Wien & Budapest: Auf dem Schleudersitz in die Alte Welt.

29. Dezember 2019

Parlament Budapest, Architektur Europa
Wunderschönes Osteuropa

Düsseldorf. Wie eine goldene Münze geht die Sonne am Horizont unter und hinterlässt ein Tortenstück aus pinken, roten und gelben Schichten am Himmel. Ich vergesse kurz, dass ich eigentlich Todesangst habe und schieße ein paar Fotos durch das kleine Flugzeugfenster. Der letzte große Trip des Jahres. Mit dem Zug durch Osteuropa. Mit meinem Lieblingsmenschen, den ich fast zwei Monate nicht gesehen habe. Wir landen fast zeitgleich von zwei Enden der Welt aus am Flughafen in Wien.

„Und was machen Sie so in Wien?“, bayert mein Sitznachbar auf halber Strecke.

„Ich treffe mich mit meinem Freund, der in den USA lebt. Wir machen eine Tour durch Osteuropa“, erwidere ich ruhrspöttisch.

„Na, Wien ist aber nicht Osteuropa!“, beschwert er sich dezent pikiert.

„Ach. Alles, was östlich von Deutschland liegt, ist doch irgendwie Osteuropa“, kläre ich ihn geographisch-fröhlich auf. Findet er nicht lustig. Dann schießen wir durch dicke Wolken auf die österreichische Hauptstadt zu.

„Ganz schön beschissenes Wetter hier!“, sage ich. „Was machen Sie denn eigentlich in Wien?“

„Ich wohne da.“

 

Nur knapp entgehe ich der direkten Verarbeitung zu Weißwurst und stehe wenige Minuten später in der Ankunftshalle, wo ich wildfremde Leute angrinse wie der Weihnachtsmann, während ich auf meinen Freund warte. Der Beginn einer wundervollen Reise zwischen silbernen Schlössern, Brücken im Nebel, geheimnisvollen Kaffeehäusern und der schönsten Weihnachtszeit meines Lebens.

Fernbeziehung mit Flughafen-Ausraster

Fernbeziehung, USA Deutschland, Liebe
Wiedersehen am Flughafen ♥

Nervös trommel ich mit den Fingern auf dem hölzernen Geländer im Ankunftsbereich herum. Mein Freund ist vierzig Minuten nach mir gelandet und ich starre mit hypnotischem Lächeln auf die Türen der Zollkontrolle. Mein Herz ein Hühnerstall. Ich muss dringend aufs Klo aber ich kann jetzt hier nicht weg. Zwei Monate ist es her, dass wir uns gesehen haben. Flughäfen. Die zugleich schönsten und verhasstesten Orte in einer Fernbeziehung. Dann sehe ich ihn. Fast reiße ich eine Fahne ab, als ich ihm entgegenrenne. Manche Momente sind so schön, dass sie fast nicht real zu sein scheinen. Wir hüpfen herum wie Flummis und ich habe das Gefühl, ich wäre auf Koks. Dann fahren wir ins Zentrum, während mein Freund unterwegs versucht, die Namen der Zugstationen zu lesen. „Du hast einen echt niedlichen amerikanischen Akzent!“, sage ich.

Er rollt mit den Augen. „Ich versuche hier, mir Mühe zu geben!“, erwidert er streng. Ach so. Ich beschließe, für ein paar Minuten zu Klappe zu halten, um nicht noch mehr Menschen an diesem Tag zu insultieren.

Mit Eisfüßen durch die Wiener Altstadt

Sünnhof-Passagen Wien, Weihnachten in Wien
Weihnachtliches Wien in den Sünnhof-Passagen

Am nächsten Morgen sind wir in der Altstadt unterwegs. Es ist schweinemäßig kalt. Ich deute mit eingefrorenem Zeigefinger auf den Stephansdom und mein Freund ist von dem bunten Schindeldach beeindruckt. Außerdem fragt er, wieso ein riesiges Cola-Plakat an dem Gerüst hängt.

„Echt! Osteuropa ist auch nicht mehr das, was es mal war!“, kommentiere ich ernst.

 

Wir sparen uns die Flocken für den Fiaker und laufen zur Hofburg, wo ich die Karte so dermaßen falsch halte, dass wir das Gelände ungefähr sieben Mal aus allen Richtungen sehen, bevor wir mit abgestorbenen Füßen ins Schmetterlingshaus flüchten, das auch im Winter geöffnet hat. Im Eingang befindet sich ein Glaskasten mit einer langen Reihe an Puppen. Gerade als wir hinschauen, entfaltet sich aus einer ein neuer Schmetterling. Durch die Halle schweben große braune Falter, die bei geöffneten Flügeln blau wie der Himmel sind. Am Abend streifen wir über den Weihnachtsmarkt an der Karlskirche, die zu meinen Lieblingsorten in Wien zählt. Die gewundenen Säulen links und rechts der Kathedrale erwecken einen beinahe orientalischen Eindruck.

