Call of the Mountains – die unbegreifliche Sehnsucht am Ende von Himmel & Mensch.

5. Juli 2019

Wildnis und Berge in Wyoming, USA, Bergliebe
Der Ruf der Berge hat mich erwischt

Wind zerreißt die dröhnende Stille wie ein samtener Vorhang auf der Bühne in völliger Dunkelheit. Trockenes Gras beugt sich den unsichtbaren Luftströmen, bis es den staubigen Boden berührt. Ein einziger Sonnenstrahl schießt wie ein Laser zwischen den Wolken hervor. Schlägt auf den grünen Hügeln auf, die sich wie der Stoff eines Kleids über die Erde legen. Der Ruf einer Krähe schallt von den Steinwänden zurück durch das Tal, scharf und trocken wie berstendes Herbstlaub.

Es sind die einzigen Geräusche an diesem Abend, kurz vor der goldenen Stunde, bevor die Sonne hinter den schwarzen Kanten der Felsen verschwindet. Oder doch nicht? Ich stehe auf dem Scheitelpunkt einer Hügelkette und starre die hohe Bergformation am Horizont an. Weiße Wolkenfetzen hängen in den Gipfeln, als würden sie mit Klauen nach ihnen greifen. Dunkler Stein hebt sich gegen Schneeflächen ab wie eine Bildstörung im Fernsehen. Ich stehe vollkommen still. Ich höre auf zu atmen. Der Wind schneidet mit einer pfeifenden Frequenz in mein Ohr. Da ist etwas.

 

Meine Augen fixieren die Bergkette – und die Berge scheinen zurückzublicken. Ich spüre etwas wie einen zweiten Herzschlag in mir. Etwas Surreales und Unerklärbares, das mir eine Gänsehaut bereitet. Ich möchte rennen. Durch die Täler. Bis zum Fuß des Bergmassivs. Dann hinauf. Höher. Bis die Luft in meinen Lungen brennt und ich meine Füße nicht mehr spüren kann. Hitze, Schweiß, Kälte, Knochen auf Stein, Himmel über Kopf.

Der Ruf der Berge. Der Ruf einer Herausforderung, die so abstoßend wie anziehend ist. Wie eine Sirene im Moor. Ich stehe vollkommen still und kann ihn hören. Es ist ein lautloser Ruf, den niemand sonst wahrnimmt. Von der Intensität eines Stromschlags. Der Versuch einer Erklärung der Faszination des Bergwanderns.

Wanderung zur Eishöhle in der Nebel-Todeszone

Wanderung Schellenberger Eishöhle, Nebel, Berchtesgaden
Mein Papa 1999 im Nebel der Almhütte mit Dohlen

Seinen Hintern in eine Seilbahn werfen, ein Foto vom Gipfelkreuz schießen, einmal um den See latschen. Erinnerungen an die Alpen, zehn Jahre und älter. Irgendwie etwas, das man als Kind anstrengend und als Teenager so richtig zum Kotzen fand. Etwas, das mich lange Zeit glauben ließ, Berge wären todlangweilige Steinklötze, auf denen es kalt und öde ist.

 

Dann habe ich auf einmal Bilder vor meinem Auge. Von einer Wanderung zu einer Eishöhle. Der Schellenberger Eishöhle in Berchtesgaden. Deutschlands größter Eishöhle. Es ist 1999 und ich bin acht Jahre alt. Der zweieinhalbstündige Aufstieg mit meinen Eltern gerät leicht außer Kontrolle, weil die Höhle auf 1.570 Metern Höhe liegt und plötzlich dichter Nebel mit eisigem Schneeregen aufkommt. Wir sitzen an einer Almhütte, die geschlossen hat. Ich halte mich an einem Butterbrot fest. Meine Finger sind tiefgefroren und ringsum ist weißes Nichts. Plötzlich landet eine schwarze Dohle direkt auf dem hölzernen Picknicktisch vor mir, starrt mich an. Ich habe keine Angst. Nur das aufregende Gefühl, dass es zum ersten Mal spannend ist in diesen furchtbaren Steinklötzen. Es ist ein Erlebnis, das mir noch zwanzig Jahre später ins Gedächtnis genagelt zu sein scheint, auch wenn ich mich an die Höhle selbst kaum noch erinnern kann.

Schweiß in Strömen und türkisfarbenes Meer

Wanderung Calanques, Côte d'Azur, Frankreich, Roadtrip Frankreich
Die Calanques an der Côte d'Azur, Südfrankreich

2015. Meine beste Freundin Dani und ich sind auf einem Roadtrip entlang der Côte d’Azur in Südfrankreich. „Ich habe da was gefunden, das wir sehen müssen: die Calanques!“, sagt Dani. Ein Bergmassiv, das wie Fjorde ins Meer fällt. Es liegt kurz vor Marseille, ist 20 Kilometer lang und vier Kilometer breit. Wir beschließen eine Wanderung.

