Road Trip New Mexico – wo die Windspiele wie Sterne klingen.

19. Mai 2019

Road Trip USA, Colorado, scenic road
Die unendlichen Weiten von Montana und Colorado

Mit brennenden Augen stolpere ich die grauen Treppenstufen am Flughafen in Billings, Montana, hinunter. 29 Stunden in drei Flugzeugen mit drölfzig Lichtjahren Aufenthalt an irgendwelchen Airports liegen hinter mir. Mit zwei dauer-schreienden Kleinkindern auf der Langstrecke zwischen Amsterdam und Minneapolis, einem einstündigen Verhör bei der Homeland Security an der Grenze und dem dezenten Bedürfnis, mich einfach nur noch kopfüber in irgendeinen Höllenschlund zu werfen.

 

Dann sehe ich jemanden mit einem seltsamen Schild. Auf dem steht „Smokin’ hot German woman“. Ich bin sofort wieder hellwach. So einen Blödsinn kann nur einer schreiben. Mein Freund. Statt in den Höllenschlund stürze ich cineastisch in seine Arme und erkläre mich höchstpersönlich für tot. Da mein Freund in einem seiner sieben Katzenleben aber Arzt war, misst er gleich mal meinen Puls und bestätigt mir, dass ich vollkommen untot bin. Ich glaube ihm. Wir schmeißen uns für ein paar Stunden in ein beklopptes Motel und fahren am nächsten Tag los – 2.000 Kilometer Richtung New Mexico. Wo die Windspiele wie Sterne klingen, die Wüste blüht und der Himmel in Unendlichkeit versinkt.

Colorful, kackbraunes Colorado

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Die verdammt postkartige Scenic Route in Colorado

Von Montana aus führt uns der Weg quer durch Colorado. Ich bin aufgeregt, denn diesen Staat habe ich auf meiner viermonatigen Reise 2017 nicht gesehen. „Colorful Colorado“ steht bald auf einem relativ unfarbigen, kackbraunen Holzschild. Passt ja wie Arsch auf Eimer.

„Wir könnten die Interstate runterfahren oder den längeren Scenic Highway nehmen. Das dauert dann acht statt sechs Stunden“, sagt mein Freund. Wir schauen uns an. Wir grinsen. Natürlich fahren wir acht Stunden. Wir sind uns einig, dass es in diesem Leben nichts zu verpassen gibt und der gerade Weg doch meist scheißenmäßig langweilig ist. Wer will schon ankommen. Das Unterwegssein ist das, was uns ausmacht.

Die Straße knickt ab und beginnt, sich zu winden. Durch rote Felsen, türkis-graue Büsche, vorbei an eisigen Bächen und hinauf zu Hügeln, hinter deren Kuppen das schiere Nichts zu liegen scheint, bevor sich ein endloses Tal mit grünen Wiesen, blauen Seen und riesigen, weißen Bergen auftut. „Das ist wie eine verdammte Postkarte!“, schreie ich. Ich habe keine Ahnung, warum ich schreie. Vielleicht um die schiere Schönheit der Landschaft zu übertönen.

Wo ist eigentlich dieses New Mexico?

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Grenzgänger auf dem Weg nach New Mexico

Diese Straßen, die nie enden. Dieses Land, das einen zu verschlucken scheint. Diese fabulöse Natur, die nicht real sein kann. All meine Erinnerungen an meinen großen Solotrip vor zwei Jahren kommen zurück. Wie ich gelacht, geweint, gelebt habe. Und dieses Mal kann ich all das teilen. Mit jemandem, der genauso heftig einen an der Waffel hat wie ich. Mit dem ich stundenlang über Geologie, Geschichte und Philosophie reden kann. Über Götter und Dämonen, über den Anfang und das Ende, das Alles und das Nichts. Zwischendurch schmettern wir dämlich und falsch zu alten Country-Schinken.

 

„Wann kommt eigentlich endlich das Eingangsschild für New Mexico?“, frage ich irgendwann. Meine Füße sterben gerade einen schmachvollen Tod, weil ich die Idee hatte, auf einem Bergpass barfuß durch Schnee zu laufen. Immerhin habe ich danach die spitzen Steine nicht mehr gespürt.

