Ich bin raus! Tausche verrückte Welt gegen weite Wildnis.

29. Oktober 2020

Wildnis in Wyoming, Nordstaaten der USA, Winter in Wyoming, Rocky Mountains
Einfach mal raus aus dem Getöse der verrückten Welt

Der Fluss ist glasklar und gurgelt über die Steine als hätte jemand Murmeln ausgeschüttet. An seinem Ufer leuchten die gelben Blätter der Bäume in der tiefstehenden Sonne. Vergängliches Blattgold. Am Horizont, wo das Gebirge den Himmel berührt, liegt ein violetter Schimmer und in den Gipfeln der Schnee, weich und weiß. Ein eisiger Wind fegt an einem Gesicht vorbei, wechselt sich ab mit wärmenden Strahlen.

Die Anzahl der Menschen, die ich sehe: null.

 

Ich bin im Hochrisikogebiet. Dem Land, das an der Spitze des Übels steht und in dem alles außer Kontrolle zu sein scheint. Weltweite Reisewarnung und so. Ich bin in den USA. Und obwohl ich deshalb im Hotspot des Superspreading und mit einem Bein im Grab stehen müsste, fühle ich mich so gut und so weit weg von der Welt wie lange nicht mehr. Was ich mir selbst verordnet habe: keine Nachrichten, keine Aufregung, kein Drama.

Hier im Bundesstaat Wyoming nahe der kanadischen Grenze leben 580.000 Menschen auf 250.000 Quadratkilometern. In Köln leben im Vergleich 1.000.000 Menschen auf 405 Quadratkilometern. Nein, mir sind nicht plötzlich auf der Tastatur die Zahlen ausgegangen.

Ich bin in der Wildnis. Es ist einsam, schroff und wunderschön. Keiner geht mir auf den Sack und das Getöse der verrückten Welt wird zum Hintergrundrauschen. Es ist der Moment, in dem ich weiß: Ich bin raus. Und das war dringend nötig.

Abgemeldet vom Wahnsinn

Shoshone River South Fork Wyoming, Herbst in den USA
Herbstlaub in Wyoming, Shoshone River

Es gibt Menschen, die melden sich einfach ab. Von Facebook und Instagram, von Newslettern und Abos. Weil es ihnen zu viel wird. Etwas, das ich als kreativer Kopf mit immanentem Rede- und Informationsbedürfnis lange kaum nachvollziehen konnte. Bis Corona kam und es auf einmal kein anderes Thema mehr gab. Klar, im ersten Moment ist so eine Pandemie die reinste Eskalation ums Klopapier – und um Menschenleben. Zwei Dinge, die für manche die gleiche Wichtigkeit zu haben scheinen. Nach gemeinsamem Singen und Klatschen auf Balkonen zerfaserten die Wochen aus Solidarität und Zuversicht allerdings mehr und mehr. Bis sie zwischen aufreibenden Meinungen pulverisiert waren. Zwischen Hysterie und Aluhüten, Restriktionen und Respektlosigkeit. Dazu das ständige Vergleichen von Zahlen, die wie Äpfel und Birnen nebeneinander liegen. Die Verbreitung von Theorien und Prognosen, die stündlich zwischen epischer Apokalypse und totaler Verharmlosung schwanken.

 

Seien wir doch mal ehrlich: Wir sind im Grunde popelige Wesen, die verzweifelt versuchen, zwischen Wissenschaft und Wut zu verarbeiten, dass wir weder allwissend noch unfehlbar noch unsterblich sind. Und vor allem bei Weitem nicht so wichtig, wie wir gerne wären.

 

Als ich dann in der unendlichen Weite der Prärie stand, wusste ich: Ich muss mich mal für eine Weile abmelden. Von diesem ganzen Wahnsinn. Von Newstickern und Statistiken, von Eil-Nachrichten und neusten Erkenntnissen. Ich muss einfach mal für eine Weile nur sein. Hier draußen, in der Wildnis.

