Du kannst nach Hause fahr’n!

Das Leben nach der Auszeit.

15. Mai 2022

Auszeit, Sabbatical, Rückkehr, nach der Weltreise, Probleme
Unterwegs und wieder zurück - die Zeit nach der Auszeit

„Und nächstes Mal schauen wir uns die Fotos von Los Angeles an!“, träller ich einem guten Freund hinterher, als er sich nach einem längeren Besuch bei mir auf die Socken macht.

„Ach, die haben wir noch nicht gesehen?“, murmelt er, während er in seiner Jackentasche nach dem Autoschlüssel sucht.

Ich bin entsetzt. Nachdem ich ihm die Bilder der ersten zwei Monate meiner Langzeitreise gezeigt habe, sind mindestens zwei Monate vom Rest der Reise übrig, die wir noch nicht gesehen haben!

 

Wer auf einem langen Trip oder einer Weltreise war, schlägt zu Hause meistens ein wie Weltraumschrott. Mit überirdischen Geschichten und Erfahrungen, die anderen ungefragt an den Schädel fliegen und nach einem Moment des Erstaunens weggefegt werden. Vom Alltag. Vom normalen Leben. Das in der Heimat weitergegangen ist, während man selbst in der Karibik mit Rochen getaucht ist, auf der Chinesischen Mauer Selfies geschossen hat oder mit dem Van durch Europa gegurkt ist.

Zurückkommen von einer langen Reise oder einer Auszeit, kann wie ein Stück Kuchen sein, das einem jemand aus der Hand schlägt. Ein Bericht über die Gedanken, Struggles und Chancen, die das Ende vom Wegsein begleiten.

Juhu, Auszeit – endlich weg und alles neu

Andalusien, Gewürze, Auszeit, Sabbatical, Reisen, Langzeitreise
Neue Gerüche, neue Orte, neue Eindrücke - eine Auszeit ist oft ein Abenteuer

Endlich los. Der Job – auf Eis oder sogar Geschichte. Die Butze – untervermietet oder verkauft. Der Koffer – gepackt. Eine Auszeit, ein Sabbatical, eine Weltreise – grandios! Ab sofort gibt es Landkarten statt Lohnsteuerkarten, afrikanisches Fingerfood statt Butterbrote und wenn man in die falsche Richtung latscht, ist es auch egal, weil die Schilder auf Hindi sind.

 

Sobald man unterwegs ist, prasseln neue Landschaften, Städte, Menschen, Kulturen, Lebensmittel und Sprachen auf einen ein. Jede Ecke ist unbekannt und neu, wie der erste Tag im Kindergarten. Und wenn man sich abends nach dem Strom der Eindrücke wo festhalten will, stellt man fest, dass selbst das „zu Hause“ flüchtig geworden ist wie eine Flaumfeder im Wind: Hotels, Hostels, Campingplätze, Hütten, Ferienwohnungen, Stellplätze – alles rast wie ein Kettenkarussell vorbei. Immer woanders, mal zu laut, mal mitten im Wald, mal am Meer, mal im 17. Stock. Und mittendrin tosen Herausforderungen, Ängste, Panik, Mut, Überwindung, Verwunderung, Begeisterung.

Eine Aus-zeit ist, wenn man alles, was vorher war, aus-schaltet. Der Sprung vom Beckenrand in ein blubberndes Haifischbecken voller Marshmallows.  

Und irgendwie, irgendwann wird man neu geboren. Man ist größer, weil man an seinen Abenteuern gewachsen ist. Man ist weiser, weil man von anderen Kulturen und aus seinen eigenen Fehlern hat. Man ist weiter, weil der Horizont so offen war.

Vor die Wand gelaufen – nach Hause kommen nach der Auszeit

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Stau auf der Straße zurück in den Alltag

Aber jede Auszeit ist irgendwann vorbei. Zumindest für die meisten von uns. Jedes Sabbatical endet und jede Weltreise hat einen Rückflug. Plötzlich fährt man mit der ganzen Kirmes in seinem Kopf vor die graue Betonwand in seiner Heimatstadt. Dort, wo alle anderen weitergelebt haben. Wo dich jeder ein bisschen vermisst, aber keiner auf deine veränderte Weltsicht gewartet hat.

