Und alles war aus Gold: Reykjavik und der Golden Circle – Roadtrip Island I.

16. März 2022

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Strokkur Geysir beim Ausbruch - fantastisch!

Ich halte die Kamera hoch. Seit drei Minuten in derselben Position. Mein Arm fällt gleich ab. Gleichzeitig starre ich in den blubbernden Tümpel vor uns, aus dem Bläschen aufsteigen und in dem Wellen auf- und abwogen. Um uns herum wabert Dampf und der Himmel ist mit kleinen, grauen Schäfchenwolken übersät. Warten auf den Strokkur Geysir. Ich blinzel gegen die Sonne und schaue eine Sekunde lang nicht hin. Natürlich bricht das Scheißding genau in diesem Moment aus. Ich reiße die Kamera an mich, mache ein paar Fotos, drehe mich um und dann donnert ein warmer Regenschauer auf uns herab. Wie Starkregen. Aber nur für ein paar Sekunden. Reicht. Mütze nass, Jacke nass, alles nass.

Noch nie war ich so nah an einem Geysir. Nicht mal in Yellowstone. Mein Freund hüpft begeistert auf und ab – ebenfalls klatschnass.

 

Unser Island-Abenteuer beginnt auf dem Golden Circle, nahe der Hauptstadt Reykjavik. Ein Abenteuer, das eine zweijährige Vorlaufzeit mit Pandemie, Grenzschließungen und Drama hatte. Endlich Island, könnte man also sagen. Zumindest beinahe. Denn natürlich geht auch dieses Mal erstmal alles schief.

Flugzeugschrott, Streik und andere Katastrophen

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Nichts ist normal, wenn wir uns treffen wollen - aber love wins

Das erste Flugzeug ist kaputt, schreibt mein Freund, der in drei Flugetappen auf dem Weg von Yellowstone in den Rocky Mountains nach Düsseldorf ist. Wir sind in einer 8.000 Kilometer langen Fernbeziehung zwischen den USA und Deutschland und wollen uns in Düsseldorf treffen, um von dort gemeinsam für einen Roadtrip nach Island zu starten. Ich starre auf mein Handy. „Warum?“, sage ich laut und werfe wie Rumpelstilzchen ein Stück Goldpapier von einer Schokoladenverpackung auf meinen Wohnzimmerteppich. Warum ist immer irgendwas, wenn wir uns sehen wollen. Vor zwei Jahren wurden uns nur wenige Tage vor unserem geplanten Trip nach Island wegen Corona alle Grenzen geschlossen. Darauf folgten eine wilde Flucht nach Kanada, vier Monate Zwangstrennung und mehrere Reisen nach Zentralamerika, nur damit wir trotzdem irgendwie irgendwo zusammen sein konnten. Und jetzt, wo die Grenzen wieder offen sind, fällt das blöde Flugzeug auseinander.

Wir haben ein Ersatzflugzeug. Aber das ist vereist. Und jetzt schneit es stark, kommt es anderthalb Stunden später. Der Anschlussflug von meinem Freund ist weg. Ich werfe das Goldpapier in den Müll. Scheiße.

 

Nach einigem Hin und Her ist er trotzdem irgendwie auf dem Weg. Sie haben ihn in einen Last-Minute-Flieger nach München gesteckt, von wo er dann nach Düsseldorf weiterfliegen soll. Ich hatte fünf Minuten Zeit, zum Gate zu rennen, schreibt er. Als ich gerade eine Runde Schampus für mich und das Goldpapier aufmachen will, bekomme ich eine E-Mail vom Düsseldorfer Flughafen: Bundesweiter Streik. Die meisten Flüge werden ausfallen, kommen Sie am besten gar nicht erst zum Flughafen.

Boah. Am Arsch die Räuber, und ob ich zum Flughafen komme! Es reicht. Verfluchtes Island! Ich packe meine Siebensachen und fahre da jetzt hin.

In Düsseldorf sind tatsächlich zwei Drittel aller Flüge gecancelt. Aber unsere nicht. SCHAMPUS! Ohne Goldpapier, aber mit großer Wiedersehensfreude.

Reykjavik – Regenbögen und Kunst

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Bunte Straßen in Reykjavik mit der Hallgrímskirkja im Hintergrund

„Oh mein Gott, wir sind in Island“, rufe ich und schüttel meinen Freund, als wir durch die Straßen von Reykjavik gehen. Unglaublich. „Zwei Jahre Anreise – das muss auch erstmal jemand schaffen“, sagt mein Freund und lacht. Jetzt, wo wir wieder lachen können.

