Mit dem Bleifuß von türkisen Kaskaden zu Draculas Cottage - Roadtrip Kroatien I.

28. August 2020

Nationalpark Plitciver Seen in Kroatien, Aussichtspunkt
Wunder der Natur: Der Nationalpark Plitciver Seen

Mein Fuß liegt bleiern auf dem Gaspedal. Auf dem Schild, das das Tempolimit anzeigt, stand eine 60. Glaube ich. Ist so schwer zu erkennen, wenn man mit 90 daran vorbeizwiebelt, während man von fünfzig Kroaten angehupt und mit 120 überholt wird. Freunde der Nacht, ein Roadtrip durch Südeuropa ist keine Spazierfahrt zu Aldi. Es ist die Varusschlacht auf vier Rädern. Wer keine Beule hat, hat verloren.

Das muss auch mein Freund erkennen, der schon ein paar Jahrzehnte länger Auto fährt als ich und so einige hunderttausend Meilen in den USA abgerissen hat. Als er die Verkehrsapokalypse von Zagreb sieht, drückt er mir die Schlüssel in die Hand und sagt: „Fahr du mal. Du bist doch Europäerin und kennst das.“

 

Nach einem irren Flug und Wiedersehen nach monatelanger Trennung durch Corona, haben wir vier Tage in Kroatiens Hauptstadt verbracht und fahren nun über Pula in den Süden nach Podum. Ein kleines Kaff, in denen der Putz aus den Einschusslöchern der Jugoslawienkriege in den Neunzigern rieselt. Dort beziehen wir ein Cottage mit tüll-überzogenem Klodeckel als Basecamp für unsere Ausflüge zum Nationalpark Plitvicer Seen und zum Nationalpark Nördlicher Velebit. Es sind Tage, in denen wir zwischen türkisgrünen Kaskaden das Paradies entdecken, uns eine Sekunde vor einem krachenden Gewitter in einen Bus retten, mit Wein und Pizza einen Stuhl schrotten und mit dem Mietwagen über eine neblige Schotterpiste donnern. Tage, in denen ich wieder mal erkenne, dass mein Freund und ich gleich bekloppt sind und unser Leben ein Abenteuer ist.

Autofahren in Kroatien: Mit hundert Sachen durch die Baustelle

Roadtrip Kroatien, Mietwagen Kroatien
Roadtrip durch Kroatien - packt genug Nerven ein!

Baustelle. Die Fahrbahn ist verengt, orangefarbene Hütchen blinken wie Kirmes und die Geschwindigkeit ist drastisch reduziert. Soweit sieht auf der Autobahn bei Pula alles so aus wie auf der A1 in Deutschland. Dann donnert kurz die Sternenflotte in Form einheimischer Autos an uns vorbei und hüllt unseren gesetzeskonform dahintuckernden Mietwagen in Staub und Asche. „Ich glaube, wir fahren denen nicht schnell genug“, stellt mein Freund lakonisch fest, während er wie Joe Cool in die Landschaft blickt.

„Ich fahre schon dreißg drüber! Was soll ich denn noch machen?“, rufe ich und werfe sehr kroatisch meine Hände am Steuer in die Luft.

 

Immerhin sind wir aus der Innenstadt von Zagreb raus, wo ich auf fünfhundert Metern siebzehn Mal angehupt worden bin, weil ich die Frechheit hatte, an einer roten Ampel zu halten oder nur auf drei anstatt auf zwei Reifen abzubiegen. Zum Glück kenne ich diesen Blödsinn schon von Roadtrips durch Italien, Spanien und Südfrankreich. Die einzige Überlebenschance besteht darin, sämtliche Verkehrsschilder und Gesetze zu ignorieren, sich uneingeschränkt dem Fahrstil der restlichen Bevölkerung anzupassen und ab und zu ein „Vater Unser“ aus dem Seitenfenster zu jodeln.

