Moderne Kunst und das Feuer am Guggenheim – Railtrip Spanien II.

27. Februar 2022

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Schippern im künstlichen Wasser in der Stadt der Künste, Valencia

„Wir rudern da jetzt“, sagt mein Freund. Ich glotze auf das türkisfarbene Wasserbecken vor dem futuristisch-weißen, scheinbar halb versunkenen Gebäude L’Hemisfèric in Valencia. Es ist Januar und 22 Grad warm. Wir sind auf einem Railtrip durch Spanien und haben soeben das wundersame Barcelona hinter uns gelassen.

Rudern? Auf einem künstlichen Teich? Warum eigentlich nicht. Wir mieten uns eines der kleinen Boote und schippern auf die winzige, rechteckige Wasserfläche. Eine Touristenattraktion, die so bekloppt ist, dass man sie ausprobiert haben muss. Besonders, wenn man keinen Schimmer vom Rudern hat.

 

„Ich will auch. Gibt mal die Stöcke!“, sage ich unruhig. Mein Freund übergibt mir mit Gottgelassenheit die Paddel. Mit der Koordination eines Oktopusses nach drei Flaschen Gin laufen wir dann kurz darauf auch auf Grund. Zum Glück ist keine Hauptsaison und niemand hat’s gesehen.

 

Die Ciutat de les Arts i les Ciències, die Stadt der Künste und der Wissenschaften in Valencia, ist ein surreal anmutendes Areal.

Noch abgefahrener ist bloß das Guggenheim Museum in Bilbao, das wir am Ende unserer Reise erreichen. Dort wabert uns eine Nebel-Skulptur entgegen, aus der sich eine überdimensionale Spinne erhebt. Und nachts werfen sie hier mit Flammen.

Kommt mit zum zweiten Teil unserer Zugreise durch Spanien. Raus aus der klassischen Romantik südeuropäischer Altstadtgassen und rein in faszinierende, moderne Kunst, die viel mehr sein kann, als eine sinnlos beschmierte Leinwand, die jemand für 90 Millionen bei Sotheby’s ersteigert hat.

Valencia und die Stadt der Künste

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L’Hemisfèric - versunkene Gebäude oder moderne Architektur

Wir laufen eine Palmen-Allee hinunter. Ich schäle mich aus meiner Winterjacke. Während in Barcelona bei zehn Grad ein eisiger Wind geweht hat, ist in Valencia die Hitze ausgebrochen.

So ganz genau weiß ich nicht, was die „Stadt der Künste und der Wissenschaften“ sein soll. Aber das ist ja das Spannende am Reisen. Einfach mal hingehen.

 

Kurz darauf stehen wir vor weißen Kegeln und Bögen. Und vor Gebäuden, von denen eines in den Fluten künstlich angelegter Wasserbecken versinkt. Eine Oper, ein IMAX-Kino, das Wissenschaftsmuseum, ein Ozeanium und ein Gewächshaus ohne Scheiben gehören zu der langen Kette von Bauten, die im trockengelegten Flussbett des Turia liegen und zur „Stadt der Künste und Wissenschaften“ gehören. Das ist wieder typisch Mensch: Lass mal einen Fluss trockenlegen und dann Häuser mit künstlichen Wasserbecken reinbauen.

 

Es ist allerdings schwierig, die schneeweißen Konstruktionen der Architekten Santiago Calatrava und Félix Candela nicht gleichzeitig ziemlich cool zu finden. Besonders das L’Umbracle. Eine Reihe von Bögen, unter denen Palmen und Blumen blühen wie in einem Gewächshaus. Allerdings gibt es keine Schreiben und grüne Vögel fliegen einfach ein und aus. Es ist eine verrückte Illusion, weil einem das Auge sagt, dass so ein Bau ohne Fenster keinen Sinn macht. Etwas weiter hinten stehen verschiedene Globen zum Anfassen und Drehen. Zum Begreifen von Sternbildern und Jahreszeiten. Sonnenuhren und Pendel. Ich raste fast so aus wie Christoph bei der Sendung mit der Maus.

Madrid – kein Oberburner

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Der Kristallpalast in Madrid

Einige Tage später sind wir auf dem Weg nach Madrid. Ich muss ja gestehen, dass ich europäische Hauptstädte sammele wie Ostereier. Obwohl mich die Liste der Sehenswürdigkeiten in Madrid vorab nicht gerade vom Schemel gehauen hat, konnte ich da jetzt auch nicht einfach dran vorbeifahren.

 

Es ist klirrend kalt. Sogar mein Freund, der im Winter in den Rocky Mountains bei minus zehn Grad anfängt, darüber nachzudenken, eventuell eine leichte Jacke anzuziehen, muss noch einmal umkehren und sich dicker anziehen. Ich gehe derweil zu einem Platz mit zwei mäßig interessanten Springbrunnen und warte. Später finde ich heraus, dass der Platz zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten gehören soll. Mh.

 

Am nächsten Morgen gehen wir ins Museo del Prado, das zu den größten Kunstmuseen der Welt zählt. Von außen ist es eingerüstet und von innen darf man keine Fotos machen. Außerdem gibt es ziemlich viele riesige Gemälde von Jesus in sämtlichen Variationen am Kreuz und dicken Frauen. Irgendwie funkt es nicht. Der Louvre in Paris und das MoMA in New York haben mich mehr beeindruckt. Schließlich wandern wir noch in den Retiro-Park mit seinem Kristallpalast. Schön. Immerhin. Ansonsten bleibt uns Madrid als recht seelenlose, moderne Großstadt mit vielen Shoppingtempeln und Lärm in Erinnerung.

