Zigaretten holen gehen:

Mach doch endlich!

19. Februar 2022

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Zigaretten holen gehen und nicht wiederkommen?

Neulich saß ich im Auto und bewunderte mal wieder ganz ausführlich den pittoresken Grünstreifen an der A fucking 46 im Stau nach Düsseldorf. Plötzlich lief ein deutscher Schlager im Radio. Ich höre nämlich immer den Oldie-Sender WDR4, weil Deep Purple und The Mamas and the Papas jetzt unter Oldies fallen. Hallo, geht’s noch? Egal. Auf einmal lief Udo Jürgens. Er zog die Tür zu, ging stumm hinaus ins neon-helle Treppenhaus. Es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit. Und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär': Ich müsste einfach gehen für alle Zeit.

 

„Ich war noch niemals in New York“. Den Song kennt fast jeder. Über den Typen, der darüber nachdenkt, Zigaretten zu holen, nicht wiederzukommen und dann sogar noch praktischerweise seinen Reisepass dabeihat (also ich nehm den nicht mit, wenn ich im Rewe Artischocken im Glas kaufe). Bah, was für eine Ausgangssituation! Dann hat er sogar noch die schlaue Idee, sich ein Taxi zu rufen und vermutet richtigerweise, dass irgendwie wohl noch irgendwas an diesem Abend nach New York fliegt. Aber was dann?

Richtig, nichts. Er geht wieder nach Hause. Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.

„Ja, dann mach doch!“, brülle ich auf einmal laut durch die Musik. Mein Fenster ist offen. Auf der Nebenspur glotzt jemand. Na und, lass sie doch glotzen. Geh doch endlich Zigaretten holen.

Schluss mit Traumtänzerei und Filmhelden

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Auf dem Dach meines Tiny Houses

Ich war auch mal so ein Traumtanz-Gangster. Mit einer Stadtwohnung an der Hauptstraße, Bausparvertrag und Job im öffentlichen Dienst. Kannste dir nicht vorstellen? Ich mir auch nicht. War aber so. Und lustigerweise wollte ich auch nach New York. Genauer gesagt durch ganz Amerika. Auf einem riesenfetten Roadtrip für mehrere Monate. Den Zeitplan hatte ich auch schon ganz groß in meinen Kalender geschrieben: irgendwann.

Das ist der Tag zwischen „Leck mich am Arsch“ und „Nie“.

 

Dann ist dummerweise meine Oma gestorben. Einfach so. Nachmittags 50 Kilometer Radtour. Nachts Schlaganfall. Morgens tot. Manche Dinge lernt man auf die miese Tour. Und manche Menschen lernen selbst daraus nichts.

Ich nahm meinen Kalender und riss die Seite heraus, auf der „Irgendwann“ stand. Kein Bohnerwachs und keine Spießigkeit mehr. No way, dass ich das neon-helle Treppenhaus wieder raufgehen würde. Es war Zeit, Zigaretten zu holen.

 

Wer meinen Blog und mein Buch kennt, weiß, dass ich meinen Reisetraum tatsächlich wahrgemacht habe und danach noch viele weitere, lebensverändernde Dinge passiert sind wie meine Selbstständigkeit, das ortsunabhängige Arbeiten und meine Fernbeziehung in die USA. Eine Entwicklung, die zeigt, dass es nach dem Zigarettenholen weitergeht. Anders als bei vielen Roadmovies, wo die Filmhelden mysteriös beim Abspann in den Sonnenuntergang reiten und man sich fragt: Ja, und wie finanzieren die das? Wo leben die? Was, wenn die krank werden? Und was ist mit der Familie?

Ich würde ja gerne, aber…

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Aufbrechen und weg - wie geht das?

Und genau das sind ganz normale, menschliche Ängste. Die uns davon abhalten, diese verdammten Zigaretten zu holen. Natürlich ist das vollkommen romantisierend, einfach mit dem Pass abzuhauen und nach dem Einkauf bei Aldi direkt zum Flughafen zu fahren. Wir haben Jobs, Krankenversicherungen, Kinder, Eltern, Wohnungen, Haustiere. Toten Basilikum in der Küche. Ich schweife ab. Da kann man nicht einfach sagen: „War nett mit dir, aber Mama kocht jetzt nie wieder was nach der Schule und schreibt dir stattdessen eine Postkarte aus Mauritius“ oder „Tschüss Chef, ich beziehe mein Einkommen demnächst aus dem Verkauf von kunstvoll bemalten Coladosen in meinem Van am Strand von Mexiko.“

 

Warum solltest du trotzdem Zigaretten holen gehen?

Weil jeder, der diesen Wunsch nachhaltig spürt, ein Leben führt, das ihn nicht glücklich macht. Und das ist scheiße. Oberscheiße sogar, denn das Universum hat uns leider nur mit einem einzigen Exemplar von diesem „Leben“ ausgestattet. Wenn dir jemand einen einzigen, entsetzlich wertvollen und einmaligen Diamantring schenken würde, würdest du ihn doch auch nicht das Klo runterspülen, oder? Du würdest ihn nutzen. Irgendwie. Tragen. Mit angeben. Verkaufen. Verschenken. Aber nicht verschwenden. Also tu es auch nicht mit deinem Leben. An die falschen Menschen, den falschen Job, den falschen Ort.