Es ist Ende September aber immer noch schweinemäßig heiß. Wir placken uns über Geröll und aalglatte Felsen. Oben sandfarbener Stein, unten türkis-blaues Wasser. Meine Augen brennen wie irre vor Schweiß, meine Füße kochen und mein Rucksack klebt an meinem Rücken. Doch ich könnte schreien vor Begeisterung, während ich mich umsehe. Neben uns der Abgrund, vor uns der Berghang mit seinen hellgrünen Bäumen, die wie Schokostreusel auf den Vorsprüngen verteilt liegen.

 

Wenn ich heute an diese beiden Erlebnisse zurückdenke, verstehe ich plötzlich, was passiert ist. Zwischen mir und den Bergen. Ich kann sie nur spüren, wenn sie mich herausfordern. Wenn ich sie mit meinen Händen begreifen kann, meine Beine gegen den Stein stemme, meine Muskeln zittern spüre und mir die Natur mit der Wucht ihrer Existenz ins Gesicht schlagen kann.

Keine Seilbahnfahrt mit Gipfelkreuzfoto. Es war der falsche Ansatz – wie ein misslungenes erstes Date.

Bergsteigen: vom Abstürzen und Weitermachen

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Weiter auf dem Weg nach oben nach dem Absturz in der Absaroka Range

Juni 2019. Ich bin für fünf Monate in den Rocky Mountains. Bei meinem Freund. Der sein halbes Leben in den Bergen verbracht hat. Der minus zehn Grad nicht kalt findet und auf Trails nur eine brennende Staubspur hinterlässt, während ich wie ein Nashorn hinterherschnaube. Hier draußen haben wir uns vor zwei Jahren kennengelernt – auf meinem großen Solotrip durch die USA. Neben tausend anderen Kleinigkeiten teilen wir die Sensationslust an Abenteuer, Natur, Wagnis und Grenzgang.

 

Im Mai wandern wir einen Berghang hinauf, der keinen offiziellen Weg zeigt. Stattdessen besteht er aus ausgebrannten Baumruinen und einer Menge losem Geröll. Wir steigen hinauf. „Ich möchte nach oben. Bis zu den Hoodoos“, sage ich. Also gehen wir. Bei zwei Dritteln des Aufstiegs wird es so unwegsam, dass der gesamte Boden ins Rutschen gerät und wir ungeplant kopfüber ein paar Meter ins Tal schießen. Es dauert ein paar Minuten, bis wir wieder klar genug sind, um festzustellen, dass wir noch beide Arme und Beine haben.

„Was wollen wir jetzt machen?“, fragt mein Freund.

„Weiter nach oben zur Spitze gehen?“, frage ich zurück und setze meinen Fuß Richtung Gipfel. Es ist keine eigentliche Frage. Der Gipfel ist die Antwort.

Ist er das?

Die endlose Suche nach dem letzten Gipfel

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Die Grand Tetons zwischen Wolken und Unendlichkeit

Nicht wirklich. Denn hinter jedem Gipfel lauert eine neue Bergspitze. Das Wandern nimmt kein Ende. Sie Sehnsucht, den einen Punkt zu finden, an dem es nicht weitergeht, vermischt sich auf toxisch-aufregende Weise mit dem Wunsch, eine Möglichkeit zu finden, weiterzumachen. Alles tut weh und ich bin noch nicht einmal auf dem Weg zurück. Aber ich kann mir und dem Berg beweisen, dass es geht. Ich und der Berg. Da ist nicht viel zwischen. Es ist kein wirkliches Gegeneinander aber auch kein Miteinander. Der Berg ist da und ich bin da. Das Sein ist die Erfahrung, die die intensivste Spannung erzeugt. Wenn ich hinaufsteige, dann möchte ich ihn nicht bezwingen. Zu groß ist der Respekt vor der steinernen Eleganz, der Brutalität der Schönheit und der schroffen Stille. Dort, wo die Luft dünner wird und die Temperaturen fallen wie die winzigen Steine unter meinen Füßen. Ich möchte keine Flagge hissen und kein Kreuz in den Boden schlagen, wenn ich oben bin. Ich möchte einfach nur sein. Kälte und Regen spüren, Schneeflocken auf den Lippen und Hitze in jeder Pore meiner Haut. Weit weg von Bauten und Infrastruktur, die von Menschen errichtet wurde. Von Straßen und Geschäften, Restaurants und Klimaanlagen.

Alles, was ich dabei habe, ist in meinem Rucksack. Wasser, Brot, eine Karte, meine Kamera. Klingt nach Knast mit Aussicht und ist das Gegenteil: ultimative Freiheit.

