Wie ich spontan ans Meer fuhr und am Strand geschlafen habe – Rügen.

24. Juli 2020

Roadtrip Deutschland, Rügen an der Ostsee
Einfach mal spontan ans Meer - Rügen

Drei Wochen lang reise ich schon durch Deutschland. Ich war auf dem höchsten Berg (Zugspitze), am kitschigsten Schloss (Neuschwanstein), am grünsten See (Königssee) und bei wunderbaren Filmnächten (Dresden). Eigentlich ginge es jetzt nach Hause. Ende des Roadtrips. Ein Gedanke so nervig wie Kopfschmerzen nach einer unüberlegten Nacht mit Wein. Mit billigem Wein. Von den Alpen bis zu See – hört sich das nicht viel verlockender an? Und überhaupt: Ich war noch gar nicht im Norden! Es ist jetzt nicht so, dass ich Rechtfertigungen suche, um noch schnell eben ans Meer zu fahren. Ich suche nur Rechtfertigungen, um noch schnell eben ans Meer zu fahren. Da ist doch längst alles ausgebucht, da tanzt der Papst Polka an überfüllten Stränden, habe ich gehört.

 

Innerhalb von fünf Minuten habe ich online eine bezahlbare Ferienwohnung auf Rügen an der Ostsee gefunden. Ich schmeiße meine Prötteln ins Auto. Rügen statt Ruhrgebiet! Steht das nicht aktuell auf jedem zweiten, ätzenden Werbeplakat, das uns ernsthaft weismachen will, dass wegen Corona „Lummelsbach statt Los Angeles“ jetzt total affengeil ist? Ist es nicht. Vergesst es. Nicht mal mit billigem Fusel.

Ich donnere auf die Autobahn Richtung Norden. Als ich die Brücke zur Insel Rügen überquere, singe ich laut und schräg zu „Perfekte Welle“ von Juli. Dann fühle ich mich kurz steinalt, weil ich noch weiß, wie das Lied 2004 in den Charts war und es mir vorkommt wie gestern. Egal – ich bin am Meer! Einfach so.

Das Muschel-Trüffelschwein

Seebrücke Selin, Urlaub auf Rügen, mit dem Auto durch Deutschland
Muscheln an der Seebrücke von Selin

„Ist das die Seebrücke von Sellin in Rügen!?“, fragt mein Vater, als ich ihm abends eine E-Mail mit einem Selfie vom Strand schicke. Auf dem Selfie steht: Wenn Sie das hier sehen können, haben Sie eine verrückte Tochter. Er denkt, ich wäre gerade zu Hause angekommen. Stattdessen esse ich eine riesige Waffel mit Schokoladeneis während die Wellen ans Ufer klatschen und es nach Salz und Fisch riecht. Das Leben ist verdammt noch mal zu kurz, um dauernd „hätte“, „wenn“ und „könnte“ zu sagen. Und mein fabelhafter Job als digitale Nomadin erlaubt es mir, die meiste Zeit des Jahres ortsunabhängig zu arbeiten. Und einfach mal spontan ans Meer zu donnern, wenn mir danach ist.

 

Ich grabe meine Zehen in den Sand. Die Strandkörbe wahren schön den Mindestabstand, sind aber ohnehin nur spärlich besetzt. Überhaupt hält es sich mit den Touristenmassen in Grenzen und den Papst habe ich auch noch nicht tanzen sehen. Seltsam. Ich blicke auf das Wasser.

Die Linie am Horizont, wo sich Himmel und Erde berühren. Ein Frachter schiebt sich ins Bild, der aus der Ferne aussieht wie ein Legostein. Sein Umriss verschwimmt im blauen Abendlicht. Ich blicke in den Sand und sehe Muscheln. Der Anblick von Muscheln wird vermutlich noch in siebzig Jahren das innere Trüffelschwein in mir wecken. Obwohl ich eigentlich entspannen wollte (ohnehin keine Ahnung, was dieses mysteriöse „Entspannen“ ist!), bin ich kurz darauf unterwegs und sammele aufgeregt Miesmuscheln und Steinchen, als wäre seit dem Hit von Juli vor 300 Jahren kaum Zeit vergangen. Keine Sau unter Dreißig sagt übrigens „Hit“. Irgendwas stimmt nicht mit mir.

Nationalpark Jasmund auf Rügen

Viktoria Sicht, Rügen
Kleidefelsen im Nationalpark Jasmund auf Rügen

Das wirklich Besondere an Rügen ist, dass es hier nicht nur Strand, sondern auch Kreideklippen gibt. Ein bisschen so wie in der Normandie. Die Kreidefelsen liegen im Nationalpark Jasmund. Neben dem Nationalpark Berchtesgaden und dem Nationalpark Sächsische Schweiz der dritte Park, den ich auf meinem Roadtrip sehe. Vor meiner Reise wusste ich gar nicht, dass es in Deutschland überhaupt Nationalparks gibt. Da kannte ich nur den Grand Canyon. Schon komisch, dass erst die Zombieapokalypse ausbrechen muss, damit ich sehe, wie schön mein eigenes Land ist. Zumindest an manchen Orten. Nicht in Lummelsbach, liebe PR-Fuzzis. Ich bin übrigens selbst PR-Fuzzi, deshalb darf ich das sagen.

