schreibe ich noch auf, dass ich Dübel für Gipskarton brauche und dass ich Bock habe, einen Tisch aus Paletten selbst zu bauen. Danach schaue ich eine Dokumentation über den Amazonas und schlafe zwei Minuten nach dem Vorspann ein.

Kommentare: 2
  • #2

    Anke (Samstag, 09 Februar 2019 10:28)

    Liebe Sarah,

    ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus, was du alles schaffst. Aber was war da mit Krankenhaus. Das ist ja doof! Pass bitte auf dich auf! Ich finde dein � jetzt schon perfekt. Jetzt gönne dir aber auch ein bisschen Ruhe, ja?

    Liebe Grüße von Anke

  • #1

    Don Pedro (Freitag, 08 Februar 2019 17:27)

    Du verrückte Nudel; was machst Du auch wieder für katastrophale Sachen. Bei Deinem nächsten ~ 187. Baumarktbesuch besorgst Du Dir Linksausdreher, damit Du allen versifften Schrauben die Rübe abdrehst und diese zwingst Dir zu gehorchen.
    Domina wäre auch kein schlechter Job für Dich ... ;-)

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