 

Es ist Ende März und dicke, dreckige Schneehaufen liegen an den Straßenrändern. Wir laufen entlang von bunten Häusern mit rostigen Metall-Fassaden, modernen Neubauten, Street Art und Regenbogenstraßen, kleinen Kapellen und der gigantischen Hallgrímskirkja, deren außergewöhnliche Architektur Basaltsäulen nachempfunden ist. Für mich sieht sie aus, als hätte jemand die Orgelpfeifen außen angebracht.

 

Überall sind Kunstgalerien und kleine Cafés. Die meisten Art Places – egal ob Fotografie, Malerei oder Skulptur – haben mindestens ein wollig aussehendes, dickes Schaf in der Sammlung. Schafe sind neben Islandponys ein großes Ding auf der Insel.

Beinahe hätte ich vor Begeisterung allen möglichen Blödsinn gekauft, aber dann fällt mir beim Betrachten der Preise beinahe das Portemonnaie ins Hafenbecken.

Island ist teuer. Arschteuer. Dagegen ist die Schweiz das Ramschlager von Poco Domäne.

 

Reykjavik ist jung und bunt, hat aber zugleich seine melancholischen Ecken. Das große Hafenbecken mit den grauen Frachtern, die im eisigen Wind dümpeln, die Außenbezirke mit den verfallenen Häusern und die sich seltsamerweise überall in miserablem Zustand befindlichen Fensterrahmen aus Holz. Komisch für ein Land, in dem es so oft so lange so kalt ist.

Zwischen Europa und Amerika – Tektonische Schlucht in Island

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Die Schlucht, die sich zwischen den tektonischen Platten auftut

Nicht weit von Reykjavik entfernt liegt der Golden Circle. Nee, das hat jetzt nichts mit meinem Schokoladen-Goldpapier zu tun. Der Golden Circle ist ein Rundweg, an dem einige von Islands schönsten Naturwundern liegen. Wir tanken unseren winzigen Toyota voll, den wir am Flughafen gemietet haben – und mit dem wir letztlich die gesamte Ring Road (im März) bedenkenlos fahren konnten – und machen uns auf den Weg. Normalerweise kann man den Golden Circle mit dem Auto an einem Tag schaffen, sich aber natürlich auch zwei oder drei Tage Zeit lassen und noch mehr ansehen, als wir es tun.

 

Als Erstes halten wir am Þingvellir National Park. Das isländische Þ spricht sich wie ein englisches tha. Isländische Worte sehen anfangs immer aus, als hätte jemand das Alphabet in den Smoothie-Maker geworfen. Doch die Sprache ist tatsächlich mit Deutsch verwandt und gar nicht so schwer, wenn man einmal die Aussprache geschnallt hat und nicht direkt beim Anblick der 27 Buchstaben pro Wort ins Koma fällt.

 

Im Þingvellir National Park treffen sich die tektonischen Platten unserer beider Heimatländer. Aufregend! Die amerikanische und eurasische Platte driften an dieser Stelle auseinander und man kann in der Schlucht auf- und abgehen. In den letzten 10.000 Jahren ist die Kluft 70 Meter auseinandergegangen und der Boden hat sich um 40 Meter abgesenkt. Toll, da wird unsere Long-Distance-Relationship ja noch länger!

Dusche mit Strokkur Geyser

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Das Geothermale Gebiet rund um den Strokkur Geysir - einige Geysire schlafen auch

Besonders aufgeregt bin ich, als wir uns entlang des Golden Circles dem Geyser Geothermal Area nähern. Ich habe eine Schwäche für Hot Springs und Geysire und könnte mir das Zeug den ganzen Tag ansehen. Im Gebiet befindet sich der Strokkur Geyser. Er bricht etwa alle 5 bis 15 Minuten aus. Ich bin erstaunt, wie nah man an den Geysir herandarf.

