Barcelona und der Architekt der Träume – Railtrip Spanien I.

3. Februar 2022

Die Sagrada Família von unten am Eingang aus, Barcelona, Spanien Rail Trip
Die Sagrada Família - märchenhaft, unglaublich, schön

Wie eine bedrohliche Putzlappen-Kolonie hängen die seltsam geformten Steine über dem Eingang der Sagrada Família in Barcelona über meinem Kopf. Oben auf den Kirchturmspitzen stecken pinke Scheiben mit Perlen, die aussehen wie Zuckerguss und auf dem Kirchenschiff thronen überdimensionale, bunte Kugeln.

 

Seit 140 Jahren ist dieses bizarr-exzentrische und monumentale Jahrhundert-Gebäude von Visionär und Künstler Antoni Gaudí jetzt im Bau. 18 Kirchtürme soll es mal haben, der höchste 170 Meter groß. Die gesamte Kathedrale besteht aus organischen Formen. Steinernen Blättern, Wurzeln, Figuren und riesigen, regenbogenfarbenen Fenstern. Weg mit geraden Linien, mit nackten Wänden und kirchlicher Düsternis. Gaudí ist wie Hundertwasser nach einer Flasche Likör mit Lindenberg.

 

Als mein Freund und ich von diesem Bauwerk gehört haben – übrigens nicht auf Tripadvisor oder in einem Reiseführer, sondern in Dan Browns Bestseller „Origin“ – wussten wir: Da müssen wir hin! Ab nach Spanien. Und wenn man schon mal da ist, kann man sich ja auch gleich dort in den Zug werfen (in, nicht vor!) und zwei Wochen lang auf der Jagd nach Kunst und Wahnsinn durch Nordspanien fahren. Genau das haben wir gemacht. Aber lass uns mit Gaudís Barcelona anfangen. Mit der Kirche aller Kirchen, Mosaik-Parks, Labyrinthen und gotischen Gassen.

Eiskugeln und Regenbögen – die Sagrada Família

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Unfassbar riesig, bunt und lichtdurchflutet

Betonmauern, Kameras und meterhohe Metallzäune. Die Sagrada Família ist keine Kirche, in die man mal kurz flockig reinspaziert. Stattdessen ist rund um das Gebäude ein Sicherheitsaufriss wie beim Pentagon. Mittendrin ein Baukran.

Das gesamte Gelände ist auch über hundert Jahre nach dem Grundstein immer noch eine Baustelle – und beim Brückenbau auf der A40 latscht man ja auch nicht einfach in den Zementmischer und sagt „Hallo, ich wollt mal gucken“. Also kaufen wir Onlinetickets.

 

Während wir vor der Sicherheitsschleuse warten (Flughafenkontrolle oberdeluxe), wundere ich mich über die knallbunten Kugeln auf dem Dach des Kirchenschiffs. „Was ist denn das da oben? Eistüten?“, frage ich einen Guide frech. Er erklärt, dass es Früchte sind. Sommerfrüchte auf der Sonnenuntergangsseite und Winterfrüchte auf der Sonnenaufgangsseite.

Alles, was Gaudí geplant hat, ist ein wenig verrückt, aber nichts davon ist Unsinn.

 

Als wir die Kirche betreten, ist es, als würde man in ein Meer stürzen, durch dessen Oberfläche regenbogenfarbenes Licht bricht. So eine unfassbar große, helle und bunte Kathedrale habe ich noch nie gesehen. Die Sonne wirft blaue, grüne und gelbe Schatten an die gigantischen Säulen, die sich 45 Meter in die Höhe schrauben und sich unter der weißen Decke mit den goldenen Ornamenten wie Bäume verzweigen. Ich renne hin und her und fast vor eine der Säulen. Es ist ein Moment, in dem man nicht aufhören kann, zu gucken und zu versuchen, zu fassen, was eigentlich los ist.

Antoni Gaudí – verrückt, genial, überfahren und tot

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Die himmelhohe Decke mit den Baumstamm-Säulen

„Ich finde es nicht schlimm, dass ich die Kirche nie vollendet sehen werde“, hat Gaudí einmal gesagt. „Ich werde alt werden, aber es werden andere nach mir kommen. Das wird es noch großartiger machen.“ Geile Einstellung. Mal nicht nur von der Wand zur Tapete denken, sondern Visionen schmieden und loslegen. Egal, was Kritiker sagen und egal, ob man das Endergebnis absehen kann oder nicht. Hauptsache, man hat etwas angefangen.

 

Gaudí war übrigens 76 Jahre alt als er auf seinem alltäglichen Morgenspaziergang plötzlich von einer Straßenbahn überfahren wurde. Zack, tot. You only live once, just saying.

 

Beerdigt wurde er in der Krypta seiner eigenen Kathedrale. Begraben in dem, was er geschaffen hat. Ich hoffe, er kann die Baugeräusche hören und weiß, dass wir nicht aufgegeben haben, seinen Traum zu verwirklichen. Angeblich soll die Kirche 2026 fertiggestellt sein. Nachdem, was wir bei unserem Besuch (Januar 2022) gesehen haben: vollkommen unrealistisch.