 

Ich fahre früh los, um möglichst vielen Menschen zu entgehen. Vom Parkplatz in Hagen könnt ihr entweder den Shuttlebus für Fußkranke nehmen oder durch einen ultraschönen, uralten Wald laufen. Ich schultere Stativ, Rucksack und zwei fette Objektive und stapfe in den Wald. Fußkrank! Ich mag ja alt sein, aber nicht so alt. Auf dem Weg durch den magischen Forst laufe ich entlang von Baumstämmen, die wie griechische Säulen in den Himmel ragen. Ein Buntspecht schießt vor mir über den Weg und ich sehe sogar einen Maulwurf. Gut, er liegt auf dem Rücken und sagt nicht mehr viel aber da ich bisher noch nie einen Maulwurf gesehen habe, bin ich entsprechend aufgeregt. Tot oder lebendig.

Scheiß auf den Königsstuhl!

Ostsee, Reisen in Deutschland, Strände an der Ostsee
Wie in der Karibik: Rügen in der Ostsee

Der bekannteste Kreidefelsen ist der Königsstuhl. Ich habe dementsprechend royal-große Vorstellungen und bin vor Ort ein bisschen enttäuscht. Die Aussicht ist mäßig und die Plattform wird von Minute zu Minute voller. Außerdem hat der Eintritt saftige 9,50 Euro gekostet. Das sind fast zwanzig Mark! Oh Gott, ich bin wirklich alt. Keine Sau unter Dreißig rechnet noch Euro in D-Mark um. Zum Glück habe ich mir das Kilo Eis zu 150 Euro gestern am Strand ganz ohne Taschenrechner reingezogen. Ich betrete gerade das Besucherzentrum neben der Aussichtsplattform, als ich eine endlose Schlange vor der geologischen Ausstellung erblicke. Als dann noch jemand ekelhaft hustet, bin ich weg. Reisen während Corona ist eine Sache, sich hautnah vom Pestnebel besprühen lassen, eine andere.

 

Ich suche mir einen Wanderweg entlang der Klippen, der in Sassnitz beginnt, so lang ist, dass ihn kein normaler Mensch gehen würde, und nichts kostet. Der Hochuferweg von Sassnitz nach Lohme ist einer der schönsten Wanderwege an Deutschlands Küste. Er führt etwa zwölf Kilometer an der Kante der Kreidefelsen entlang und offenbart endgeile Ausblicke. Ausblicke, bei denen der Königsstuhl aber mal sowas von entthront wird. Ich laufe weiter und immer weiter. Vorbei an der Stelle, an der Caspar David Friedrich vielleicht zu seinem wunderschönen, romantischen Gemälde inspiriert wurde. Bis ich auf türkises Wasser mit weißen Stränden und Segelbooten starre – und kurz glaube, dass ich in der Karibik bin.

Zwischen Ostsee und Karibik – zwischen Leben und Tod

Wandern auf Rügen, Deutschlands schönste Wanderwege
Traumhafte Felsen an der Kreideküste von Rügen

Immer wieder gab es an den Kreidefelsen von Rügen Abbrüche durch Erosion. Erosion, nicht Aerosole! Sterben kann man allerdings an beidem. Deshalb sind überall Warnschilder in den Boden gepinnt. Aber wie weit wollen wir uns eigentlich im Leben schützen? Und vor was? Ist es okay, nicht so doll auf Kreidefelsen herumzutanzen aber zugleich 4.000 Kilometer mit dem Auto durch ein Land zu fahren, indem es weit mehr Verkehrstote als Tote durch Kreidefelsenabstürze gibt? Es ist schon eine Weile her, dass ich meine Angst vor dem Tod verloren habe. Es gibt Dinge im Leben, die sich nicht durch Geld erreichen lassen, sondern nur durch Mut, Überwindung und ein gewisses Risiko. Die das Leben erst zum Leben erwecken.

 

Ich sitze in einem Zirkel zwischen drei hohen Bäumen und blicke durch lila Blumen auf eine weiße Kreideküste, die im blaugrünen Wasser versinkt. Sieben Kilometer bin ich gelaufen. Da es langsam Abend wird, mache ich mich auf den Rückweg. Den Kopf voller paradiesischer Bilder und philosophischer Gedanken. Etwas, das mir besonders auf Soloreisen passiert. Wenn man mit sich alleine ist. Und viel Zeit zum Grübeln hat. Das kann schön und nervig zugleich sein. Zum Glück habe ich meinen Freund, den ich wegen Corona-Grenzschließungen seit drei Monaten nicht gesehen habe, immer auf meinem Handy dabei. Ich mache ein kleines Video von meinem Standpunkt und schicke es ihm. Schon den ganzen Trip lang fühlt es sich an, als wäre er dabei. Eine Soloreise, die eben doch nicht ganz solo ist.

