Frische Tiny Home Besitzerin:

ich hab ein kunterbuntes Haus – und einen Vogel.

10. Januar 2019

Tiny Home Besitzer - Schlüsselübergabe, Baumarkt, fb:app_id
Schlüsselübergabe und blöde mit dem Zollstock fuchteln - yeah!

Der Wind pfeift mir durch jede Pore und Sprühregen legt sich wie ein Spinnennetz auf mein Gesicht. Ich stapfe den Schotterweg zu meinem neuen Haus hinunter. Es ist wenige Tage vor Weihnachten und ich habe gerade eben alle Verträge unterschrieben. Mein Tiny House. Endlich. Nach so vielen Überlegungen, Träumereien und Rechnereien. Das hellbraune Holzhaus steht auf einem kleinen Grundstück von 160 m². Mit Stellplatz, Garten und Terrasse. Ein eigener Garten! Ich könnte Tomaten anbauen. Oder Salat. Oder Uran. Ich grinse und singe leise „Mercedes Benz“ von Janis Joplin vor mich hin, während mir beinahe vor lauter Euphorie meine Papiere entgleiten und beim Nachbarn in der Hecke landen.

 

Am 5. Januar hole ich meine Schlüssel von der Vorbesitzerin ab. Obwohl das Haus in gutem Zustand ist, habe ich eine große Liste an Dingen, die ich gern verändern möchte. Einfach aus Spaß. Ich möchte mit Farbe werfen, zwei Millionen Bilder aufhängen und mir einen Papierhut aufsetzen. Aber bevor es dazu kommt, habe ich erstmal einen Buchfinken auf dem Kühlschrank und einen mittelschweren Lachanfall.

Meine ersten Gehversuche als Tiny Home Besitzerin.

Was ist eigentlich ein Tiny House?

Tiny Home, Mobilheim, Niederrhein, NRW
Da ist die Bude!

Ein Tiny Home. Was ist das eigentlich? Im Grunde ein Raumwunder. Eine ganze Wohnung mit allem drum und dran – Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Bad – auf kleinstem Raum. In einem Haus. Jetzt nicht so mit Plumpsklo und Haarewaschen mit Kernseife im Regen. Sondern mit richtigen Anschlüssen an die Zivilisation. Heißes Wasser, Strom, Internet. Nur dass mein Häuschen eben keine 150 m² hat, keinen Kredit erfordert und theoretisch sogar mit mir umziehen kann.

 

Das machen einige Tiny House Besitzer. Sie packen das Haus auf einen Tieflader und fahren es herum. Aber: Ein Tiny House ist kein Wohnmobil und kein Campervan! Nichts, womit man einfach mal eben an die Nordsee fährt, um in Amsterdam Blumen zu rauchen. Es ist ein Ort zum Leben. Und normalerweise steht es auch nicht auf Rädern, sondern wird abgeladen und auf sauberen Grund gesetzt. Ach ja: In Deutschland könnt ihr ein Tiny House meist nicht als Erstwohnsitz melden. Große Gesetze für kleine Häuser.

 

Will man es transportieren, kann man mit heftigen Kosten rechnen. Denn dafür muss meist ein Schwertransport angemeldet und genehmigt werden. Mit Begleitfahrzeugen. Das sind diese nervigen, orangefarbenen Vehikel, die blinkend wie eine Kirmesbude mit 60 km/h Rohre über die Autobahn verschiffen und dabei zwei Spuren gleichzeitig blockieren und alle anderen zur Weißglut treiben. Könnte lustig sein – aber nicht für 2.000 Euro. Die Transportkosten hängen übrigens stark von der Länge der Strecke ab und durch wie viele Länder oder Bundesländer ihr kommt. Manchmal braucht man für jedes Bundesland eine eigene Genehmigung.

Wie teuer ist ein Tiny House und wo bekommt man es her?

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Das Tiny Home und sein Besitzer - große Freude!!

Und weil mir das zu sehr nach Papierkrieg und offenem Feuer der Verzweiflung roch, steht mein Haus jetzt einfach auf einem schönen Grundstück im Grünen am Niederrhein. Dort, wo es auch die Vorbesitzer stehen hatten.

