Ode an die Tonne:

Warum es mir nichts bedeutet, etwas zu besitzen.

12. Mai 2018

Besitz, Minimalismus, Berlin, Brandenburger Tor, lonelyroadlover
Ein Koffer voller Punkte - Berlin 2016

Mit einem dumpfen Donnern fällt der Deckel der Mülltonne zu. Ich grinse und fühle mich super. Abgesehen davon, dass ich beinahe in eine tote Spinne gefasst hätte. Dann nehme ich den zweiten großen Beutel, steige ins Auto und fahre zur Diakonie. Spenden. Als ich wieder zu Hause bin, trinke ich ein Glas kalte Milch und freue mich über Nichts. Endlich Nichts. Das Nichts von Dingen, die ich sowieso in Wahrheit nie gebraucht habe.

 

Wenn es jetzt auf einmal nachts brennen würde, könnte ich meinen Laptop, meine Kamera und einen Schuhkarton mit persönlichen Briefen und Andenken greifen und hätte damit 90 Prozent aller Dinge, die mir etwas bedeuten, gerettet. Eine Ode an die Tonne und ein Bericht darüber, wie Weniger mir auf einmal Alles ermöglicht.

Wenn ich in einen Koffer passe, dann passt auch mein Leben rein

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Was braucht man zum Glücklichsein?

„Schau mal nach, wie viele Koffer du in die USA mitnehmen kannst“, sagt eine Freundin im Sommer 2016 zu mir. „Für vier Monate brauchst du ja eine Menge!“ Ich recherchiere Koffergrößen und Preise. Soll ich XL kaufen oder XXL? Dann denke ich an die Sache mit den CDs und DVDs – dazu gleich mehr – und bestelle eine knallrote Tasche mit weißen Punkten, in deren Beschreibung steht „Der perfekte Koffer für eine Woche“.

 

Als er da ist, kommen mir leise Zweifel. Im darauffolgenden Monat geht es erst einmal für zwei Wochen nach Irland. Dann werde ich ihn testen. Am Abend vorher mache ich etwas, das ich als Kind gern gemacht habe: Ich versuche, mich ganz in den Koffer reinzulegen und den Deckel zuzumachen. Ich bin etwa 1,60 Meter groß und nach zehn Minuten unter großen Schmerzen klappt es. Wenn ich da reinpasse, dann passt auch alles rein, was ich für zwei Wochen zu Leben brauche. Ich lasse mich außerhalb der Reisetasche auf den Boden fallen und sterbe erst einmal.

 

Zurück aus Irland stelle ich fest, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie viel weniger ich dabei hatte als früher. Ich beschließe deshalb, dass ich keinen neuen Koffer für meine viermonatige USA-Reise kaufe. Challenge accepted! Nachdem ich bereits zweieinhalb Monate in Amerika unterwegs bin, ist der Koffer ein nerviger Klotz geworden, den ich meistens im Stauraum des Autos unter einer Decke verstecke, damit ich ihn nicht schon wieder sinnlos ins nächste Motel schleifen muss. Das einzige, was auf meinem Bett steht, ist ein kleiner Rucksack. Nicht so ein Backpacker-Schubser, an dem Töpfe und Isomatten wie Lametta baumeln. Einfach nur ein Rucksack. Darin ist alles, was ich brauche. Scheiße, ist das nicht minimalistisch und mit Verzicht verbunden? Scheiße, nein. Ich stehe am Rand des Grand Canyons und fühle, dass ich gerade überhaupt nichts brauche, außer den Rand des Grand Canyons, meine Kamera, Wasser und etwas Sonnencreme.


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Was Besitz bedeutet: Die Sache mit den CDs und DVDs

Es gab eine Zeit, da ging ich in den Media Markt, wenn ein neuer Film erschien, und kaufte ihn. Alle haben ihn gekauft. Man kaufte sich so was halt. Dafür geht man ja auch arbeiten, oder? Es ist etwas, das ich lange nicht richtig infrage gestellt habe. Weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der es normal ist, Geld zu erwirtschaften, um sich dafür Dinge zu kaufen wie Kleidung, Elektrogeräte, Möbel, Dekoration. CDs und DVDs.

 

Doch ich war auch immer schon gut darin „Warum?!“ zu fragen. Und irgendwann hämmerte die Frage wie ein kleiner, unermüdlicher Bergarbeiter gegen mein Hirn. Warum. Warum kaufte ich das alles. Klar machte es mich kurz glücklich. Aber es machte auch, dass ich die Zeit, die ich damit hätte verbringen können, nutzen musste, um neues Geld zu verdienen, weil ich ja alles in die Gegenstände investiert hatte. Ich war noch ziemlich jung (zu jung), als ich schon einmal dachte, dass sich dieses ganze System auf ungesunde Weise irgendwann sinnfrei heißlaufen würde. Dann las ich später ein entscheidendes Zitat von Ellen Goodman.