Der Berg als Kathedrale mit den Stimmen der Natives

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Über den Wolken: Nebelküche zwischen den Bergspitzen am Chief Joseph Highway

Die Freiheit, seine Grenzen zu finden. Wenn der Proviant aufgebraucht ist, gibt es keinen Nachschub. Ich muss Kräfte, Schmerzen, Höhen und Klima austarieren. Doch ich setze mich nicht vorher hin und berechne es. Ich schätze es. Ich fühle es. Je mehr Berge, desto genauer wird es. Aus Fehlern lernt man. Hier oben. Denn der Berg verzeiht nichts. Er ruft, nur um dann zu verstummen. Er lacht nicht, er weint nicht. Er gibt keine Tipps vorab. Selbst wenn man versucht, ihn in Apps und topographischen Karten zu bestimmen und messbar zu machen. Doch die alpine Wahrheit liegt nicht zwischen Displays und Papier. Sechzehn Kilometer zu lesen, ist etwas vollkommen anderes als sechzehn Kilometer zu gehen. Und etwas vollkommen anderes, als sechzehn Kilometer gegangen zu sein. Zurück zu sein. Den Tag im Blut rauschen und in den Knochen knacken zu hören. Unter der Dusche zu stehen, Dreck von den Beinen zu spülen, Müdigkeit zuzulassen und zu wissen, dass man ihm begegnet ist. Dem Berg. Wie manche Menschen vielleicht Gott in der Kirche begegnen.

 

Bergwandern ist wie eine Pilgerreise – aber nicht zur Kathedrale hin, sondern auf dem Dach der Kathedrale selbst. Wenn ich zwischen klaffenden, braunen Canyons klettere, mich mit den Händen an spitzen Felsüberhängen festhalte und das Singen der Wildblumen spüre, dann weiß ich, woher die spirituellen Namen der Orte kommen, die die Native Americans vielen Bergen und Flüssen hier draußen gegeben haben. Dann kann ich ihre Panflöten hören und die magischen Wesen mit Gesichtern in den Felsen erkennen, die ohne geologisches Wissen wie mystische Bedrohungen wirken.

Der Sturm der Emotionen in den Tiefen der Berge

Schnee Beartooth Mountains, Rocky Mountains USA
Emotionen pur in den endlosen Bergwelten der Beartooth Mountains

Jeder Ort auf der Welt ist eine Schatzkiste aus Emotionen. Jeder Mensch empfindet anders darüber, zieht andere Verbindungen aus anderen Vergangenheiten. Doch kaum ein Ort ist so widersprüchlich wie ein Gebirge. Berge bieten Schutz, können sich in ein steinernes Nest verwandeln, Geborgenheit geben. Dann wiederum sind sie unberechenbar. Wetter ändert sich innerhalb von Minuten, Regen löst Fluten aus, rutschende Hänge. Gewitter. Schallender Donner, Blitzeinschläge. Blühende Wiesen, klares Trinkwasser in tiefen Seen, Abkühlung. Wahnwitzige Aussichten bis zum Ende der Welt. Begeisterung, Verzweiflung, Mut, Angst, Einsamkeit, Freiheit, Kampf. Überwältigung, Grenzgang.

 

Es gibt eine Million Gründe, wieso jemand den Ruf der Berge hört. Vielleicht ist es nicht der eine Grund, sondern ein halsbrecherisches Gemisch aus allem. Vom Willen, nach oben zu gelangen, sich zu testen, die einmalige Ästhetik der Natur zu finden, zu verstehen, zu spüren, zu sein.

 

Viele Menschen haben ihr Leben an Berghängen gelassen, sind abgestürzt, erfroren, verhungert. Viele haben es überlebt und sind zurückgegangen. Selbst der klassische Mallorca-Touri hat vermutlich schon mal von Reinhold Messner oder Edmund Hillary gehört. Sie für bekloppt erklärt. Vielleicht muss man neben Augen, Ohren, Nase und Mund auch einen Irrsinn haben, um die Sehnsucht nach Bergen verstehen zu können.

Denn die Sehnsucht nach Bergen ist auch immer ein Verlangen nach der Sehnsucht selbst. Nach der wilden Seite der Seele, so wie sie möglicherweise vor zehntausend Jahren einmal gewesen ist. Nach etwas Ursprünglichem.

Oder es ist die Tatsache, dass der Berg existiert. Und ruft. Statisch. Massiv. Stumm. Und dennoch so hochemotional.

Kommentare: 2
  • #2

    lonelyroadlover (Mittwoch, 31 Juli 2019 19:48)

    Ach Peter... irgendwie bin ich jetzt froh, dass mein Beitrag so krasse Emotionen ausgelöst hat aber habe auch aus Sympathie ein bisschen Pipi in den Augen. Ich kenne das verdammte Fernweh und Nichtwegkönnen. Ich habe von diesem Leben geträumt, seit ich 6 war und dann waren es noch verdammt viele Jahre bis zur Volljährigkeit und bis ich dann erstmal die Flocken zusammenhatte, um durchzustarten. Du wirst es schaffen!!
    Herzliche Grüße,
    Sarah

  • #1

    Don Pedro (Sonntag, 07 Juli 2019 11:11)

    Sarah,
    Deine Worte über Sehnsucht haben in mir eine Melancholie sondersgleichen ausgelöst. Ich muss fucking noch mal ... weinen. Ich habe solch verdammtes Fernweh ... und kann noch nicht weg.

 

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