 

Gut, wenn man bereits Pläne hat, wie es weitergeht. Wenn man schon von unterwegs Bewerbungen geschrieben oder diverse Ausraster bei ImmobilienScoutIchbinauf180 bekommen hat.

 

Aber was, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht? Oder wenn man merkt, dass man zu groß geworden ist für die sorgsam ausgesäten, kleinteiligen Pläne nach der Reise?

Wenn mit der Zeit unbezahlte Rechnungen den Posteingang verstopfen, wenn du gut gemeinte Stellenausschreibungen zugeschickt bekommst, bei denen sich deine Fußnägel aufrollen oder wenn der Kumpel findet, dass du langsam wirklich wieder von seiner Couch in eine eigene Bude ziehen könntest.

Die große Frage nach der Auszeit: Kann man zurück in sein altes Leben? Und will man es?

Nach der Reise: Sei doch dankbar!

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Warte auf den Anschluss-Bus mit Totoro in Japan - wohin geht die Reise?

Wie einige von euch wissen, bin ich vor fünf Jahren von genau so einem Abenteuer zurückgekommen. Vier Monate solo durch die USA. Ich hab sogar inzwischen ein Buch darüber geschrieben. Das war der Werbeblock ohne Mainzelmännchen.

Für mich gab es damals kein Zurück mehr zu dem, was vorher war. Nach nur einer Woche im neuen Job habe ich die Brocken wieder hingeworfen und danach so ziemlich alles im Leben neu erfunden. Klingt fabelhaft, war aber damals eine fucking emotionale Achterbahn. Mehr dazu findet ihr in meinen Berichten

 

2018 – Hundert Lebensentscheidungen in einem Jahr und

Digitale Nomadin: Ja verdammt, ich arbeite! Tacheles über Geld, Zeit und Reisen.

 

Selbst bei geduldigen Familienangehörigen und jahrelangen Freunden löst man in diesem Zustand „Verwunderung“ aus – was gerade nur ein nettes Synonym für „Verständnislosigkeit“ ist. So wie der Chef nicht „angepisst“, sondern bloß „irritiert“ ist.

Unterschwellig werden Vorwürfe laut. Wie verwöhnt man von der Auszeit sei. Dass das Leben kein Ponyhof ist. Dass man froh sein sollte, dass man überhaupt so eine Reise machen durfte und sogar schon wieder einen neuen Job gefunden hat trotz dieser „Lücke im Lebenslauf“.

Schnell bekommt man den Stempel „undankbar“. Oder zumindest „verwirrt“.

Dabei hat man nur Sehnsucht nach dem Leben, das man gerade erst entdeckt hat. Nach weiteren Erfahrungen, Ländern, Momenten, Erkenntnissen. Etwas, wofür das alte Leben zu eng geworden ist, wie ein Kinderschuh.

Tipps und Ideen: neu denken, ausprobieren, wachsen

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Einen Weg finden nach der Auszeit - Tipps und Ratschläge

Für mich wurde es der große Umsturz. Vom Bürojob zur ortsunabhängigen Selbstständigkeit, von der Stadtwohnung zum Tiny House und schließlich zur Familien-WG, von viel Krams zu minimalistischem Besitz. Wichtig bei allem – und jetzt wird es unlustig – ist dabei Geld. Erspartes. Rücklage. Bei den meisten Dingen, die man neu startet, muss man erstmal investieren. Deshalb rate ich stark, nicht das gesamte Moos in der Auszeit zu verprassen, sondern was zurückzulegen. Für das Zurückkommen. Für das Weitermachen.

 

Und wie macht man weiter?

 

Nun, beim Job gibt es diverse Möglichkeiten. Selbstständigkeit ist eine davon. Aber nicht mit jeder Ausbildung funktioniert das, und – schon wieder werde ich unlustig – mal eben professioneller Reiseblogger werden, ist heutzutage ein verdammt schwieriges Pflaster. Eine weitere Option ist „back to school“. Eine neue Ausbildung, ein neues Studium. Vielleicht kann man auch erst einmal im alten Job in Teilzeit arbeiten oder mit dem Chef über alternative Arbeitsmodelle sprechen wie eine 4-Tage-Woche oder ein Tandem-Job. Oder man arbeitet wieder voll und spart für eine weitere Auszeit.