 

Irgendwie schaffe ich es, das Mietmoppet unfallfrei nach Podum zu steuern, wo ich vor unserem Cottage erstmal parke wie Karl Arsch, obwohl zehn Hektar Fläche um uns herum praktisch frei sind. Mein Freund parkt das Auto dann noch einmal seriös um. Man kann nicht alles können!

Das Haus des Horrors: Landleben in Kroatiens Einöde

Beziehung mit Altersunterschied, Liebe kennt keine Grenzen
Liebe ist, wenn dein Freund auch dein Seelenverwandter ist

Podum ist eines von diesen Dörfern, von denen man nichts sieht, wenn man während der Durchfahrt aus Versehen kurz zwinkert. Es hat nur 108 Einwohner und ein paar verwitterte Häuser. Eines davon ist unser altes Cottage, das wir über Airbnb gefunden haben. In einem lahmen Hotel übernachten kann jeder. Wir stehen auf das authentische Kulturerlebnis. Auf dem holprigen Weg zum Haus sehen wir Bauten ohne Dächer und mit fetten Löchern in den Fassaden. Wenn man die Touristenströme sieht, die heute durch Kroatien schwappen, ist es schwer vorstellbar, dass hier in den Neunzigerjahren noch Krieg war. Zwischen 1991 und 1995 bekämpften sich in diesem Gebiet die kroatische Armee und die Republik Serbische Kraijna, ein nie offiziell anerkannter Staat. Die Einschusslöcher sieht man an vielen Wänden in ländlichen Gebieten auf teils dramatische Weise noch immer. Als wäre es ein geräuschloses Stillleben mitten aus dem Konflikt.

 

Als es Nacht wird, höre ich seltsame Geräusche. „Was ist das?“, frage ich so lange, bis mein Freund endlich wach ist.

„Was hörst du denn?“, nuschelt er in meinen Nacken.

„Keine Ahnung, klingt wie Schlüssel“, beschreibe ich malerisch. Nicht, dass ich denke, es wären wirklich Schlüssel, aber es kommt dem Geräusch recht nahe. Dann bin ich müde und schlafe ich ein. Mein Freund dagegen ist die halbe Nacht wach, weil er jetzt denkt, es würde heimlich jemand versuchen, ins Haus zu kommen. Großartig!

Überhaupt ist das Haus ein kleines bisschen schräg. Auf dem Klodeckel klebt pinker Tüll, die Fliesen haben olivgrünen 70er-Jahre-Charme, der Fernseher sieht aus wie ein grauer Würfel und auf dem Boden in der Küche ist eines Morgens ein geheimnisvoller Ölfleck.

„Ich bereue es ein bisschen, dass ich vor der Reise noch Dracula gelesen habe“, sagt mein Freund.

Türkise Pools im Nationalpark Plitvicer Seen

Wasserfälle im Nationalpark Plitvicer Seen
Wunderschöne Wasserfälle an den Plitvicer Seen

Am nächsten Tag fahren wir zum Nationalpark Plitvicer Seen. Weil der Park besonders im Sommer von Touristen überrannt wird, sind wir schon um halb 6 auf und um 7 Uhr am Eingang. 16 große, türkise Seen und mehrere kleinere Teiche fließen kaskadenförmig und verbunden durch Wasserfälle auf mehreren Ebenen über viele Kilometer ineinander. Ein einzigartiges Naturschauspiel, das ich so noch nirgends gesehen habe.

 

Wir steigen von einem der unteren Seen hinauf, zwischen schroffen Felsen und hellgrünen Bäumen. Überall schimmern die türkisen Pools, so klar, dass man noch in mehreren Metern Tiefe Fische schwimmen sieht. Manchmal verläuft der Wanderpfad über Wurzeln durch Wälder entlang der Ufer, manchmal als hölzerner Boardwalk mitten über einen der Seen. „Das ist das Paradies!“, rufe ich und springe wie ein Knallfrosch auf den Stegen herum. Mein Freund fängt mich wieder ein und nimmt mich in den Arm. Direkt vor uns türmt sich ein massiver Felsen auf, von dem Moos wie Bärte herunterhängt. Zahllose Wasserfälle sprießen über die Kante des höhergelegenen Sees hinunter in das nächste Becken. Es ist warm und luftfeucht durch die Nebel des herabstürzenden Wassers. Ich fühle mich wie im Regenwald.