Glühwein an der Karlskirche

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Die Karlskirche in Wien - immer schön, besonders zu Weihnachten

„Wir trinken jetzt Glühwein“, beschließe ich. Mein Freund hadert noch mit dem Ü, als ich schon zwei Tassen bestellt habe. Eine mit echtem Glühwein und eine mit Punsch.

In den USA gibt es nichts, das mit den Weihnachtsmärkten in Europa vergleichbar wäre. Viele Reisende kommen extra zu dieser Jahreszeit nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz – nur wegen der Märkte. Mein Freund freut sich einen Keks über die Holzbuden, die Musik und das Kunsthandwerk. Ich beginne, die Szenerie durch seine Augen zu sehen und sehe das erste Mal seit Jahren nicht bloß „schon wieder einen Weihnachtsmarkt“. Schön.

 

Nach einem ersten Tasting findet er übrigens auch, dass Glühwein im Grunde scheiße schmeckt und Kinderpunsch definitiv was für sich hat. Nachdem ich sage, dass ich manchmal von relativ wenig Alkohol relativ schnell angetüselt bin, möchte er mir den Glühwein unterschieben. „Dann schleppe ich dich ab und nehme dich mit ins Hotel. Ho ho ho“, sagt er und imitiert einen urkomischen texanischen Akzent.

Ich sehe ihn schief an. „Na, das würde ja sonst auch überhaupt nicht passieren!“

Wir lachen so laut, dass das restliche Zelt denkt, wir wären hackedicht.

Schlösser und Todesschleudern – Schönbrunn und der Prater

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Die Gloriette auf Schönbrunn

„Es gibt zu viele Schlösser in diesem Wien!“, beschwert sich mein Freund am nächsten Tag, als ich versuche, ihm zu erklären, dass Schönbrunn nicht Belvedere ist. Dann fahren wir einfach hin. Vor der goldgelben Fassade wiegt sich ein riesiger Tannenbaum im Wind. Lila Wolken hängen tief über dem majestätischen Schlosspark. Oben auf dem Hügel im diesigen Nebellicht schimmert die Gloriette. „Wahnsinn!!“, ruft mein Freund und macht Fotos wie ein Japaner. Auch wenn ich weder Schönbrunn erbaut habe, noch stolz auf irgendein verschissenes Land bin, freue ich mich unheimlich, ihm „mein Europa“ zeigen zu können. Wir wandeln durch die Gartenanlage und blicken auf Wien hinab.

 

Am Abend zieht es uns zum Prater.

„Ich habe schon was gesehen, mit dem ich unbedingt fahren will“, sagt mein Freund.

Klar, das Riesenrad.

Wenig später stehen wir vor einer Todesschleuder mit dem Namen „The Booster“. Ein 60 Meter langer Dreharm mit zwei Sitzgestellen an jeder Seite, der auf 100 km/h beschleunigt und einen kopfüber in den Abendhimmel von Wien katapultiert. Als wir in die Sitze geschnallt werden und der Typ im Kassenhaus dämlich grinst, frage ich mich kurz, warum ich keinen normalen Mann habe. Dann fällt mir wieder ein, dass ich keine normale Frau bin. Wir schießen scheinbar schwerelos über den Prater. Ich überlege, wie weit mein Mittagessen wohl fliegt, falls ich brechen muss. Doch dann ist es einfach nur unfassbar schön. Ich sehe das popelige Riesenrad von oben und muss lachen.

Der Charme der alten Welt in Budapest

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Unsere Wohnung in Budapest

Mit der österreichischen Bahn fahren wir in knapp zwei Stunden von Wien nach Budapest. Zugfahren in Europa ist fabelhaft einfach und weitaus günstiger als ein Trip mit dem Auto – wenn man früh genug bucht und viele große Städte miteinander verbinden will.

Die weiße Eleganz Wiens erwandelt sich in goldbraunen Charme der alten Welt. Unsere Gastgeberin öffnet die metallisch-verschnörkelte Tür zur Wohnung. Die Wände sind dunkelrot. Vom Stuck herab hängt ein riesiger Kronleuchter und die Decken sind so hoch, dass ich beinahe ein Fernglas brauche. Als wir alleine sind, schmeiße ich erstmal etwas Musik von unserer gemeinsamen Roadtrip-Playlist an und wir tanzen in unserem monströsen Wohnzimmer über das abgetragene Parkett. Ich liebe Budapest schon, bevor ich es gesehen habe.