 

Wir blicken in die brodelnde Suppe in dem unscheinbaren Loch im Boden. Das Wasser wird immer unruhiger, schlägt kleine Wellen und macht Bläschen. Plötzlich gibt es eine Art Rülpser und der Geysir schießt weiß und magisch fast 30 Meter in den milchig-sonnigen Himmel. Natürlich bin ich nicht vorbereitet und erwische mit der Kamera nur eine Gischtwand. Beim zweiten Anlauf ist der Akku leer. Ich schaue meinen Freund an: „Wir kommen hier nicht weg. I am so sorry.“

 

Er lächelt. „Es gibt schlimmere Orte, von denen man nicht wegkommt.“

Ich liebe seinen Humor. Wir sind in vielem wie Zwillinge, aber im passenden Augenblick – meistens, wenn einer von uns Scheiße baut oder ausrastet – ist der andere der absolute Gegenpol aus Ruhe, Vernunft und Witz.

Am Ende der Session sind wir nass von so vielen Geysir-Ausbrüchen. Und ich könnte immer noch bleiben und weiter zuschauen.

Ein goldener Wasserfall und der Krater mit dem Eis-See

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Der wunderschöne Gullfoss stürzt hier in die Tiefe

Unsere letzten beiden Highlights auf dem Golden Circle sind der Gullfoss und der Kerið Crater. Der Gullfoss, der übersetzt goldener Wasserfall heißt, stürzt breit und donnernd in zwei Kaskaden 32 Meter tief in eine ziemlich enge Schlucht. Wo geht all das Wasser hin? Vermutlich ist die Schlucht unheimlich tief eingeschnitten, was man aber wegen der ganzen Gischt und den röhrenden Wassermassen nicht sehen kann. Links und rechts liegen meterdicke Schneepanzer. Auf einmal kommt die Sonne heraus. Über dem Gullfoss bildet sich für wenige Minuten ein traumhafter Regenbogen. Wir blicken einfach nur in die bunte, brodelnde Szene vor unseren Augen. Es ist so schön!

 

Abschließend kommen wir am Kerið Crater an. Der rötliche Vulkansand ist nass von Schnee und Regen und wir sinken mit jedem Schritt in den Boden ein. „Hauptsache, ich verliere keinen Schuh“, sagt mein Freund.

„Hauptsache, wir fallen nicht in den Krater“, sage ich.

Von oben hat man einen fabelhaften Blick auf den zugefrorenen, blau-grünen Eis-See in der Kratermitte. Und man kann sogar hinuntersteigen! Ich sacke heimlich ein paar Vulkansteine ein für meine geologische Sammlung zu Hause, wo ich so einige Muscheln, Federn und sogar Schmetterlingsflügel – Fundstücke von meinen Trips – ausgestellt habe.

Ein wundervoller Auftakt unserer Endlich-Island-Reise. Als Nächstes geht es auf die große Ring Road einmal ums Land.

 

Mehr Geschichten über Vulkane, Geysire und Naturgewalten findet ihr auch in meinen Berichten:

 

LSD für die Augen – das Upper Geyser Basin in Yellowstone

Von der Flusswanderung zum Vulkankrater: 5 aufregende Naturerlebnisse in Italien

Kommentare: 4
  • #4

    Lonelyroadlover (Mittwoch, 27 April 2022 21:04)

    Hi Kasia,
    na dann ran an den Speck - für einen Blogartikel ist es doch nie zu spät. ;)
    Wir haben auch viele Reisegruppen unterwegs gesehen. Gerade den Golden Circle kann man so ja gut entdecken, wenn man keinen Mietwagen buchen möchte. Ja, die Preise sind... "less than pleasant" wie mein Freund jetzt sagen würde. Aber es lohnt sich 5.000 Mal, auf Island hinzusparen.
    Liebe Grüße
    Sarah

  • #3

    Kasia Oberdorf (Sonntag, 24 April 2022 21:58)

    Wie schön, dass ihr es endlich nach Island geschafft habt! Trotz der zwei Jahre Pandemie und der vielen Lockdowns habe ich noch immer nicht an meinen Island-Beiträgen von 2019 weiter geschrieben. Am Gullfoss war ich ebenfalls, damals mit einer Reisegruppe. Island ist ein wunderbares Land, so rau und schön. Und dann holen einen die Preise wieder auf den Boden der Realität zurück ;-)

  • #2

    Lonelyroadlover (Samstag, 23 April 2022 18:08)

    Liebe Nina,
    freue mich, dass du mitgelesen hast und es dir Spaß gemacht hat. Bald kommt mehr. :)
    Ganz liebe Grüße
    Sarah

  • #1

    Nina (Montag, 18 April 2022 10:18)

    Supergut und ich freue mich auf die Fortsetzung! Das hört sich alles sooo schön an :)

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