Wandern in Luxemburg: Schluchten, Wasserfälle und Fallera im Mullerthal.

10. April 2021

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Wunderbare Naturwunder im Mullerthal in Luxemburg

Meine Vorstellung vom kleinen Land Luxemburg war jetzt etwa so: Drei Kilometer lang, drei Kilometer breit, ’ne Kirche, ein Schloss und vier Bäume. Doch erst hat uns die Hauptstadt mit ihren Viadukten, Klippen und Altstadtgassen vom Sockel gehauen, und jetzt auch noch die spektakuläre Naturlandschaft.

Nachdem ich meinem Papa abends eine Mail mit Fotos von unseren Wanderungen geschickt habe, antwortet er: Ist das in den USA, oder was?

Denn als wir in der beliebten Wanderregion Mullerthal ankommen, ist nix mit vier Bäumen. Also ja, vier Bäume haben die da auch. Aber neben Wald gibt es Kalkquellen mit türkisem Wasser, Felsschluchten, in die man auf eisernen Leitern hinabsteigen kann, Farn, der wie Lianen von Abhängen baumelt und Brücken, die durch magische Flusstäler in Labyrinthe aus Stein führen.

 

Das Mullerthal ist nur 10 Kilometer von der deutschen Staatsgrenze und 35 Kilometer von Trier entfernt. Selbst für das gemeine Ruhrgebietstier sind es nur etwa 200 Kilometer. Fallera – wie kann das sein? Da fliegt man schon mal im Frühtau nach Japan und weiß nicht, dass bloß ein paar Kilometer von zu Hause das absolute Märchenzauberland liegt. Ich nehme euch mit zu einem weinenden Felsen, einem dreiarmigen Wasserfall und in die finstere Räuberhöhle in der Nähe der Hölle.

Tuff, tuff – türkise Teiche und tropfende Felsen

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Kalktuffquelle im Mullerthal im Morgenlicht

Die Straßen im Mullerthal sind schmal und gewunden, der Asphalt ist nass. „Wow, der kleine Fluss da unten mit den Gräsern am Rand – sowas habe ich noch nie gesehen!“, ruft mein Freund vom Beifahrersitz. „Mhm!“, sage ich enthusiastisch, weil vor mir ein Lastwagen mit zwei Stundenkilometern grummelt, während ein BMW hinter mir gern eine Nahaufnahme von meinem Kofferraum machen möchte. Schließlich rollt unser Auto charmant auf einen matschigen Parkplatz. Ich würde meinem Freund gerne sagen, dass wir uns jetzt eine Kalktuffquelle ansehen, aber ich habe keine blasse Ahnung, was das ist, geschweige denn, was es auf Englisch heißt.

 

Dann ist es aber auch egal, denn morgendliche Sonnenstrahlen brechen durch dünne Baumstämme an einem Hang und tauchen den großen, rötlichen Felsen vor uns in gleißendes Licht. Von der gesamten Breitseite des Felsens herab tropft Wasser über hellgrüne Moospolster in einen türkisfarbenen Teich. So etwas habe ich zuletzt an den Plitvicer Seen in Kroatien gesehen. Aufgeregt renne ich über die kleine Brücke und wieder zurück, während ich mit der Kamera fuchtele wie ein Ampelmännchen.

 

Auf einem Schild steht dann auch, was eine Kalktuffquelle ist: Wasser, das aus kalkhaltigem Grund stammt und den Kalk später an der Oberfläche ablagert, woraus dann mit der Zeit interessante Formationen entstehen. Die Mehrzahl von Tuff ist übrigens Tuffe. Keine Ahnung, warum ich das sage, aber es klingt lustig.

Der berühmteste Wasserfall in Luxemburg

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Der Schiessentümpel mit seinem dreiarmigen Wasserfall

Als Nächstes wandern wir zum Schiessentümpel. Er ist das Motiv, das Google ausspeit, wenn man Wanderungen in Luxemburg recherchiert. Ein dreistrahliger Wasserfall unter einer verwunschenen Brücke. Wir klettern über Holzsteige vorbei an Felsnasen bis hinunter zum Wasser. Meine Vermutung, dass es drei Wasserstrahlen sind, weil dort jemand drei Rohre verlegt hat, ist falsch. Tatsächlich hat die Natur durch den steten Fluss des Wassers drei Rinnen in einen monströsen Stein gefräst, sodass die Kaskade beim Fall in drei Teile gespalten wird. Die gebogene Brücke mit dem knorrigen Geländer und dem Moos zwischen den Steinen wurde 1879 gebaut. Vorher war das Mullerthal nur schwer zugänglich und man munkelte, dass die Region einem Urwald im „Land der Wölfe“ ähnlich sei.