 

Ja, mein Tiny Home – oder Mobilheim – ist ein Gebrauchtfahrzeug-Haus. Eine Alternative wäre gewesen, sich selbst ein Haus zu zimmern. Was bei mir dazu geführt hätte, dass ich mich am Ende selbst aus Frust mit der Wasserwaage erstochen hätte. Ich kann einen Knopp annähen und ein Bild aufhängen. Das war’s.

Wenn man sich so ein Haus jedoch von einer Firma bauen lässt, ist man schon bei einfachen Varianten meist mit mindestens 20.000 bis 30.000 Euro dabei. Davon könnte ich mehr als zehn Schwertransporte bezahlen. Und einfach nur aus Spaß mit ihnen durchs Land fahren und Autobahnen verstopfen. Manchmal denke ich seltsame Dinge. Zum Beispiel, wie es wäre, eine Staumeldung im Radio zu hören und zu wissen, dass man sie selbst verursacht hat.

Da ich mein Geld aber nur für richtig geile Sachen aus dem Fenster werfe, beschließe ich am Ende, ein gebrauchtes Tiny Home für rund 15.000 Euro zu erstehen. In echt gutem Zustand mit gesamtem Mobiliar, das zum Teil erst vor wenigen Monaten neu angeschafft wurde.

40 m² mit voller Einrichtung

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Das Wohnzimmer mit Eck-Couch und Möbeln

Dabei ist eine komplette Küche mit Herd und Kühlschrank, in dem man Sauerkraut für eine ganze Armee einlagern könnte. Eine Waschmaschine, ein Schuppen voller Geräte mit Rasenmäher und eine Außenküche für Grillabende auf der Terrasse. Ein Wohnzimmer mit riesiger, gemütlicher Couch, ein brandneues Schlafzimmer mit Kingsize-Bett und Hipster-Lampen sowie ein Bad mit Dusche, Klo und Schränken. Der Boden ist mit modernem Holz verlegt. Auf etwa 40 m² verteilen sich Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad, Flur und Vorraum. Ganz so Tiny ist die Hütte dann also auch nicht. Aber bloß 2,10 Meter hoch. Da kratze ich mit meinen riesenhaften 1,63 Metern schon fast mit dem Haaransatz an der Decke.

 

Schon bei der ersten Besichtigung habe ich mich in das Haus verliebt. Ich spüre, dass ich hierher gehöre. Weg aus der Stadt. Zwischen Bauernhöfe, Felder und Wälder. Wo morgens die frühen Vögel ausflippen und nachts die Sterne vom Himmel fallen. Wo in Sommernächten die Grillen lauter sind als der Straßenlärm. Wo der Uhu wie in einem Horrorfilm ruft und ich in den erleuchteten Garten renne und dämlich „Hallo?!“ rufen kann, während mir jemand den Spaten überzieht.

Minimalismus, Konsum und die Bedeutung von Dingen

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Einmal kurz umziehen mit Kombi

Apropos Vögel. Es ist der 5. Januar und ich halte stolz die Schlüssel meiner neuen Butze in der Hand, während ich mit einem Zollstock kämpfe und ihn fast abbreche. Mein bester Freund Alex und ich sind dezent tot, weil wir schon seit sieben Stunden einen Haufen Kisten von A nach B und C transportiert haben. In mein Haus kommt nur das Minimalste. Ich habe zwei riesige Müllsäcke voller Vergangenheit weggeschmissen und fühle mich frei und leicht. Wenn ich eines brauche, dann nicht viel. Das Leben besteht für mich schon lange nicht mehr aus Dingen. Aus Besitz und Konsum. Ich lebe seit über zwei Monaten zur Zwischenmiete in einer WG auf 20 m² und habe bloß einen Schrank, ein Bett und einen Tisch. Viel vermisst habe ich bisher nicht.

Etwa drei große Kartons, eine Lampe, eine Gitarre, ein historisches Radio und ein paar Bücherkisten stehen nun in meinem neuen Haus. Umzug mit einem Kombi. Mit ein Mal Fahren.

