Tattoos – Mein lebendes Bilderbuch über Träume, Reisen und den Tod.

5. Mai 2019

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Tattoos - Erinnrung, Mahnung, Ermutigung

“Das geht nie wieder weg.” Dieser Blick. Als wäre ich geradewegs durch nassen Zement gelatscht. Das kann sie doch nicht machen. Etwas, das nie wieder weggeht!

Zugegeben, Tattoos sind nichts für Menschen, die es nicht geschissen kriegen, Entscheidungen zu treffen. Aber auch nichts für Menschen, die zu schnell dumme Entscheidungen treffen und dann ein Arschgeweih von Elvis auf dem Hintern kleben haben.

Tattoos sind wie Linsensuppe. Kann man mögen oder nicht.

 

Ich fand sie schon immer fantastigorisch und habe mit 14 meinen ersten Entwurf gezeichnet. Eine E-Gitarre in Flammen. In Deutschland kann man sich erst ab 18 (ohne Genehmigung der Eltern) ein Tattoo stechen lassen. Ich habe gewartet, bis ich 19 war. Einfach so. Weil ich sicher sein wollte. Dann habe ich mir – nach 5 Jahren Bedenkzeit – im Herbst 2010 endlich die E-Gitarre in Flammen zugelegt. Die ich heute – im Frühling 2019 – immer noch ziemlich geil finde. Inzwischen sind zehn weitere Motive dazugekommen. Sie alle erzählen eine Geschichte über mich. Mein Leben, meine Reisen, mein Wesen, meine Werte. Warum sie nicht nur Kunst und Ausdruck sind, sondern auch Erinnerung, Mahnung und Ermutigung – gegen Ängste, den Tod, für Träume und als Buch, das erst zu Ende ist, wenn ich zu Ende bin.

Die brennende Gitarre: Wie ich mein Leben geändert habe

Tattoo E-Gitarre, Flammen
Lange Überlegung - immer noch nicht bereut

Als ich jünger war, war ich das Gegenteil von dem, was ich heute bin. Ich war schüchtern, destruktiv und das schwarze Schaf, das sich heillos im Stacheldraht verfangen hatte. Endstation Ebbe. Dunkler Leuchtturm im Nebel.

In diesen Momenten hat mir vor allem Musik geholfen. Mich zu verstehen. Mich zu finden. Mich zurückzuhalten von wirklich abgrundtief krummen Gedanken. Egal ob deutscher Punk, finnischer Metal, amerikanischer Rock’n’Roll oder Britpop. Hauptsache, es waren Gitarren dabei und es war mordsmäßig laut. Bei meinem ersten Tattoo-Entwurf mit 14 Jahren hatten die Flammen eine Bedeutung von Wut. Dann später von Energie. Von der Energie, aufzustehen und das eigene Leben anzupacken. Umzudrehen. Aus Scheiße einen Butterkuchen zu machen. Mit Streuseln.

 

Ich kann mich noch an den Moment erinnern, an dem ich 1.000 Kilometer von zu Hause entfernt an einem Punkt war, wo ich wusste, entweder ich stürze jetzt völlig in den Höllenschlund oder packe allen Mut und gehe los. Ich bin losgegangen. Es gab niemanden, der mich dazu ermutigt hätte oder mir einen Tipp gegeben hätte. Ich habe es einfach gemacht. Radikal entschieden, ab sofort ein anderer Mensch zu sein. Positiv, energetisch, offen, herzlich. Mit meinem Willen. Klingt total bekloppt, hat aber funktioniert. Mit Rückschlägen und über eine steinige Lernphase natürlich. Dennoch. Diese Gitarre, mein allererstes Tattoo, symbolisiert deshalb den Phönix aus der Asche – in Form von Musik – und die Energie, die man manchmal braucht, um die Verantwortung für das eigene Leben herumzureißen und sein Glück zu finden.

