„Bist du schon wieder weg?“ –

Aus dem Leben einer Vielreisenden.

28. November 2021

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Wer viel unterwegs ist, trifft viele komische Vögel

„Was, vier Monate?“, ruft mein Papa entsetzt, während er beinahe ein Stück Flammkuchen auf eine Ente schleudert.

Es ist Herbst 2016, wir sitzen in einem Biergarten in Oberhausen und ich habe gerade meine allererste Langzeitreise gebucht. Vier Monate kommen uns beide in diesem Moment vor wie vier Unendlichkeiten. Ich bin aufgeregt wie ein Schnitzel, während mein Papa mich schon mit einem Sargnagel im Kopf am Highway liegen sieht.

 

Was damals als einmaliger Lebenstraum geplant war, ist zu meinem Lebensstil geworden. Das Reisen hat mich nicht mehr losgelassen. Vor allem das Vielreisen und Langzeitreisen.

Als ich im Sommer 2021 nach Costa Rica fliege, fragt mein Papa mich, für wie lange.

„Zwei Wochen“, sage ich.

„Och, nur? Warum denn nicht wenigstens einen Monat?“

Ich muss lachen.

 

Oft und lange unterwegs zu sein, verändert nicht nur einen selbst und die Menschen um einen herum, sondern auch die Art, wie man lebt und reist, das Gefühl von Zuhause, den Freundeskreis und den Blick auf die Welt. Ein kleiner Einblick mit praktischen Tipps am Ende für alle, die eine längere Reise planen.

Vielreisen und Langzeitreisen: Was kommt ins Gepäck?

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Gepäck für fünf Monate - wo ist der Rest?

Mein Papa ist ein guter Seismograf, wenn etwas seltsam ist. Er hat dann immer diesen Blick, der unausgesprochen fragt: Biste scheel?

Als ich letztens für fünf Monate verreist bin, hatte ich einen Rucksack und einen Mini-Koffer dabei. „Und wo ist der Rest?“, fragt er und wirft mir diesen Blick zu.

Da ist kein Rest. Während ich vor zehn Jahren neben einem Rucksack und einer fetten Umhängetasche noch einen riesigen Wandschrank auf Rollen für einen dreitägigen Trip nach Berlin geschleift habe, hat sich mein Gepäck durch das viele Reisen extrem verringert. Und nee, ich werfe das nicht unterwegs im Landeanflug aus dem Flugzeugfenster. Ist ja keine Luftbrücke hier.

 

Je länger man unterwegs ist, desto mehr wird Gepäck zur Last. Und je mehr man von einem Ort zum anderen reist, umso mehr merkt man, wie wenig man überhaupt braucht, um glücklich zu sein. Früher hatte ich mehrere Paare Schuhe dabei, Kleider, Make-Up, Schmuck, große Flaschen Shampoo und ganz viel Kram, den ich aus dem Alltag zu Hause gewohnt war und für unverzichtbar hielt.

 

Heute wasche ich dieselben Shirts mehrfach – und manchmal auch mit Handwasch-Seife in dubiosen Motel-Spülbecken. Ich bin von Mode-Statements auf praktische Sachen wie winddichte, ultraleichte Hosen, die man mit Reißverschluss von lang in kurz verwandeln kann, umgestiegen. Macht das Teil gleichermaßen komfortabel bei 35 Grad im Regenwald und bei null Grad im Schnee. Und von Shampoos, Deos und Cremes gibt es oft Mini-Varianten in der Drogerie. Mit denen man überraschend lange auskommt.

Also: Viele und lange Reisen bedeuten nicht viel Gepäck, sondern eher weniger.

Viele Reisen: Wo ist das Zuhause?

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Airbnb in einer Kunstgalerie in Chicago

Seit rund fünf Jahren reise ich etwa sechs Monate im Jahr. Nicht immer am Stück. Manchmal aber schon. Die Millionen-Dollar-Frage ist: „Wann bist du denn mal wieder zu Hause?“

Eine Frage, die mich immer öfter nachdenklich macht. Ja, wo ist denn dieses Zuhause eigentlich? Und was ist es? Oft denken wir, das müsste ein fester Ort sein. Ein Gebäude. Eine Stadt. Eine Adresse.

Ich glaube aber, Zuhause ist immer da, wo man sich gut fühlt.

 

Natürlich bedeuten mir die Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne, besonders viel. Nach einer langen Reise zu ihnen zurückzukommen, ist definitiv „Zuhause“. Auch das Haus meiner Großeltern, wo ich aktuell wohne, ist ein echter Feel-Good-Ort. Da hatte ich als Kind einen selbstgebauten Sandkasten, hab Fußball gespielt und zu Ostern hat Oma überall Ostereier versteckt. Einmal sogar in der Waschmaschine. Ich erinnere mich noch, wie mein Opa ihr deshalb einen Vogel gezeigt hat und meinte: „Du bist doch bekloppt!“ Ich glaube, ich bin mit ihr verwandt.

 

Zuhause sind für mich aber auch die USA, wo mein Freund lebt. Zuhause ist ein Airbnb im Dschungel oder ein winziges Hotelzimmer in Tokio oder mein Gästezimmer bei einer Freundin in St. Louis oder ein Zelt in der Wüste. Je mehr ich unterwegs bin, desto leichter fällt es mir, mich fix irgendwo ein bisschen einzurichten. Zuhause ist da, wo ich glücklich bin. Und von diesen Orten gibt es überraschend viele in der Welt.