 

Ganz ehrlich: Wenn man dort unten im Schatten der historischen Brücke steht, während das Wasser weiß schäumend in den hellblauen Tümpel schießt (Schiessentümpel – jetzt macht das auch mal Sinn!) dann ist diese Beschreibung genau das, was man hier fühlt. Es ist ein bisschen so, als würde gleich Schneewittchen auf einem Papierschiff hinter einem Stein hervorsegeln.

Luxemburgs geheimnisvolle Felsspalten

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Enge Felsspalten, durch die man kaum hindurchpasst

Unterwegs treffen wir immer wieder auf den Mullerthal Trail, der in seiner Gesamtlänge 112 Kilometer misst und als einer der besten Wanderwege Europas ausgezeichnet ist. Da aber selbst mein Freund, der immer rennt wie ein Wiesel und 25 Kilometer nicht weit findet, keine 112 Kilometer an einem Tag schafft, beschränken wir uns aus Ausschnitte des Trails. Einige führen in die geheimnisvollen Felsspalten des Mullerthals, die Ähnlichkeit mit einer Klamm in Bayern oder einem schmalen Canyon in den USA haben. Wie viele es davon hier gibt? Sehr viele. Und sie sind eng. Sehr eng. Während in einer Formation namens Eulenburg noch massive Steintreppen in die lichtdurchflutete Spalte führen, wird es im Rittergang schon etwas übersichtlicher mit der Sonne. Die Schlucht ist so eng, dass man teils mit beiden Schultern an die Seitenwände stößt („man“ ist übrigens nicht mal 50 Kilo schwer und bricht sich den Arm, wenn sie einen Tennisball werfen soll).

 

Richtig spannend wird es aber erst in der Kuelscheier – einer hundert Meter langen, stockfinsteren Passage, in der man ohne Taschenlampe echt am Arsch ist. Während mein Freund noch versucht, in der Finsternis fleischfressende Stolpersteine auszumachen, rufe ich laut „Huh!“, um zu sehen, ob es ein Echo gibt. Es gibt eins. Wie in einem Kellerverlies.

Für Menschen mit Klaustrophobie sind diese Spalten eine echte Herausforderung. Selbst ich musste einmal kurz Luft holen, als ich vor und hinter mir auf 50 Metern Länge nur die senkrechten Felswände in Schulterbreite sehen konnte. Von wegen vier Bäume und so.

Wandern in Luxemburg: Ab in die Hölle

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Einmal ein Abstieg in die Räuberhöhle, bitte!

Auf maps.me entdecken wir bei einer Pause Symbole für weitere Spalten und Höhlen in der Nähe. Ich klicke sie an und entziffere ihre Namen: „Totenkammer“, „Insel des Teufels“ und „Hölle“.

„Boah, da müssen wir hin!“, sagt mein Freund. Wir flitzen durch ein Steinlabyrinth zurück zum Auto und machen uns auf den Weg.

 

Bei etwas Nieselwetter und düsteren Wolken wandern wir kurz darauf über eine Stahlbrücke in einen Felskessel. Meterhoch ragen Monolithen aus Sandstein auf, dazwischen grünliche, alte Steinstufen, tropfendes Wasser und modderiges Laub aus dem Herbst. Es ist niemand außer uns hier. Zuerst wagen wir uns in die „Hölle“ – eine 55 Meter lange, sehr enge Höhle, die im Nichts endet. Was, wenn jetzt plötzlich ein Höllenfeuer auflodert. Nicht dran denken!

 

Danach schlängeln wir uns – teils seitwärts – durch weitere Spalten bis zur „Räuberhöhle“. Eine eiserne Leiter führt in ein schwarzes Loch. Bevor ich nachdenken kann, ist mein Freund bereits auf dem Weg in die Tiefe. „Es ist so dunkel hier, man sieht nix!“, ruft seine Stimme aus der Schwärze. Dann sehe ich den Lichtschein seiner Taschenlampe irgendwo auf der anderen Seite des Uranus.

Ich mag Leitern schon nicht besonders, wenn es hell ist. Entsprechend klettere ich wie eine Qualle über die dünnen, eisernen Tritte hinab. Außenrum gehen ist aber ausgeschlossen. Wer immer nur außenrum geht, hat nie innig gelebt.

 

Nach zwei tollen Tagen voller Wanderungen im Mullerthal machen wir uns auf den Weg zurück nach Deutschland.

Ich kann aus vollstem Herzen sagen: Fahr doch mal nach Luxemburg. Ist gar nicht so weit weg und hat definitiv mehr als vier Bäume – fallera!

 

Mehr über unseren Tag in der Hauptstadt Luxemburgs findet ihr in meinem Bericht Luxemburg: Hauptstadt im Märklin-Format.

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