 

Die Sagrada Familía ist nicht das Einzige, was Gaudí in Barcelona hinterlassen hat. Zwei Häuser – die Casa Milà und die Casa Batlló – hat er in seinem unverwechselbaren Stil gestaltet. Mit runden Hausecken, geschwungenen Fassaden, bunten Steinchen und Türmchen. Und dann ist da noch der Park Güell.

Der Park Güell oder Alice im Mosaik-Land

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Park Güell - Mosaiksteine und Fantasie-Gebäude

Der Park Güell ist jetzt kein türkischer Gebetsplatz, sondern Gaudís Hommage an die Natur, die er für den Industriellen Eusebi Güell entwerfen sollte. Leider ist dieses Werk ebenfalls unvollendet und wird wohl auch nicht mehr weitergebaut. Neben 60 geplanten Villen, die nie Realität wurden, ist aber immerhin die Gartenanlage fertiggestellt.

 

Mein Freund und ich wandern auf einem Schotterweg zu einer Baumgruppe. Auf einmal scheinen seltsame Steine aus dem Boden zu wachsen. Unter uns sind plötzlich braune Torbögen, die schief in der Erde stecken. Gaudís Viadukte. So natürlich, dass sie für einen Moment gar nicht aussehen, als wären sie menschengemacht.

 

Dann gelangen wir zur großen Aussichtsplattform, die den Blick auf das Meer am Horizont lenkt. Und auf die gewundene Balustrade, die aus abertausenden, knallbunten Keramik-Steinchen besteht. Eine Etage tiefer stehen zwei Pavillons, bei denen sich die Fassade in Wellen zu bewegen scheint. Realität und Illusion. Kunst und Natur. Gaudís Lieblingsverwirrspiel.

Direkt unter uns liegt ein offener Saal mit 86 griechisch aussehenden Säulen und ein Salamander-Brunnen aus Mosaik. Alles hier scheint wie eine riesige Expo, eine Ausstellung, eine Messe. Und doch ist es ein ganz normaler Teil der Stadt Barcelona.

Wäre die Welt nicht viel schöner, wenn wir mehr bunte, schräge und naturbezogene Häuser statt graue Betonkästen bauen würden?

Barcelona – mehr als Gaudí

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Das gotische Viertel in Barcelona

Natürlich ist Gaudí nicht alles in Barcelona – auch wenn ich mir irgendwie wünsche, dass der Künstler 1.000 Jahre alt geworden wäre und gleich die ganze Stadt designt hätte.

 

An einem Morgen erkunden wir den Parc del Laberint d’Horta. Weil mein Freund noch nie in einem Labyrinth war, müssen wir da sofort rein! Zwischen Hecken und Sackgassen giggeln wir darüber, wie so ein kleiner Ort so viel Spaß machen kann. Der gesamte Park ist unwahrscheinlich schön. Überall plätschern verwunschene Brunnen mit bärtigen Gesichtern und Moos. Zwischen den klassizistischen Pavillons bekomme ich unheimlich Lust, mich hinzusetzen und ein Gedicht zu schreiben. Es ist, als wäre die Zeit stehengeblieben und wenn jetzt noch jemand Beethoven auf dem Klavier spielen würde, wäre es perfekt.

 

Abends sind wir im gotischen Viertel. Die Altstadt von Barcelona ist groß und hat viele winzige Gassen mit kleinen Modegeschäften und Bars in Kellern und Gewölben. Von Balkonen mit schwarzen, eisernen Geländern wuchern Pflanzen und die langen Schatten der tiefstehenden Sonne wandern über aufgesprungene Hauswände und verschnörkelte Straßenlaternen.

Obstklau im Kloster?

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Stille und Orangenbäume am Kloster Pedralbes

Ein besonderes Refugium finden wir am letzten Tag in Barcelona: das Kloster von Pedralbes. Die fragilen Bogengänge aus dem 14. Jahrhundert umrahmen quadratisch einen idyllischen Klostergarten mit Orangenbäumen. Der Straßenlärm ist weg und alles, was wir hören, ist das Geplätscher des Brunnens und Vögel.

 

„Ich würde so gerne eine von den Orangen mitnehmen“, sage ich leise zu meinem Freund und schaue mich um.

„Ich auch“, sagt er.

„Aber das ist ein Kloster!“, erwidere ich.

„Ich weiß“, sagt er. Wir schauen noch ungefähr zwanzigmal auf die Orangen, bevor wir beschließen, dass es moralisch wirklich nicht vertretbar wäre, was aus einem Kloster zu klauen.

 

Nach über zehn Reisejahren und Trips in unzählige Städte von Florenz über Tokio und New York bis Budapest hat sich Barcelona innerhalb weniger Tage in den Top 5 meiner „All Time Favorites“ eingenistet. 

 

Wenn ihr euch für Spanien interessiert, schaut doch mal bei meinem dreiwöchigen Roadtrip durch Andalusien vorbei, auf dem mein bester Freund und ich von der Alhambra in Granada über die Mezquita in Córdoba bis nach Afrika geblickt haben.

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