Das Schlüsselloch: Eine mahnende Erinnerung an den Lebenstraum

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Blick durch's Schlüsselloch auf den Lebenstraum

Jeder, der mich ein wenig kennt, weiß, dass es schon immer mein Lebenstraum war, einmal für mehrere Monate durch die USA zu reisen. Genau genommen seit ich 6 Jahre alt war. Dann sah ich dauernd, wie Menschen ihre Träume in den Dreck warfen, vergaßen, vergruben. Alt wurden. Bereuten. Zu spät. Also entschied ich mich, meinen Lebenstraum so unwiederbringlich festzuschreiben, dass ich niemals würde vergessen können, ihn umzusetzen. Als Tattoo.

 

Natürlich ist klar, dass der Alltag gewissen Regeln vorgibt. Finanzielle, gesundheitliche, räumliche, zeitliche. So entschied ich mich, meinen Kindheitstraum als einen Blick durchs Schlüsselloch anzulegen. Als etwas, das im Alltag nicht ständig präsent sein kann, aber unter der Oberfläche immer brodelt und immer wieder mahnend nach außen dringt – deshalb die Sonnenstrahlen, die über den Rand des Schlüssellochs hinausgehen. Zusätzlich eine Straße – natürlich nicht irgendeine Straße, sondern die Route 66 – die für den Aufbruch, den Weg ins Nichts, das Unbekannte steht.

„Warst du schon mal in den USA?“, werde ich aufgrund des Tattoos ein paar Mal gefragt, Jahre bevor ich überhaupt ins Flugzeug steige.

„Nein, aber du siehst gerade meine To-Do-Liste“, antworte ich ernst und bekomme den Ja-nee-ist-klar-Blick.

Ja nee, ist klar – 2017 mache ich es. Genauso wie ich es immer wollte. Das Tattoo ist von der Mahnung, meinen Traum zu leben, zu einer Erinnerung an die Umsetzung geworden. Wenn ich jetzt meinen Arm anschaue, weiß ich: Ich habe es getan!

Das Flugzeug: Leben mit der Angst – jetzt erst recht!

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Der Angst entgegenfliegen

Seitdem ist mein gesamter rechter Arm dem Motto „Reisen“ verfallen. Ich bin nämlich ehrlich: Ich bin etwas manisch und mag kein Chaos bei Tattoos. Keine Sternchen, Tribals, Scheißhaufen und nichts, das nicht thematisch zusammenpasst. Das ist, wie wenn sich andere Menschen über herumliegende Socken aufregen. Und so kam irgendwann das kleine Propeller-Flugzeug dazu. Denn ich habe enorme Flugangst.

 

Hä, was soll denn der Blödsinn? Warum tätowiert man sich etwas, vor dem man Angst hat? Genau deshalb! Weil ich mit der Angst lebe und sie jedes Mal wieder überwinden muss, wenn ich mich in eine Höllenmaschine setze, um mich zum anderen Ende der Welt zu beamen. Es ist mein Face-the-Fear-Tattoo. Wenn du vor deinen Ängsten wegläufst, kommst du nirgendwo hin! Also schau ihnen ins Gesicht, stelle dich ihnen und bekämpfe sie. Sie gehen nicht weg – genau wie das Tattoo. Also bleiben bloß die Alternativen Aufgeben oder Losgehen. Mal wieder.

Und ja, ich bin ein kleiner Fan von historischen Maschinen und Geräten. Selbst, wenn ich mir vor ihnen vor Angst in die Hose mache.

Meine Zitate: Du lebst nur einmal und du stirbst nur einmal

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Greif nach den Sternen - es kann schnell vorbei sein

Zitate. Sind immer so eine Sache. Irgendjemand hat sie gesagt. Für jeden bedeuten sie etwas anderes. Ich habe das erste Zitat-Tattoo meiner Oma gewidmet, die 2013 urplötzlich an einem Schlaganfall gestorben ist, ohne dass ich mich je verabschieden konnte. Ohne dass ich ihr je sagen konnte, dass sie mir die Welt bedeutet hat. Es lautet: Reach for the sky ’cause tomorrow may never come und stammt von der Bluesrock-Punkband Social Distortion. Dieser Satz ist für mich so viel mehr als ein weiser, leerer Spruch. Er ist die verschissene Wahrheit, die ich mitten ins Gesicht gefeuert bekommen habe. Es gibt für mich seitdem keine Diskussion mehr darüber, ob er wahr ist. Er ist zugleich Erinnerung an einen meiner Lieblingsmenschen, eine Warnung an mich selbst und eine Inspiration für alle, die ihn lesen.