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Das war mal mein Tiny House - alternative Wohnkonzepte für Weltenbummler

Auch für die Wohnsituation gibt es Ideen: Viele Auszeitler – inklusive mir – haben gemerkt, mit wie wenig sie glücklich sind, und benötigen nicht mehr den großen und damit teuren Wohnraum, den sie zuvor hatten. Neben kleinen Wohnungen gibt es Tiny Houses und Wohngemeinschaften – unter anderem mit mehreren Generationen oder Menschen, die einen alternativen Lebensstil haben. Außerdem natürlich das klassische Van-Life, wobei ein Fahrzeug als dauerhafte Wohnstätte bei Weitem nicht so romantisch ist wie die lichterkettenbehangenen Strandfotos mit Surfbrett auf Instagram behaupten. Auch ein Rückzug in Familienbesitz, falls vorhanden und man sich nicht nach fünf Minuten gegenseitig umbringt, ist immer eine Möglichkeit und sollte einen nicht beschämen.

 

Beim Umfeld und Konsum gibt es eigentlich eine recht einfache Regel: Gehen lassen, was einem nicht gut tut. Wer dich nach der Auszeit nicht mehr versteht, verurteilt oder auf einer anderen Welle schwimmt, ist vielleicht einfach nicht mehr die Person, mit der du dich weiter regelmäßig umgeben möchtest. Klingt hart, doch Veränderungen im Leben tun sowas. Auf der anderen Seite ist es vielleicht Zeit, neuen Menschen Raum zu geben und neue Freundschaften entstehen zu lassen.

Genauso ist es mit Gegenständen: Hole dir, was du für deine Ideen und deine Zukunft brauchst und gib ab, was an Bedeutung verloren hat. Ich habe beim Abgeben Ebay und Spenden bevorzugt, statt einfach wegzuwerfen.

Mehr zu diesem Thema findet ihr hier: Minimalismus – mehr als weiße Wände.

Buch-Tipp: „Wieder da und doch nicht hier“ von Uta Caecilia Nabert

Buchtipp: Wieder da und doch nicht hier von Uta Caecilia Nabert
Buchtipp: Wieder da und doch nicht hier von Uta Caecilia Nabert

Zum nach Hause kommen hat die liebe Uta-Caecilia Nabert in diesem Jahr ein tolles Buch beim Delius Klasing Verlag veröffentlicht: Wieder da und doch nicht hier Weltenbummler und ihr Leben nach der Reise. Woher ich das weiß? Einer der Beiträge in ihrer Publikation stammt von mir. Ich freue mich wahnsinnig darüber und auch, dass Uta-Caecilia einer der Menschen ist, die ich in meinem „neuen Leben“ kennenlernen durfte.

 

Das Buch beginnt dort, wo die meisten Reiseberichte enden. Dort, wo die Reise aufhört. 23 unterschiedliche Stimmen von Heimkehrern hat Uta-Caecilia gesammelt. Berichte von Verzweiflung und vom Scheitern, von Neuanfängen und Mut. Mit Tipps für alle, die eine Reise planen oder hinter sich haben. Große Empfehlung!

 

Des Weiteren könnt ihr online auf der Plattform Modern Sabbatical – deine Anleitung für die Auszeit vom Job vorbeischmökern. Autorin Claudia Sittner, die selbst ein Jahr auf Weltreise war, hat dort menschelnde Erfahrungsberichte und Ratschläge gesammelt. Wir haben letztens über eine Stunde lang bei Skype gegiggelt und geplauscht und bald wird es auf ihrer Seite auch ein kleines Interview mit mir geben.

 

Das Leben nach der Reise oder Auszeit ist oft kompliziert, aber öffnet zugleich ein Traumschloss voller neuer Räume und Türen. Do it!

Kommentare: 4
  • #4

    Lonelyroadlover (Mittwoch, 18 Mai 2022 18:57)

    Huhu Claudia,
    was für liebe Worte, danke! :) Es ist wirklich kein einfaches Thema, weil es schnell in die Undankbarkeitsschiene abdriftet. "Aber du warst doch jetzt so lange weg, 99 Prozent aller Menschen werden niiiie diese Chance haben, jetzt stell dich nicht so an, geh erstmal wieder richtig arbeiten!"
    Viele mentale Probleme sind in unserer Gesellschaft immer noch komplett unverstanden oder werden als "du willst ja bloß nicht!" abgetan. Dass man manchmal einfach nicht kann, dass Veränderungen eine Rückkehr zu Altem unmöglich machen oder dass auch eine ach-so-paradiesische Weltreise nicht nur 100 Prozent Vergnügen ist, das sehen wenige. Deshalb finde ich deinen Blog und solche Beiträge so wichtig.
    Ich wünsche dir alles Gute für den weiteren Weg und vor allem für dein Buch!
    Liebe Grüße aus den USA
    Sarah