Als wir gerade dabei sind, ein beklopptes Video für meinen Freund in den USA zu machen, schießt etwas durch die offene Tür. Wir schreien wie die kleinen Kinder und ich lasse fast mein Handy fallen.

Vogelkunde mal anders

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Geschafft vom Vogel und immer noch heftig am Ablachen - ich und Alex

„Ein VOGEL!!“, brülle ich manisch-panisch lachend. Das gibt es nicht! Ich habe seit ein paar Minuten die Schlüssel und das erste, was passiert, ist ein Vogel in der Hütte. Das Tierchen flattert wild im Vorraum herum, während wir uns wegducken und ich die Tür zum Wohnbereich zudonnere.

 

„Was machen wir denn jetzt?“, rufe ich atemlos, als das gefiederte Irrlicht auf dem zwei Meter hohen Kühlschrank landet.

„Keine Ahnung!“, erwidert Alex, ebenfalls kurz vor der Schnappatmung.
„Ich mache mal das Fenster auf“, sage ich.

„Ich halte mal die Tür auf“, sagt er.

„Ich fliege mal irre durch die Gegend und mische euren Plan auf“, denkt der Vogel und zieht eine Flugshow durch den ganzen Raum ab – natürlich ohne dabei die sperrangelweit offenen Notausgänge auch nur geringfügig zu beachten.

Schließlich sitzt er auf dem Rahmen des offenen Fensters.

 

Ich nähere mich. „Ein Buchfink“, stelle ich fachkundig fest. Ich mache immer mal wieder Vogelbeobachtung und ein paar von den Piepmätzen erkenne ich inzwischen. Nach dieser biologisch hoch bedeutsamen Erkenntnis, gucke ich den Vogel an und der Vogel guckt mich an. „Geh doch raus“, sage ich etwas verzweifelt. Dann düst er erstmal wieder auf den Kühlschrank. Ich habe neben der ganzen Situationskomik auch Angst, dass er sich verletzt.

Erste Herausforderung im Tiny House gemeistert

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Da ist das Ding!

Irgendwann bewaffnen wir uns mit einer Jacke und einem großen Konzertplakat von Chris Isaak und versuchen, dem Vogel dezent aber deutlich den Weg zu weisen. Klappt unheimlich gut. Er flattert wild, wir schreien, stoßen fast zusammen und stellen fest, dass uns fast die Hände abfrieren. Denn im Haus sind momentan die Leitungen abgedreht. Ich heize ja noch nicht, wo ich noch gar nicht hier wohne.

 

„Ich blute schon wieder“, jammere ich theatralisch und schaue auf meinen Daumen.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragt mein bester Freund, nach 15 Minuten erfolglosen Vogelfangs leicht lethargisch.

„Ich muss unbedingt gleich endlich eine verdammte Pizza essen – oder ich sterbe“, merke ich an. Dann besinne ich mich. „Aber vorher muss dieses Viech aus meinem Haus!“

 

Irgendwann hüpft das Tierchen tatsächlich vom Fensterrahmen in den Garten. „Mach alles DICHT!“, schreie ich und schlage zwei Fenster gleichzeitig zu, während Alex die Tür verrammelt, als stünde der atomare Weltkrieg bevor. Danach brechen wir schallend lachend am Tisch zusammen.

 

Ein Video von dieser Aktion könnt ihr übrigens auf meiner Facebookseite sehen.

 

Nun sitze ich wieder in meinem Zwischen-Apartment und schaue die Skizzen an, die wir hochprofessionell von den Räumen angefertigt haben. So kann ich anfangen, mit Farben, Tapeten und Dekoration zu planen. Ich sehe, dass Alex „Maßstab 1: Unendlich“ unten an den Rand geschrieben hat und muss schon wieder grinsen.

Jetzt geht es erstmal in den Baumarkt. Schlagbohrer, Kettensäge und Räumfahrzeuge kaufen. Winzige Übertreibung. Farbe, Malervlies und ein Pinseln reichen vielleicht auch vorerst. Willkommen in meinem neuen Leben als Tiny House Besitzerin. Mit Vogel.