Wild West in Wyoming

Bighorn Canyon, Bighorn Recreation Area, Rocky Mountains
Bighorn Canyon, schroff und einsam

Wyoming ist seltsam. Es gibt drei Monate Sommer mit bis zu 30 Grad und neun Monate Winter mit bis zu minus 30 Grad. Frühling und Herbst werden in wenigen Tagen abgehandelt, als wären sie Teil eines dringenden Schlussverkaufs. Nachdem ich Anfang Oktober heimlich durch das Schlupfloch Aruba in die USA eingesickert bin, habe ich es geschafft, die zwei Stunden zu erleben, in denen es Herbst war. Und was für ein Herbst! Der blaue Himmel weit offen, wie ein Dom, der sich über den Rocky Mountains wölbt. Endlose Straßen, goldgelbe Bäume, gigantische Federwolken und wilde Tiere. Bighorn Sheep, Rehe, Grizzly Bären und der Hintern eines Berglöwen (ärgerlicherweise habe ich mir gerade in dem Moment die Jacke im Auto ausgezogen und nicht richtig hingeschaut, als mein Freund an dem Löwen vorbeifuhr). Die Luft ist kalt, die Sonne strahlt und es riecht nach nassem Laub.

 

Die meisten Dörfer liegen Meilen auseinander und haben zwischen 300 und 1.000 Einwohner. Eine Tankstelle, eine Kirche, eine Bar. Manchmal scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Neonschilder weisen auf alte Kinos hin, in einer Bretterbude gibt es Schießgewehre und aus manchen Hausruinen wachsen Bäume. Menschen sieht man so gut wie nie auf den Straßen. Manchmal frage ich mich, ob das Ganze bloß eine ziemlich gute Kulisse für einen Western ist. In einigen Schaufenstern hängt ein Schild „open“. Doch drinnen ist es dunkel und niemand geht je hinein.

Mindestabstand mit 1,3 Millionen Kühen

Kühe auf dem Highway, Open Range, Wyoming, USA
Gemütliche Genossen - Kühe auf dem Highway

Es ist unfassbar weit, dieses Land. Auf 580.000 Menschen kommen 1,3 Millionen Kühe. Es ist also wahrscheinlicher, dass mir jemand mit „Muh“ antwortet, als mit irgendwelchen Nachrichten über eine kaputte Welt. Auch über den Mindestabstand muss man sich keine Sorgen machen. Höchstens über den zu wilden Bisons. Der lag aber schon lange vor Corona bei 25 Metern. Der einzig wirkliche Grund, sich hier die Hände zu waschen, ist dann auch, dass man in Matsch oder Bisonkacke gefasst hat. Meine Maske packe ich manchmal tagelang nicht aus, weil es nichts gibt, wo man reingehen könnte oder müsste.

 

Auf einmal sind die Gedanken frei. Sorgen und Ängste vergehen in den Nebelbänken zwischen den Berggipfeln.

Du bist nicht nur, was du isst; sondern auch das, mit dem du dich umgibst. Nein, nur weil Nachrichten und Meldungen 24/7 verfügbar sind, heißt das nicht, dass du dich 24/7 mit ihnen umgeben musst. Dass dein Handy dauernd Pop-Up News ausspeien muss. Dass du dir dauernd den Kopf zerbrechen musst über alles, was du gehört und gesehen hast. Dass du eine klare Position zu allen Problemen der Welt haben musst oder dich von unsäglichen Kommentarspalten in tiefe Depressionen stürzen lassen musst.

Raus aus der Hysterie – Besinnung auf das Leben selbst

Fernbeziehung mit Altersunterschied, Deutschland USA
Das Wichtigste im Leben ist, glücklich zu sein

Da bist du. Und dein Leben. Auch wenn wir nicht völlig autonom im Raum schweben und den ganzen Tag fröhlich Schokolade essen können, sollten wir uns darauf besinnen, manchmal ganz einfach nur bei uns selbst zu sein. Uns freizumachen von negativen Einflüssen, egal ob durch Medien oder Menschen. In den Wald zu gehen, die Blätter fallen zu hören und uns bewusst zu werden, dass wir nur dieses eine Leben haben.

 

Wenn wir auf dem Friedhof liegen, interessiert es keinen, wer am meisten Recht gehabt hat, wer die krassesten Schlagzeilen gelesen hat und wer am lautesten geschrien hat. Wenn wir auf dem Friedhof liegen, geht es nur darum, ob wir glücklich waren mit unserem Leben.

 

Weitere philosophische Entgleisungen und Inspiration findet ihr unter anderem in meinen Beiträgen

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