Mein Freund schaut mich ernst an. „Ich könnte schwören, dass es genau auf der Grenzlinie zwischen den Staaten steht“, sagt er dann.

Ich werfe ihm einen Todesblick über den Rand meiner schrottigen Sonnenbrille zu und er lacht schallend. Ich liebe sein Lachen. Es ist, als würden dabei Sterne aus seinen gold-blauen Augen schießen und ein Feuerwerk mitten in der Steppe entzünden.

Eine Sternennacht in Taos mit billigem Wein

Kunst, Taos, New Mexico
Windspiele in einer Kunstgalerie in Taos

Nach weiteren acht Millionen Meilen erreichen wir tatsächlich das Schild. New Mexico. Land of Enchantment. Nie war ein Spruch wahrer als hier. Land der Verzauberung. Ich kriege es hin, mir während des Fotos nicht wieder einen Holzsplitter in den Finger zu rammen – wie an der Eingangsmarkierung von Wyoming im letzten Jahr – und wir fahren durch bis Taos.

 

Taos ist so was wie das kleine Santa Fe. Alle Häuser bestehen aus hellbraunem Lehmstein mit runden Ecken. Es ist ein bisschen wie ein farbloser Hundertwasser. Magisch. Anziehend. Anders. Überall wehen bunte Fahnen, die Straßen sind mit Kunstgalerien gepflastert und türkise Schmucksteine – typisch für die Region – strahlen hinter Glas.

 

Wir haben ein Airbnb gebucht, das sich in etwas außerhalb befindet – mit Jacuzzi im Garten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Nachdem wir in einer Bar viel Geld für billigen Rotwein ausgegeben haben und giggelnd durch den Walmart gestolpert sind, beschließen wir, noch mehr Wein zu trinken und den Whirlpool zu testen. Um Mitternacht oder so. Direkt über uns ist der große Wagen und mein Freund zeigt mir, wie ich den Polarstern finde. Dann reden wir über das Ende des Lebens und wie es danach weitergeht.

Plötzlich schießt eine Sternschnuppe über den Himmel. Ja, echt jetzt. Aber ich kann den Wunsch nicht verraten. Echt jetzt.

Tent Rocks Monument – ein Wunder der Natur

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Forever together not matter what the weather

In den kommenden Tagen zieht es uns nach Santa Fe, auf den Turquoise Trail und nach Albuquerque. Zwischendurch halten wir am Kasha-Katuwe Tent Rocks National Monument. „Gib mal dieses Kaschuwa-Dingsbums-Gedöns ein“, sage ich zu meinem Freund, als wir im Auto sitzen (ja, es gibt tatsächlich englische Ausdrücke dafür!). Wir lachen beknackt und finden es zum Glück auch, ohne zu wissen, wie es wirklich heißt. Unterwegs sehe ich meine erste Schlange in den USA. Fasziniert hüpfe ich mit der Kamera herum. „Du kannst deinem Dad sagen, dass sie über einen Meter lang war und eine Klapperschlange ist. Das letzte stimmt zwar nicht, aber es klingt cool“, sagt mein Freund. Finde ich auch. Da unser Trip ansonsten ja unfassbar langweilig war, beschließe ich, diesen Nonsens in meiner nächsten E-Mail zu erwähnen.

Die Tent Rocks haben ihren Namen völlig zu Recht. Nur wenige Meter von der Würgeschlange des Todes entfernt schießen auf einmal kegelförmige Berge aus dem Boden. Durch einen Canyon kann man zwischen den majestätischen und völlig irrealen Säulen hindurch bis ganz nach oben auf den Kamm des Bergmassivs wandern. Machen wir natürlich. Natürlich legen wir uns auch einmal so richtig gepflegt auf die Fresse. Aber es macht ja keinen Spaß, wenn es nicht richtig geblutet hat. Die Aussicht ist jedenfalls überwältigend uns wir sitzen eine ganze Weile einfach nur zusammen da. Und genießen ein paar tausend Sekunden in einem wundervoll-verrückten Leben.