Wie du richtig Zigaretten holen gehst

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Ausbrechen, wegfahren, aussteigen - es gibt viele Möglichkeiten

Okay, verstanden. Und wie hole ich jetzt Zigaretten? Das geht auf zwei Weisen:

 

1) Einmal kannst du natürlich wirklich spontan und verrückt ins Auto, in die Bahn, aufs Fahrrad oder ins Flugzeug springen und mal ans Meer oder sogar nach New York donnern. Für einen Tag oder eine Woche. Vorausgesetzt, du hast mehr als drei Pfennig in der Tasche. Zigaretten sind eben bekanntlich teuer. Das kann total befreiend und entlastend sein. Einfach mal weg. Von Stress und Druck, Schlafmangel und Sorgen. Wie ein Ventil, um dich überhaupt mal wieder selbst zu spüren. Keine Langzeitlösung, aber ein kurzfristiges Aufatmen. Und das kann oft schon enorm helfen, sich danach wieder dem Alltag zu stellen. Bei Bedarf kann das auch öfter passieren oder sogar eine schöne Routine werden. Einmal in der Woche oder im Monat einen Tag an deinen Lieblingsort. Wo nur du zählst.

 

2) Wer wirklich ganz rauswill aus dem Leben, das er aktuell führt, dem ist leider mit „spontan und verrückt“ wenig geholfen. Wer dir anbietet, dir in einem zweistündigen, kostenlosen Online-Coaching mal eben schnell zu einem neuen Leben zu verhelfen, hat für mich einen an der Dachpappe. Sowas wirst du hier bei mir deshalb auch nicht finden.

 

Wer wirklich große Dinge langfristig verändern will, muss sich vor dem eigentlichen Zigarettenholen auf den Arsch setzen und das Gehirn anwerfen. Denn solche Veränderungen benötigen in der Regel einigen Vorlauf, Ersparnisse, Mut und Pläne.

Kleine Schritte aus dem Treppenhaus – das Anfangen zählt

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Sprich über deine Pläne und Ideen

Puh, das klingt groß und anstrengend. Am Anfang stehen aber erstmal Fragen, die man sich ganz einfach und an jedem beliebigen Tag am Küchentisch stellen kann: Welchen Job würde ich viel lieber ausüben als den aktuellen? Welche Fähigkeiten und Leidenschaften habe ich bereits? Es ist immer viel leichter, sich beruflich zu verändern, wenn man für etwas brennt. Mach eine Liste oder frag Freunde, welche Talente sie an dir bewundern. Oft sieht man das selbst nicht.

 

Mach dir eine Liste mit deinen Ausgaben, laufenden Kosten und Ersparnissen, um ein realistisches Bild von deiner finanziellen Lage zu bekommen. Klingt nicht idyllisch, aber ohne Moos ist oft nix los. Allerdings habe ich mir meine USA-Reise damals über fast 20 Jahre angespart – mit Fünf-Mark-Stücken als Siebenjährige. Es ist möglich. Auch mit wenig. Echt jetzt.

 

Sprich mit deiner Familie, deinem Partner und deinen Freunden. Vieles geht leichter, wenn sie eingeweiht sind in deinen Zigarettenkauf und dich unterstützen. Wenn sie das nicht tun, ist es möglicherweise an der Zeit, dich von einigen Menschen zu trennen. Denn du lebst nicht für sie, sondern für dich. Hast du kleine Kinder oder einen Pflegefall, dann hilft auch da ein Gespräch mit allen Beteiligten. Eine Bekannte von mir geht aktuell für mehrere Monate zum Studieren nach Südkorea. Sie hat einen kleinen Sohn, aber gemeinsam mit der Familie und dem eher ungeliebten Ex-Mann (!) eine Lösung gefunden. Es ist möglich. Echt jetzt.

Was du jetzt als Erstes machst

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Ein neuer Tag - ein neuer Anfang

Das Geheimnis am Zigarettenholen ist, dass du nach dem Entschluss nicht wieder zurück in das scheiß Treppenhaus gehst wie der Knilch bei Udo Jürgens. Du musst nicht gleich in dieser Sekunde mit dem Pass wegrennen, aber du musst gleich in dieser Sekunde irgendetwas tun, das der erste kleine Anfang für eine große Veränderung ist.

 

Bitte deinen Chef oder einen Freund um ein Gespräch und setze sofort ein Datum fest, damit du es nicht wieder nicht tust. Wirf etwas weg, reiß etwas aus dem Kalender, investiere in etwas, sprich etwas laut vor Zeugen aus. Sofort.

 

Der erste Schritt aus dem Treppenhaus ist der Schwerste. Weil alles neu ist. Weil Menschen nicht gut auf Veränderungen können. Aber auch wenn du dich nicht daran erinnerst: Du hast mal Laufen gelernt. Bist hingefallen. Wurdest wieder aufgerichtet. Hast geblutet. Du hast dich vom Baby in einen Erwachsenen verwandelt. Ohne, dass du es aufhalten konntest. Der untrügliche Beweis, dass du Veränderung kannst. Also geh los. Tür auf. Ab ins Treppenhaus. Du kannst das.

 

Mehr Motivation findest du auch in meinen Beiträgen:

Kommentare: 2
  • #2

    Lonelyroadlover (Sonntag, 20 Februar 2022 12:08)

    Hey Peter,
    schön, von dir zu hören. :) Dann wünsche ich dir eine superschnelle Genesung und dass es für dich ab Mitte 2022 endlich richtig losgeht. Du kannst die Zeit ja noch super für Pläne und Recherchen nutzen oder um Kontakte zu Menschen an Reiseorten herzustellen und was man sonst noch alles so machen kann, um sich an der Vorfreude zu erfreuen.
    Alles Gute - ich warte auf die Postkarten! ;)
    Sarah

  • #1

    Don Pedro (Sonntag, 20 Februar 2022 10:26)

    „Hai“ Sarah,
    das ist wieder ein geiler Weckruf, dem ich - nach OP und Genesung - ca. Mitte 2022 ENDGÜLTIG folgen werde.
    Die Warterei ist für mich unvorstellbar quälend.
    Ich bin aber schon gespannt wie ein Flitzebogen. ����

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