Als ich nach insgesamt 14 Kilometern zurück am Auto bin, sehe ich, dass sich meine zehn Jahre alten Converse Chucks endgültig zerlegt haben. Ich muss lachen. Wurde irgendwie auch mal Zeit.

Übernachten im Strandkorbhotel

Strandkorbhotel Ostsee, Übernachten am Strand in Deutschland
Übernachten im Strandkorb

Ein Strandkorbhotel. Ein Strandkorb-Hotel! Leute. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, aber als ich es gegoogelt habe, habe ich eines auf Rügen gefunden. Wo kann ich die letzte Nacht meines Trips besser verbringen als am Strand!

Der Vermieter schaut mich etwas nervös an: „Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht lieber oben im Hotel schlafen wollen? So ein Schlafstrandkorb ist etwas speziell.“

„Ah“, sage ich. „Ich bin auch etwas speziell. Wo kann ich unterschreiben?“

 

Unten am Ufer mitten im Sand steht eine Konstruktion, bei der zwei Strandkörbe durch eine Liegefläche miteinander verbunden sind. Darauf eine dicke Matratze, eine Daunendecke und an beiden Öffnungen ein Vorhang. Das Dach aus Plexiglas. Für Sterne. Keine abschließbare Tür, keine Schränke, keine Heizung. Nur ich und das Meer. Großartig! Klo und Dusche gibt es in einem kleinen Holzhaus neben der Rezeption hinter den Dünen.

Als es Abend wird, sitze ich mit den Füßen im Wasser am Strand und schaue in den Sonnenuntergang. Ich muss heute Abend nicht nach Hause. Ich bin schon zu Hause. Nachdem die roten Sonnenstrahlen verblasst sind und ich mich ein bisschen mit der Ewigkeit unterhalten habe, verkrieche ich mich in meinen Strandkorb unter einer warmen Decke und rufe meinen Freund  per Video-Call an. Wir quatschen eine ganze Weile, ich zeige ihm den Mond und dann liest er mir etwas vor. Das macht er jeden Abend. Bis ich einschlafe. Und heute schlafe ich zusätzlich mit Wellenrauschen ein. Und einer dämlichen Schreimöwe.

 

Am nächsten Tag sehe ich die aufgeregte Mail von meinem Vater. „Gab es da Security? Hätte da jeder einfach nachts vorbeikommen können?“ Ja, hätte. Aber was ist das Leben, wenn man es nicht lebt?

Nach einem Monat und 4.000 Kilometern komme ich nach Hause. Vom Westen in den Süden in den Osten in den Norden. Von den Alpen bis zur See. Das gesamte Abenteuer könnt ihr in meinem Reisetagebuch nachlesen. Fühlt euch inspiriert und bekloppt – und fahrt öfter mal ans Meer.

Kommentare: 2
  • #2

    Lonelyroadlover (Sonntag, 26 Juli 2020 13:34)

    Hi Peter!
    Die Kiesel geküsst! Ich lach mich schlapp! :D Du musst unbedingt mal in einem Strandkorb pennen. Auch wenn du morgens um 4 Uhr von ätzenden Möwen wach wirst. Mit denen habe ich eh Krieg seit die mir mal auf Borkum mein Eis geklaut haben...
    Ich weiß mit Holland - hätte ich das mal eher gewusst. Ich war mit meinem Papa unterwegs und da konnte ich jetzt nicht so spontan reagieren, wie wenn ich jetzt allein on Tour gewesen wäre. Aber wir sehen uns bestimmt bald mal wieder, so wie wir durch die Weltgeschichte gurken.
    Liebe Grüße und LEBE!
    Sarah

  • #1

    Don Pedro (Sonntag, 26 Juli 2020 11:08)

    Sarah, da hast Du wieder einen reingehauen. Immer mal wieder dieser geile Slang, der mir so gut gefällt.
    Rügen hat mich 2018 auch sehr fasziniert, obwohl ich keine 14 km auf dem Klippenweg rumgehumpelt bin; wäre auch gar nicht gegangen, da ich nach spätestens 1 km vor Schmerzen und Wackeligkeit abgestürzt wäre und die Kiesel geküsst hätte.
    Das mit dem Strandkorb-Übernachten wäre auch so ein Ding für mich; das mache ich nächstens auch mal.
    Unterwegs sein und LEBEN im Gegensatz zu EXISTIEREN ist schon eine ganz andere Hausnummer. Fast hätten wir uns diese Woche in Holland getroffen - waren nur ein paar Stunden vesetzt unterwegs. Mein neues Bike - die Schöne - hat es voll drauf und bringt mich hurtig über Stock und Stein und manchmal auch über die scheiß Autobahn (... auf der Krieg herrrscht).
    Dir weiter eine tolle und erlebnisreiche (Lebens)Zeit und grüße mir den Cowboy.

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