  • #3

    Claudia (Mittwoch, 18 Mai 2022 07:12)

    Hey Sarah,
    wieder ein Artikel wie eine Praline für meine geplagte Reiserückkehrerinnenseele :) Beim Weltraumschrott und dem aus der Hand geschlagenen Kuchen musste ich sehr schmunzeln ... und nicken. Ist ein spannendes und wenig beachtetes Thema, die Reiserückkehr. Man freut sich so sehr auf das große Abenteuer und dann kommt man zurück und der Auszeit-Traum ist zu Ende, was eh schon nicht so toll ist. Der eigentliche Knaller kommt dann aber erst noch, wenn du merkst, dass das alte Leben nicht mehr so richtig passen will. Sich da rauszuschälen wie aus einer alten Schlangenhaut ist nochmal echt eine Herausforderung. Aber bei mir hat es sich inzwischen - nur sechs Jahre nach der Weltreise, mit viel auf den Bauch hören und dem folgen, zu dem es einen hinzieht, ganz gut gefunden. Deine Tipps sind da auf jeden Fall viele Winke in die passenden Richtungen. Mein nächstes Projekt ist die Sache mti dem Minimalismus. Aber man muss ja noch Ziele haben!
    Danke auch für's Verlinken auf's mein menschelndes Modern-Sabbatical-Projekt, und ich freu mich schon auf dein Interview dort.
    Herzliche Grüße aus Vicenza
    Claudia

  • #2

    Lonelyroadlover (Dienstag, 17 Mai 2022 16:05)

    Hi Natalie,
    nochmal Danke für deinen Kommentar - auch hier. :) Ich freue mich, dass dich der Artikel berührt hat und dir vielleicht etwas moralische Unterstützung geben konnte. Ich verstehe sehr gut, wie dich das jetzt schon beunruhigt. Dennoch: Genieße erst einmal dein Sabbatical in vollen Zügen. Es ist eine Zeit, die so nie wieder zurückkommen wird, also packe sie nicht mit Zukunftssorgen voll. Die kommen noch früh genug. ;) Du wirst bestimmt wachsen und zweifeln, unglaubliche Dinge erleben und sehr bereichert nach Hause kommen.

    Bei Tiny Houses habe ich mich damals erst einmal auf dem Markt für neue Häuser umgesehen. Es gibt inzwischen einige Schreinerein, die den Bau von Tiny Houses anbieten oder sogar Modell-Häuser zum Anschauen haben. Ich habe mich damals aus Kostengründen dann aber entschieden, ein gebrauchtes Haus zu kaufen. In Germany nennt man die auch gern "Mobilheim". Die darf man teils auf Campingplätzen aufstellen, wo auch oft gleich Wasser- und Stromanschluss dabei ist. In den Niederlanden gibt es einen recht großen Markt dafür, auch da lohnt sich Googlen oder Vorbeifahren mal.

    Ganz herzlichen Dank für dein Kompliment zum Buch. Es freut mich von Herzen, dass es dir gefallen hat und auch deinem Dad!

    Liebe Grüße
    Sarah

  • #1

    Natalie (Sonntag, 15 Mai 2022)

    Hey Sarah,

    Du schreibst mir mal wieder aus der Seele...
    Ich stehe vor meinem Sabbatical und einer halbjährigen Reise-Auszeit. Viele Gedanken sind mir schon durch den Kopf, die du hier so treffend formuliert. Da kommt tatsächlich Pipi in die Augen. Durch die Reiserei weiß ich auch, dass ich nach der Sabbatical-Rückkehr nicht mehr in mein altes Leben passen werde. Ein etwas beängstigendes Gefühl. Das auch nur wenige verstehen können...
    Danke für diesen Beitrag.

    Hast du einen Tipp, wohin ich mich bzgl. Tiny-House wenden könnte? Wie bist du das angegangen? Man darf die ja kaum wo aufstellen.

    Dein Buch ist übrigens toll! Mein Dad fand es auch großartig :-)
    Herzliche Grüße
    Natalie

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