Kommentare: 8
  • #8

    lonelyroadlover (Sonntag, 03 Februar 2019 22:35)

    Hey Desiree!
    Vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar! Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn jemand bei einem Bericht lachen konnte und mein Humor durchkommt. :) Ich habe so viel positive Energie und möchte sie gern weitergeben und ermutigen, den eigenen Weg zu gehen und keine Angst zu haben und auch mal über Fehler zu lachen. Könntest du dir denn auch mal vorstellen, in einem Tiny Home zu leben?
    Herzliche Grüße!
    Sarah

  • #7

    lonelyroadlover (Sonntag, 03 Februar 2019 22:17)

    Hallo Biggi!
    Schön, dich hier zu sehen. :) Lieben Dank für deinen Kommentar! Ich finde 38 m² total okay für zwei Leute. Was soll der ganze Wahn mit 200 m² Häusern und unendlichen Mieten und Krediten dafür, dass man ohnehin nur gleichzeitig in einem Raum sein kann??
    Man braucht wirklich nicht viel, wenn man einfach glücklich ist und nicht dauernd konsumieren und "haben" muss. Danke für das Teilen deiner kleinen Geschichte. Ich finde 38 m² großartig. Lass uns doch mal in Kontakt bleiben.
    Liebe Grüße,
    Sarah

  • #6

    lonelyroadlover (Sonntag, 03 Februar 2019 22:14)

    Sandra!! Boah echt, das mit diesen Federviechern ist doch nicht normal. Da kriegt man schon mal kurz die Krise. Leider war mein Alex ebenso verzweifelt wie ich. Kongenial. :D Lieben Dank für deinen Kommentar. :)
    LG
    Sarah

  • #5

    lonelyroadlover (Sonntag, 03 Februar 2019 22:13)

    Huhu Anke!
    Dankeschön für den lieben Kommentar! Ja, es wird langsam. Aber es gibt auch immer wieder Hürden. Ich sage dir noch Bescheid, wenn es nicht mehr aussieht wie nach dem Bombenhagel... :D Und die Heizung ist noch aus, genau wie das Wasser, weil ich ja noch nicht permanent dort wohne. ;) Da heißt es eben frieren. Aber nicht mehr lange.
    Liebste Grüße,
    Sarah

  • #4

    Prinzessin auf Reisen (Sonntag, 03 Februar 2019 12:41)

    Hallo Sarah,
    echt ein toller Beitrag und richtig lustig geschrieben.
    Seit ich auf der CMT mal ein paar Tiny Häuser besichtigt habe, bin ich total begeistert von dem kleinen Raumwunder.
    Viel Spaß in deinem neuen Heim.

  • #3

    Biggi (Samstag, 02 Februar 2019 20:24)

    Super schöner Beitrag! Finde ich großartig was du machst. Uns geht’s genauso. Wir leben auf 38qm und werden ständig gefragt, wie das denn ginge. Es geht sogar sehr gut. Wenn man sich mal überlegt, dass man gar nicht so viel braucht. Tolle Erzählung und lustig mit dem Vogel! Viel Spaß im neuen Heim! LG, Biggi

  • #2

    Sandra (Samstag, 19 Januar 2019 08:49)

    Wieder einmal sehr lustig geschrieben...und sehr spannend das alles.

    Ich bin auch total bekloppt mit Vögeln. Vor allem Vogel im zimmer.

    Mein Alex schnappt sich die mit der Hand und bringt sie raus. :-O

    Viel Spaß im neuen Zuhause.

  • #1

    Anke (Freitag, 18 Januar 2019 10:19)

    Liebe Sarah,

    toll, toll und nochmal toll. Ich beglückwünsche dich zum neuen Haus und will dich gerne baldmöglichst mal besuchen kommen.
    Hab eine wunderbare Zeit - und dreh ruhig mal die Heizung auf. Ist ja echt kalt gerade!!

    Herzlichst
    Anke

 

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