„Es ist normal, sich Kleidung anzuziehen, die man für die Arbeit gekauft hat und mit einem Auto durch den Verkehr zu fahren, das man immer noch abbezahlt. Um zu dem Job zu gelangen, den man braucht, um die Kleidung und das Auto zu bezahlen und das Haus, das den ganzen Tag leersteht, damit man es sich leisten kann, darin zu wohnen.“


Ich habe inzwischen aufgehört, CDs und DVDs zu kaufen, nur weil sie neu im Laden stehen. Wenn ich mir im Laden neue Klamotten ansehe, frage ich mich, ob ich sie haben will, weil ich einen spontanen Anfall von Oh-wie-toll habe oder weil ich sie wirklich brauche. Wenn etwas kaputtgeht, repariere ich es. Manchmal kaufe ich alte Sachen und möble sie nach meinem eigenen Geschmack auf. Ich war in den letzten Jahren öfter auf Flohmärkten und in Second Hand Läden als in irgendeiner Shoppingmall. Wozu soll ich teuer neue Sachen von der Stange kaufen, wenn ich auch günstig Unikate bekomme, die sonst weggeworfen werden und auf einem immer größeren Berg aus Müll landen? Warum.

Weniger Dinge – mehr Geld – mehr Leben

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Weniger Zeug, mehr Zeit, mehr Flughäfen!

Kurz nachdem ich mit dieser Philosophie begann, rebootete sich mein inneres System. Ich kaufte deutlich weniger Dinge als zuvor. Ich hatte mehr Geld. Ich begann, jedes Jahr mehr in Reisen zu investieren. Ich verspürte eine Art von Glück und Zufriedenheit, die alles überstieg, was ich vorher erlebt hatte. Mit 26 konnte ich mir meinen Lebenstraum von einem mehrmonatigen Roadtrip durch die USA erfüllen. Mit 27 konnte ich aufhören, 40 Stunden in der Woche zu arbeiten.

 

Inzwischen habe ich angefangen, nicht nur weniger zu kaufen, sondern auch alte Gegenstände wegzuwerfen. Es ist ein Selbstversuch – wie mit dem kleinen Koffer. Challenge accepted. Je mehr ich wegwerfe, desto weniger vermisse ich, desto weniger brauche ich, desto weniger verschwende ich. Die Bedeutung meines Lebens hat sich von Dingen abgelöst und an Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen und Erfahrungen geheftet.

Das könnte ich nicht! Das ist doch Verzicht!

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Was würdest du mitnehmen, wenn dein Haus brennen würde?

Ganz am Anfang meiner Auflehnung gegen den Besitz standen übrigens die Sätze „Das könnte ich nicht! Da müsste ich auf zu viel verzichten, was mir wichtig wäre!“ Zwei Punkte sind hier nach meinen persönlichen Erfahrungen wichtig:

 

1. Ob man etwas kann oder nicht kann, erfährt man im Leben nur, wenn man es probiert. Immer. Das geht weit über die Mutprobe auf der Achterbahn hinaus und berührt die eigene Lebenseinstellung. Manchmal tut es weh, wie wenn man in einen kleinen Koffer kriecht.

 

2. Definiere danach, was dir wichtig ist. Und ich meine, wirklich wichtig. Versuche, dir vorzustellen, was dir wichtig wäre, wenn dein Haus brennen würde oder du nur noch einen Tag zu leben hättest. Und dann frage dich „Warum?“. Überlege, welche Sachen du nicht auf der Liste hättest – und warum?

5 Dinge, die ich gern besitze und nie hergeben würde

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Vier der fünf Dinge, die ich gern besitze

Neben vielen Gegenständen, die mir unwichtig geworden sind, befinden sich natürlich auch Dinge, die mir immer noch etwas bedeuten und ohne die für mich zum Teil auch meine Erlebnisse und Erfahrungen ärmer oder unmöglich wären.

 

  1. Mein Auto – es sichert mir Mobilität und die Möglichkeit, viele Orte zu sehen
  2. Meine Kamera – ich liebe (Reise)fotografie und arbeite als Fotografin
  3. Mein Laptop – ist mein Büro, mit dem ich mein Geld verdiene
  4. Meine Erinnerungsbox – für alle analogen Andenken wie Serviette, Postkarten oder Briefe
  5. Meine Reiseandenken – Ohrringe, Muscheln und Steine, die ich von überall auf der Welt gesammelt habe

 Ich bin froh, dass ich nur fünf Dinge aufzählen wollte. Denn mir fällt auch nach einer Viertelstunde angestrengten Nachdenkens nichts Weiteres mehr ein.

Nur an eines denke ich: In weniger als zwei Monaten werde ich wieder den kleinen roten Koffer mit den weißen Punkten vom Dachboden holen und den ganzen Sommer lang unterwegs sein. YAY!

Kommentare: 2
  • #2

    lonelyroadlover (Dienstag, 15 Mai 2018 21:24)

    Lieben Dank, Emily! Das freut mich sehr. Ich versuche immer, mehr als bloß meine Reiseeindrücke niederzuschreiben, und auch über alles zu reden, was mich durch das Reisen bewegt und verändert hat. Vielleicht nützt es jemandem etwas oder löst den ein oder anderen Gedanken aus, den ich gern eher gehabt hätte.
    Liebe Grüße,
    Sarah

  • #1

    Emily (Dienstag, 15 Mai 2018 08:41)

    Ein toller Beitrag der Zum Nachdenken anregt..

Stories, Road Trips, Wanderlust! Inspirierende Geschichten von Reisenden und dem Leben "on the road". Ein Blog, der dich ermutigt, rauszugehen und zu leben. ♥


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