Dabei gibt es viel zu sehen. Auf dem bunten Mosaik-Platz vor dem Stephansdom (ja echt – die haben auch einen!) stehen heimelige Buden mit unechten Schneedächern. Wir stöbern durch Holzkunst und beraten über unser zukünftiges Haus. Von dort aus laufen wir hinunter zur Donau, die wie hinter einem durchsichtigen Vorhang aus Nebel liegt.

Sitz der Eiskönigin – das Parlament von Budapest

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Das Parlamentsgebäude von Budapest im Nebel

Grau und mächtig schiebt sich der breite Fluss mitten durch die Stadt und teilt sie in Buda und Pest. Nein, das ist keiner meiner blöden Witze. Und außerdem sind wir jetzt echt in Osteuropa. Ich bin verzaubert von der Atmosphäre. Auf der einen Seite der Donau türmt sich die Burgfestung mit bunten Kirchtürmen auf. Auf der anderen Seite verschlägt es einem heftig den Atem. Denn dort erhebt sich das riesige, weiße Parlamentsgebäude mit den roten Dächern wie der Palast einer blassen Eiskönigin. Ich habe schon viele Städte und Orte in Europa gesehen – aber dieses Gebäude ist herausstechend mit seiner fragilen Massivität. „Wow“, sage ich leise. „Das ist der Grund, weshalb ich immer nach Budapest wollte.“ Wir stehen eine Weile einfach nur da und sehen es an. Die Symmetrie. Die Schönheit.

Am Abend sind wir zurück. Die Mondsichel scheint über der nun dunkelblau schimmernden Donau, die durch vorbeigleitende Schiffe im Schatten der Straßenlaternen in tausend Diamanten gebrochen wird.

„Es gibt so viele wunderschöne Orte auf der Welt“, sage ich leise.

Mein Freund nimmt mich in den Arm. „Und wir werden sie alle sehen.“

Ermordet und ins Wasser gestoßen

Mahnmal am Donauufer, Budapest, Juden, 2. Weltkrieg
Mahnmal Schuhe am Donauufer

Nicht gerade riesig aber dafür umso bewegender ist ein Kunstwerk und Mahnmal gleich am Fuß des Parlaments. Schuhe am Donauufer“ heißt es. Rostige und sehr real wirkende einzelne Schuhe liegen scheinbar willkürlich verstreut an der Kante der Promenade, die zum Wasser führt. Dazwischen Kerzen, Rosen und ein Herzluftballon der stumm hin- und herflattert. Das Denkmal steht für die ermordeten Juden im Zweiten Weltkrieg, die hier erschossen und dann in den Fluss gestoßen wurden.

 

Es ist kalt an diesem Ort. Nicht nur, weil es Mitte Dezember in Budapest ist. Menschen. Was Menschen anderen Menschen antun, ist manchmal so unfassbar, dass einem die Worte ins Wasser gleiten wie die Körper der Opfer. Geschichte zu lesen ist wichtig. Geschichte zu fühlen, dort wo sie passiert ist, ist wichtiger. Bedeutsamer. Was du einmal gefühlt hast, lässt dich nicht mehr los.

Weinplörre in der Zeitschleife

Café Zsivágó Budapest, Cafes in Budapest
Zauberhafte Stimmung im Café Zsivágó

Den letzten Abend verbringen wir in unserem Lieblingskaffeehaus – dem Café Zsivágó. Auf zwei Stockwerken scheinen die Zeiger der Uhren zu Staub zerfallen zu sein. Unzählige kleine gelb leuchtende Lampen, rote Teppiche mit Muster, Stühle und Tische aus dunklem Holz mit unterschiedlichem Design. Uralte Radios, feines Porzellan, gehäkelte Tischdecken. Und einfach mal die beste heiße Schokolade des Universums.

Schon zwei Mal waren wir hier zum Frühstück und haben uns Kaviar bestellt. Einfach so. Weil wir es können. Und es war verdammt lecker. Doch um 20 Uhr ist uns eher nach Rotwein.

„Lass mal die ungarische Art bestellen“, schlägt mein Freund vor.

Wer kann schon wissen, dass dabei einfach Wein und Sodawasser gemischt werden. Wir sitzen in einer dunklen Ecke in barocken Sesseln und schauen uns an.

„Gleich bestelle ich aber noch richtigen Wein“, sage ich dann.

Mein Freund nickt. Wir grinsen. Ich lege meine Beine über seine Knie und dann blicken wir einfach in das schummerige Licht der alten Lampe neben uns.

 

Im März waren wir auf einem anderen Roadtrip durch Europa unterwegs, der uns nach Amsterdam, Brüssel und Kopenhagen geführt hat. Mehr dazu findet ihr in meinem Reisetagebuch.

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