Langzeitreisen: Freunde überall in der Welt

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Freunde - wie Bobby aus Los Angeles - findet man viele auf langen Reisen

Und genauso, wie es viele dieser Orte gibt, gibt es auch viele dieser Menschen. Viel zu reisen, bedeutet nicht, einsam zu sein, sondern eher, viele Menschen kennenzulernen. Menschen, die einem guttun. Die einem überraschende Sichtweisen, Lebensweisen, Traditionen und Geschichten zeigen. Die einen mitreißen und auf so unfassbar nahe Weise bereichern.

 

Wir Deutschen sind oft so distanziert und kühl. In anderen Kulturen öffnen Menschen, die fast nichts haben, noch um Mitternacht weit die Tür und laden einen selbstlos ein.

Das sind dann keine Freundschaften, bei denen man sich gemeinsam im Club besäuft, sondern Freundschaften, die dankbar machen.

„Freunde? Du hast den doch nur einmal gesehen!“, könnte man jetzt sagen. Aber manchmal gibt einem die kurze Begegnung mit einem Fremden in der New Yorker U-Bahn, dem Mönch in den Bergen oder dem warmherzigen Gastgeber im Airbnb mehr, als jahrelange Bekanntschaften, die nur noch aus Gewohnheit vor sich hinplätschern.

 

Ziemlich cool finde ich es ja auch, Menschen von Instagram oder Blogs mal persönlich zu treffen. Das habe ich erst letztens wieder zwischen zwei Flügen bei einem neunstündigen Aufenthalt in Seattle gemacht. Durch all diese Menschen wird die Fremde kleiner und die Welt größer. Aber zugleich auch näher.

Rückkehr von einer Langzeitreise

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Abschied von der weiten Welt unf zurück nach Hause

Das Seltsamste nach einer längeren Reise ist immer der Geruch in der Wohnung. Kennt ihr das? Das ist irgendwas zwischen Ägyptergrab und der Butze aus Jumanji. Meistens reiße ich deshalb erstmal sämtliche Hüttenfenster auf. Dann will ich am liebsten das Gepäck abbrennen, weil ich überhaupt keine Lust habe, es auszupacken. Ein guter Trick ist, sein ganzes Zeug vor der Heimreise einmal zu waschen. Braucht man das immerhin später nicht mehr machen. Anschließend stehen Essen und Schlafen ziemlich hoch auf der Hitliste. Wobei ich bei Zeitverschiebungen durch den Jetlag meist die ersten drei Nächte erstmal Mittsommer feiere. Bis mindestens drei Uhr. Herrlich. 

 

Ansonsten fühlt sich die Rückkehr nach jeder Reise unspektakulärer an. Für ausreichend Entertainment bei der Ankunft sorgt immer mein Papa, der entweder am falschen Terminal steht oder das Auto nicht mehr wiederfindet (running gag!). Dann gibt’s Tiefkühlpizza und anschließend einige Tage Auszeit von irgendwelchen Pflichten, um Freunde und Familie zu besuchen.

Gerade, wenn man länger weg war, lauern danach aber ganz geballt Arbeit, Arztbesuche, Reparaturen am Haus und Briefe vom Sparkassenberater (Boah hallo, ich bin gerade nach 5 Monaten wieder zurück und habe echt keinen Nerv, ausgerechnet jetzt meine Altersvorsorge zu optimieren!).

Und wenn ich dann irgendwann einfach mal auf der Couch sitze, mit einem Tee und ein paar Fotos vom letzten Trip, kommt heimlich mein Papa um die Ecke: „Wann bist du eigentlich wieder weg?“

Gedanken und Tipps für Vielreisende und Langzeitreisen:

  • Je nachdem, wie lange und oft du weg bist, macht es eventuell aus Kostengründen Sinn, die Wohnung unterzuvermieten, sie aufzugeben, in eine WG zu ziehen oder sich nach einem Mobilheim/Tiny House umzusehen.
  • Statt mehrjähriger Verträge, die ich auch dann zahle, wenn ich gar nicht da bin, schaue ich nach kurzen Abos oder nutze Prepaid-Angebote. Vodafone hat zum Beispiel einen Router für die Steckdose. Wenn man ihn für einen oder mehrere Monate aussteckt, zahlt man für diese Monate auch nichts.
  • Wenn du Pflanzen oder Autos zurücklässt: Such dir jemanden, der regelmäßig gießt oder ab und zu mal die Pferdekutsche bewegt (Standplatten).
  • Gib unbedingt einer Vertrauensperson einen Zweitschlüssel für deine Wohnung. Es kann immer mal ein Rohrbruch oder ein kaputtes Fenster sein.
  • Hab jemanden, der deine Post öffnet oder lasse sie weiterleiten. Nichts ist ätzender, als eine jahrhundertealte Mahnung zu finden oder nach drei Monaten Dinge wie „bitte senden Sie uns innerhalb von 7 Tagen XYZ unterschrieben zurück“ zu lesen.
  • Wenn du Unsicherheit nicht magst: Plane zumindest ein paar kleine Dinge für die Zeit nach deiner Rückkehr voraus, damit du nicht in ein mentales Loch fällst.
  • Checke vor der Abreise, ob deine Ausweise und Bankkarten noch lange genug gültig sind.
  • Putze vor der Abreise einmal die ganze Bude. Nichts ist geiler, als später in eine saubere Wohnung zurückzukommen.

Bestimmt gibt es noch viele weitere Tipps. Wenn du magst, kannst du mir dazu was in die Kommentare schreiben. Leinen los!
Mehr dazu, warum und wie ich so viel reisen kann, findest du in meinem Artikel Digitale Nomadin: Ja verdammt, ich arbeite! Tacheles über Geld, Zeit und Reisen.

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