 

Nachmittags schippern wir mit einer Fähre in den unteren Teil des Nationalparks. Der Himmel wird immer dunkler und das hellblaue Wasser der Seen sticht gegen die drohende Apokalypse hervor. Wir schaffen es gerade noch zum unglaublich gigantischen Großen Wasserfall am Ende der Holzstege. Zurück an der Haltestelle des Shuttlebusses donnert es bereits. Wind kommt auf. Wir springen in den herannahenden Bus, bevor es fast so dunkel wird, wie die Nacht. Dann schießen gemeinsam mit armdicken Blitzen ungefähr 5000 Liter Wasser vom Himmel. Perfektes Timing. Weil danach der gesamte Park unter Wasser steht und ich nur Stoffschuhe anhabe, ziehe ich sie einfach aus und laufe die 1,5 Kilometer zum Auto barfuß.

Magischer Wald im Regen des Nördlichen Velebit

Nationalpark Nördlicher Velebit, Naturwunder Kroatien
Magischer Wald im Nördlichen Velebit

Der Nationalpark Nördlicher Velebit ist ein Gebirge mit fantastischen Ausblicken. Ganz besonders, wenn es in Strömen regnet und man die Hand vor Augen nicht sieht. Da wir aus dem Großstadt-Verkehrschaos raus sind, beschließt mein Freund, dass er jetzt auch endlich mal fahren könnte. Weil es allerdings 10 Jahre her ist, seit er zuletzt mit einem manuellen Getriebe gefahren ist, starten wir erstmal so geräuschvoll wie Michael Schumacher.

„Wir fahren jetzt fast achtzig. Ich denke, du kannst mal in den zweiten Gang schalten“, sage ich grinsend und ernte einen scherzhaft-bösen Blick über die Sonnenbrille.

„Weißt du, es ist verdammt weit von hier zu Fuß zurück zum Haus“, erwidert mein Freund, während er nur wenige Zentimeter an einer Leitplanke entlangschießt. Die Straße zum Nationalpark Nördlicher Velebit führt einspurig durch winzige Dörfer. Etwas, das es in seinem Land der weiten Highways und endlosen Horizonte nicht gibt. Nach dem Kassenhäuschen zum Park verwandelt sich der asphaltierte Weg auch noch in eine Schotterpiste mit gut gefüllten Pfützen. Nebel hängt tief in den Bäumen. „Ich bin froh, dass das nur ein Leihwagen ist“, sagt mein Freund, als wir unheilvoll durch eine Pfütze vom Ausmaß des Bodensees rumpeln. Ich bin froh, dass wir eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen haben.

 

Oben im Gebirge tost ein eiskalter Nebelsturm. Nichts ist zu sehen von tollen Ausblicken und Felsformationen. Wir gehen trotzdem wandern. Machen wir immer. Auch wenn uns am Gipfel fast das Sandwich aus der Hand fliegt, sehen wir unterwegs wundersam geformte Märchenwälder, verwunschene Wurzeln und knorrige Äste. Es ist alles eine Sache der Perspektive.

Als wir abends wieder in unserem Geisterhaus sind, sitzen wir mit Pizza und Wein auf dem Balkon. Wir befinden uns gerade in einer bahnbrechenden, philosophischen Unterhaltung, als ein morschen Bröseln an mein Ohr dringt. Dann bricht mein Stuhl auseinander. „Sarah, was machst du?“, ruft mein Freund, während er vor Lachen fast die Pizza wegwirft. Ich will etwas Cooles antworten, aber dann können wir einfach beide minutenlang nicht aufhören, zu lachen.

Am nächsten Tag fahren wir weiter Richtung Split. Aber die Erinnerungen an diese Momente hier werden für immer bleiben.

Das gesamte Reisetagebuch findet ihr unter Roadtrip Kroatien.

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