Bilbao: Aufstieg und das Airbnb im Brennpunkt

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Ziemlich beeindruckend: das Guggenheim Museum in Bilbao

Unsere letzte Station ist Bilbao. Zwischen Madrid und Bilbao gibt es nur wenige Zugverbindungen. Vielleicht, weil Bilbao mal das Berlin-Marzahn Spaniens war. Hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Sumpf. Doch davon ist – außer im Viertel San Francisco – kaum noch etwas zu sehen. Denn 1997 pflanzte die Guggenheim Foundation der Stadt ein aufregendes Museum an den Fluss. Das war zwar nicht der alleinige Grund für Bilbaos Wandel zur hippen Kunst-Stadt, doch das irre, metallische Gebäude, das ein bisschen an die Oper in Sydney erinnert, zieht jährlich eine Million Besucher an. Mehr als dreimal so viele Menschen, wie in Bilbao leben. Aber bevor wir da reingehen, gehen wir erstmal nach San Francisco. Da liegt nämlich unser Airbnb. Top-Lage sozusagen. Hab ich halt vorher mal nicht gegooglet, wo der Brennpunkt ist.

 

„Jetzt sind wir also in Bilboa“, sagt mein Freund, während wir an einem beschmierten Rolltor vorbeilaufen. Links und rechts lungern Menschen. Die meisten rauchen. Keine Zigaretten.

„Bilbao“, sage ich klugscheißerisch. Wie kommt er immer auf Bilboa?

Während wir an einer Gruppe Polizisten mit Knarren vorbeilaufen, betrachte ich die Gemüseauslage in einem kleinen Laden. Hier könnte man später noch was fürs Abendessen holen. Ich mache so, wie ich immer in leicht dubiosen Gegeneden mache: Ich tu so, als wäre nix. Und dann gehe ich unauffällig, aber zügig weg.

Immerhin ist das Airbnb der Knüller. Urige Backsteinziegel mit uralten Holzpfeilern in der offenen Raummitte und Badewanne mit Whirlpool-Funktion. Ich liebe es, hinter die Fassaden zu blicken. Ist immer anders, als man denkt.

Guggenheim-Kunst zum Staunen

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Begehbare Skulpturen von Richard Serra in Bilbao

Anders ist auch das Guggenheim Museum. „Moderne Kunst“, murmele ich.

„Vielleicht gehen wir auch ganz schnell wieder raus“, murmelt mein Freund. „Dann können wir uns ja noch was anderes in Bilboa angucken.“

Gerade als wir im Eingang stehen und unsere Online-Tickets vorzeigen, bekomme ich einen innerlichen Lachanfall. Bilboa. Rocky Balboa! Da kommt das her!

 

Drinnen leuchtet uns eine Video-Installation entgegen, auf der rote und blaue Worte an Säulen nach oben laufen. Dann steigen wir die Treppen hoch ins Obergeschoss. Es gäbe auch einen Aufzug, aber mein Freund findet, dass Aufzüge was für Loser sind. Und weil er 190 Jahre älter ist als ich, kann ich nicht kneifen. Oben stürze ich beinahe in eine Skulptur, weil ich sie für ein Sauerstoffzelt halte.

 

Im Guggenheim Museum darf man fotografieren. Mit einer fetten Kamera. Ich flippe aus. Besonders die riesigen Gemälde von Anselm Kiefer hauen mich um. Aber auch die hundert Marilyns von Andy Warhol, ein seltsames Video, wo dauernd etwas brennt und knallt, oder ein Kleid aus Neonröhren, das immer mal wieder arhythmisch blinkt. Außerdem gibt’s eine Wand voller zerschmissener Teller und Tassen, die mit Farbe übergossen wurde, haarfeine Grafiken, Schatztruhen und deformierte Discokugeln. Moderne Kunst. Boah ey. Richtig gut. Am Ende wandern wir noch durch riesige Stahl-Skulpturen von Richard Serra, in denen ich „Buh“ rufe, weil das Echo so gut ist. Dummerweise ist die Person, die mir dabei entgegenkommt, nicht mein Freund.

Ich tu so, als wäre nix. Und dann gehe ich unauffällig, aber zügig weg.

Nebel und Flammen am Guggenheim Museum

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Flammenwerfer am Guggenheim Museum Bilbao bei Nacht

Auch draußen ist das Guggenheim der Wahnsinn. Tagsüber breitet sich zu jeder vollen Stunde die Nebel-Skulptur der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya über der Bucht aus. Kalt legen sich die winzigen Tröpfchen auf die Haut im Gesicht und an den Händen. Daneben sitzt die neun Meter hohe Spinne „Maman“ von Louise Bourgeois, die nachts an allen acht Füßen leuchtet. Außerdem gibt es noch bunte Stahl-Tulpen, einen Blumen-Hund und Flammenwerfer. Die aber nur abends direkt nach Sonnenuntergang für rund eine Stunde – und auch alle vier Minuten je eine Minute lang.

 

Obwohl ich von den Flammen weiß, zucke ich zusammen, als sie plötzlich aus den Öffnungen im Wasser schießen. So laut, so fauchend, so zerstörerisch. Wie früher, wenn einem in Chemie der Bunsenbrenner umgefallen ist.

Tipp: Am besten bis zur vollen Stunde warten und die Flammen mit dem Nebel zusammen ansehen. Spektakulatius!

 

Zwei Wochen lang waren wir in Spanien mit dem Zug unterwegs. Die großen Städte lassen sich so entspannt und relativ günstig bereisen. Hier findest du den ersten Teil unseres Trips und weitere Spanien-Vibes:

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