Turquoise Trail: Explosion mit John Travolta und ein Haufen Eis

Albuquerque, New Mexico, Road Trip, lonelyroadlover
Downtown Albuquerque

Auf dem Turquoise Trail halten wir in Madrid. Das mit seinen etwa 150 Einwohnern geringfügig kleiner ist als die spanische Hauptstadt in Europa. Hier wurde der Biker-Film „Born to be Wild“ gedreht, in dem John Travolta aus Versehen das Hauptquartier einer Gang abfackelt. Wer beknackt-lustige Motorrad-Roadmovies mag, sollte sich den Streifen unbedingt ansehen. Wir zimmern uns ein monströses Eis rein und kaufen beinahe ein arschteures Kunstwerk. Dann aber doch nicht, weil wir eigentlich geizig sind und unser Geld lieber für Reisen aus dem Fenster werfen.

 

In Albuquerque zeigt mein Freund mir schließlich seine alte Hood, in der er mal einige Monate gelebt hat. Wir beschließen, uns irgendwann hier ein Haus zu kaufen, weil es in Wyoming im Winter immer minus 9000 Grad kalt ist. Ich habe keine Ahnung, ob wir das jemals tun werden aber genau das ist das Interessante mit jemandem, der genau so verrückt ist wie man selbst. Alles ist möglich. Alles könnte zur Hölle fahren. Oder zum Mond. Wer weiß das schon. Oder wie wir sagen: „Who cares!“

Couchsurfing mit Spinnen und Bergformationen im Bad

Garden of the Gods, Colorado, State Parks USA
Der Garden of the Gods auf dem Rückweg durch Colorado

Unser letzter Stopp auf dem Rückweg ist Boulder in Colorado. Dort übernachten wir über Couchsurfing bei Michael. Michael hat ein riesiges Haus in einem verschneiten Berghang, eine Tonne historischer TV- und Radiogeräte und eine Tarantel. Wir gehen nepalesisch essen und mein Freund erzählt, wie er mal als Hobo mit einem Zug durchs Land gereist ist. Dann tanzen wir im Wohnzimmer zu bayrischer Musik bevor wir beschließen, dass wir uns nach neun Stunden im Auto doch etwas widerlich fühlen und noch duschen wollen. Kurz darauf ist mein Freund jedoch wieder zurück. „Im Badezimmer ist etwas seltsam“, sagt er in einer Art, dass ich fast schon wieder vor Neugier und Komik sterbe.

„Was ist seltsam?“, frage ich.

„Naja… da ist eine Bergformation.“

Ich pruste vor Lachen und zeige ihm einen Vogel.

Doch tatsächlich ist direkt neben der Dusche und in Teilen der Dusche selbst ein seltsamer Steinhaufen. Angeklebt.

„Michael ist definitiv einer der besten und verrücktesten Gastgeber, die ich je hatte“, stelle ich fest, bevor ich beinahe eine Bananenpflanze im Auge habe, die hinter dem Waschbecken hervorwuchert.

„Ich sag ‚Hallo’ mit ’nem Gruß aus der Achterbahn!“

Wyoming, USA, Roadtrip
Heart Mountain - wieder zu Hause!

Am nächsten Tag fahren wir nach Hause. Oh, und wie Wyoming einfach zu Hause ist! Ich sitze am Steuer und reiße es vor Begeisterung fast ab. „Guuuck doch mal! HOLY SHIT!“, brülle ich alle zwei Sekunden ohne irgendeine Ahnung, wie hoch das Speed Limit ist. Beige Berge, die wie versteinerter Pudding aussehen, tiefe Schluchten, die halb von der untergehenden Sonne vergoldet sind, Regen, der in der Luft gefroren zu sein scheint. Violette Wolken über kristallweißen Bergspitzen – und schließlich Heart Mountain. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, wieso dieser Berg ausgerechnet diesen Namen trägt und ausgerechnet hier steht.

Wir glauben beide an das Universum. Dass es da irgendetwas gibt, das Dinge arrangiert und passieren lässt. Aus Gründen. Niemand weiß, wo das Leben hinwill. Ob es hinter dem Horizont einfach umkippt, ob es Flügel bekommt oder zur Hölle fährt. Manchmal frage ich mich, ob ich es wissen möchte. Oder ob ich einfach auf der Achterbahn weiterreite, hinfalle, blute, verzaubert bin und irgendwann mit billigem Fusel in der Hand in einer explodierenden Biker-Bar mit John Travolta in die Luft fliege. But you know what? – Who cares!

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