"Ich Liebe New York aber mein Herz Gehört Chicago."

4. Mai 2017

Laternen und eine alte Uhr in Downtown Chicago
Back in 1920: Downtown Chicago

Krachend fährt die silberne Hochbahn auf den golden schimmernden Eisenträgern dahin – zwischen ockerfarbenen Art-déco-Gebäuden, Messingschildern und orangefarbenen Laternen, die sich in den Pfützen auf dem brüchigen Asphalt spiegeln. Glasfassaden verschwinden im Nebel, die verschnörkelten Zeiger einer großen Uhr an der Straßenecke scheinen hier besonders langsam zu laufen. Chicago: eine Zeitreise; die Straßen voller Musik. Eine Stadt aus Feuer, Wasser und Wind.

 

Schon der Flug von Buffalo nach Chicago nimmt vorweg, was mich hier erwartet: Sturm. Wie auf einer Straße mit Schlaglöchern schiebt sich das Flugzeug durch die Wolkenschichten. Meine Heimat für die anstehende Woche wird der mexikanisch geprägte Stadtteil Pilsen, wo ich privat in einer Kunstgalerie wohnen werde. Mit einer dicken, schwarzen und extrem plüschigen Katze und einem Künstlerehepaar. Am ersten Tag regnet es so stark, dass mir fast mein billiger Schirm wegfliegt, den ich in Washington gekauft habe. Danach wird es bei rund sechs Grad leidlich besser.

Architektur-Wunder: Das grosse Feuer von Chicago

Bloggerin vor der Skyline von Chicago
Kalt, windig aber einfach fantastisch: Hello Chicago, I love you!
Aber wozu braucht eine Stadt, die scheinbar ein permanenter goldener Schimmer umgibt, schon Sonne. Von der Architektur her ähnelt Chicago definitiv New York. Der erste Wolkenkratzer wurde übrigens in Chicago gebaut! Überhaupt sieht die Stadt heute nur so aus, wie wir sie kennen, weil 1871 ein großes Feuer, das sich über sechs Kilometer (!) hinzieht, einen riesigen Teil der Stadt verwüstet. Über 300 Menschen sterben, 100.000 sind obdachlos. Das Feuer kann sogar den Fluss überwinden, da sich darin aufgrund der vielen Schlachthäuser tierisches Fett als Abfall befindet – das Wasser fängt Feuer. Nur wenige Tage später sieht Chicago aus wie einige deutsche Großstädte nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Konsequenz: keine Holzhäuser mehr! Architekten erfinden die ersten Stahlkonstruktionen, die wir heute von Hochhäusern kennen. Allerdings verkleiden sie die Stahlträger mit dicken Steinen, weil die Leute Angst vor der neuen Bautechnik haben und daher lieber etwas Gewohntes sehen wollen. Wer heute durch Chicago läuft, entdeckt zahlreiche Bau-Epochen, charmante Details und eine Atmosphäre, hinter der sich New York eindeutig verstecken kann.

Architektur in New York

Ist Chicago gefährlich?

Das Cloud Gate in Chicago, The Bean
Das Cloud Gate - magisches Auge in Downtown

Auch relativ neue Bauten, wie der komplette Millenniumpark – mit dem beeindruckenden Cloud Gate – der erst 2004 eröffnet wurde, passen perfekt ins Stadtbild. Glitzernd bricht sich die Skyline abends im Edelstahl der großen Bohne. Wasser stürzt vom Crown Fountain mit seinen projizierten Gesichtern. Wer übrigens glaubt, dass hier nachts Al Capone um die Ecke schielt und die Stadt schießwütig in einen Moloch verwandelt, liegt falsch. Zumindest in Downtown wird man im Dunkeln eher gefragt, ob man Hilfe mit dem Stadtplan braucht, als dass man eins über die Rübe gebraten bekommt.

 

Für mich persönlich ist die Musikszene ein großes Highlight. Die Stadt des Blues und Jazz! Nach einer Jazz-Session von Studenten einer Musik-Universität schaue ich mir am verregneten Sonntagvormittag bei einem Kaffee die Bluesband von Mike Wheeler in der „River Roast“ Bar an. Ich lasse die Gedanken schweifen und blicke durch die große Fensterfront auf das Wasser des Chicago Rivers, in das Regentropfen schlagen. An einem anderen Abend mache ich die legendäre Bluesbar „Blue Chicago“ unsicher. Der Türsteher ist ein massiver Schwarzer, der mich vermutlich mit dem kleinen Finger umschubsen könnte. Stattdessen lässt er mich natürlich – für Chicagoans typisch mit rauem aber herzlichem Gebrummel – ein.

 

Faszinierende Aussicht vom Hancock Center

Chicago vom Hancock Center aus gesehen
Blick vom Hancock Center
Was sollte man hier also unbedingt sehen? Alles! Diese Stadt ist eine Schatzkiste aus Architektur, wunderschönen Parks, Kunst und Musik! Für einen Blick von oben empfehle ich das Hancock Center und den Sun & Stars-Pass, mit dem man gleich zwei Mal innerhalb von 48 Stunden auf das Skydeck in den 94. Stock fahren kann. Wie auch beim Empire State Building in New York habe ich hier auf den Sears Tower als Aussichtsplattform verzichtet, weil ich beide Gebäude selbst auch als Teil der Skyline sehen wollte. Die Architecture River Tour mitten durch die Stadt mit der Fähre ist ebenso beeindruckend wie ein Strandspaziergang am North Avenue Beach.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich irgendwann auf meiner Reise eine ältere Dame traf. Sie sagte: „I love New York but my heart belongs to Chicago”. Dazu von mir ein klares: JA! Chicago, you got me.

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