 

Kurz vor meiner langen USA-Reise habe ich mir dann noch ein zweites Zitat organisiert. Gotta look this world in the eye, gotta live this life till you die. Ein Song aus der Serie „Sons of Anarchy“, die ich nie gesehen habe. Ich gucke keine Serien, ich streame nichts und ich habe keinen Fernseher. Einfach so. Interessiert mich alles nicht.

Diesen Satz könnte man jetzt versuchen, nett zu interpretieren aber die Wahrheit ist, dass ich nicht wusste, ob ich von meiner Reise zurückkommen würde. Nicht aufgrund von spontaner Auswanderung, sondern aufgrund von spontanem Tod. Niemand weiß, was auf so einem langen Solotrip passiert. Alles andere wäre gelogen. Und ich war bereit, das Risiko einzugehen, um meinen Traum zu leben. Diesen Mut, diese Verrücktheit und Abenteuerlust wollte ich mir für immer bewahren.

Die Sanduhr: Verschwende deine Zeit – aber richtig!

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Zeit wird zu Erlebnissen und Erinnerungen

Mein Neuzugang. Gerade erst ein paar Tage alt. Zeit. Zeit ist ein echt großes Thema in meinem Leben. Hat man jetzt vermutlich noch überhaupt nicht gemerkt. Die Zeit, die wir für unsere Träume haben. Für die Menschen, die wir lieben. Für die ganz großen Dinge und die Kleinigkeiten, die das Leben schön machen. Für mich ist sie schon lange nichts mehr, was ich in Stunden oder Jahren messe. Sondern in Lebenserfahrungen. Abenteuern. Begegnungen. Meine Zeit hat keine Zeiger. Keine Sandkörner. Wenn ich sie benutze, dann verschwindet sie nicht, sondern transformiert sich in Erinnerungen, die mich so sehr erfüllen, dass ich meine Angst vor dem Tod verloren habe. Ich habe keine Angst mehr davor, dass Zeit vergeht. Solange sie richtig vergeht und nicht einfach nur abstirbt und vom Tisch in den Mülleimer tropft wie eine umgekippte Tasse kalten Kaffees.

 

Abgesehen von dieser Bedeutung, die meiner Sanduhr zukommt, zeigt sie als kleine Hommage einen real existierenden Berg in der Nähe der Heimatstadt von meinem Freund. Einem Ort, an dem ich natürlich besonders gern Zeit verbringe. Ein Ort, der zu meinem zweiten Zuhause geworden ist.

Ein paar Wahrheiten über Tattoos

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Meine Geschichte in Bildern - immer bei mir

Abschließend muss ich noch kurz was loswerden, weil Tattoos manchmal so heiß diskutiert werden wie die Existenz Gottes. Ich sage: Man kann daran glauben oder es lassen. Linsensuppe.

 

Ja, sie gehen nie wieder weg, es sei denn man prügelt versuchsweise mit einem Laser auf sie ein oder lässt sie durch ein – meist sehr viel größeres – Motiv covern.

 

Ja, der Scheiß tut weh. Echt jetzt. Je näher am Knochen, desto mehr. Manchmal wie Messerschnitte. Kurz danach nur noch wie heftiger Muskelkater.

 

Ja, wenn man blöd ist und ein gammeliges Kellerloch statt ein vernünftiges Studio aufsucht, kann sich ein Tattoo auch infizieren. Wenn man aber noch alle Tassen im Schrank hat und fließendes Wasser sowie Salbe bedienen kann, heilt es einfach ab.

 

Nein, ein Tattoo kostet nicht Summe X. Es hängt total von der Größe ab und ob ihr es in schwarz-weiß oder Farbe haben möchtet.

 

Ja, vorher mal eine Weile nachzudenken, schadet nicht. Geheimtipp: Ein Tattoo zu haben, um ein Tattoo zu haben ist nicht der geilste Grund. Ich habe immer Motive gewählt, die für mich eine tragende und lebenslange Bedeutung haben werden – egal wie sehr ich mich mal verändere.

 

Nein, ich bereue nichts.

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